Dienstag, 17.02.2015

Ostukraine: Separatisten stürmen Debalzewo

Der Donezker Separatistenführer Alexander Sachartschenko war kurz nach der Eroberung von Debalzewo schon vor Ort - und wurde von einem Granatsplitter am Fuß verletzt. (Foto: vesti.ru)
Moskau/Kiew. Die Waffenruhe und der Abzug der Geschütze steht nur auf dem Papier: In der Ostukraine tobt der Krieg zumindest um den Kessel von Debalzewo umso heftiger. Die Separatisten melden, sie hätten den Ort weitgehend eingenommen.
Eigentlich sollten in der Ostukraine seit Sonntag die Waffen schweigen – und seit Montag der Abzug aller schweren Geschütze und Raketenbatterien von der Frontlinie laufen. So sah das die mit gehörigem politischen Aufwand letzte Woche aufgefrischte Minsker Vereinbarung vor.

Doch die Realität auf dem Kriegsschauplatz ist eine andere: In und um das strategisch wichtige Städtchen Debalzewe (russ.: Debalzewo) toben heftige Kämpfe. Und es sieht so aus, als würden die von Russland unterstützten Separatisten-Verbände die Oberhand gegen die in dem Ort eingeschlossenen ukrainischen Truppen gewinnen.

Ukrainische Soldaten ergeben sich - sagt Donezk


Am Dienstag meldete das „Verteidigungsministerium“ der von den Separatisten ausgerufenen „Donezker Volksrepublik“, der „größte Teil von Debalzewo“ sei unter der eigenen Kontrolle. Andere Quellen sprachen von 80 Prozent der Stadt. Die Einheiten der ukrainischen Seite würden nur noch den Westteil halten.

Der Vormarsch sei möglich geworden, weil viele ukrainische Soldaten ihre Stellungen aufgeben und sich ergeben würden, hieß es. Im Laufe des Tages war von 20, dann von 120 und schließlich von 300 Kriegsgefangenen die Rede. Opferzahlen wurden von keiner Kriegspartei genannt.

Nach stark schwankenden Angaben der russischen Seite hatten sich in dem Ort zu Zeitpunkt der Minsker Verhandlungsrunde zwischen 2000 und 10.000 ukrainische Soldaten verschanzt. Debalzewe ist ein Bahnknotenpunkt und liegt zudem an der kürzesten Straßenverbindung zwischen den beiden Hauptstädten der ostukrainischen Rebellenrepubliken Donezk und Luhansk. Das von den Ukrainern gehaltene Areal ragte wie ein Beutel in das von den prorussischen Separatisten gehaltene Gebiet hinein.

in den letzten Tagen gab es von beiden Seiten widersprüchliche Berichte darüber, ob die ukrainische Streitmacht in Debalzewe nun von allen Seiten umzingelt sei oder nicht. Kiew erklärte immer wieder, dass die Verbindung zu den Truppen in dem Brückenkopf nicht abgerissen sei. Wie russische Medien berichteten, war dieser Streitpunkt auch Ursache dafür, dass sich die nächtlichen Verhandlungen in Minsk so lange hinzogen.

Über die Lage in der einst von 25.000 Menschen bewohnten Stadt gibt es kaum Nachrichten. Vermutlich halten sich dort in den Kellern noch einige tausend Zivilisten ohne Nahrungs- und Energieversorgung unter schrecklichen Bedingungen auf.

Schwere Waffen rücken vor - statt ab


Während der ab Sonntag geltende Waffenstillstand an den anderen Frontabschnitten für eine deutliche Beruhigung der Lage sorgte, gingen rund um Debalzewe die Artillerieduelle weiter. Beide Seiten führten offenbar auch neue Panzer und Waffen heran – obwohl eigentlich am Montag der beidseitige Rückzug der schweren Systeme hätte beginnen sollen.

Am Dienstag begannen die prorussischen Kämpfer dann mit dem Sturm auf den ukrainischen Vorposten. Wie ein Sprecher des Kiewer Generalstabs erklärte, hätte der Gegner einen Teil der Stadt erobert. Auch sei ein Nachschubkonvoi zerschossen worden und nicht in Debalzewe angekommen.

Die Separatisten sollen OSZE-Beobachter unter Verweis auf die Kämpfe nicht nach Debalzewe vorgelassen haben, wurde in Kiew beklagt. Trotz der Kämpfe trat am Dienstag im Ort Soledar eine Waffenstillstands-Arbeitsgruppe mit Vertretern der Ukraine, Russlands und der Separatisten zusammen. Im Stab der Donezker Kämpfer bezeichnete man dies als die ersten direkten Kontakte mit der ukrainischen Armeeführung.

Möglicherweise wird also eine jetzt eine Feuereinstellung ausgehandelt - die aber wohl nur noch auf einen Rückzug der Armee aus Debalzewe hinauslaufen kann. Ob danach der Minsker Friedens-Fahrplan vielleicht wieder eine Chance bekommt, ist noch völlig offen.