Donnerstag, 25.05.2006

Petersburger Miliz hebt Neonazigruppe aus

Diese Zeichnung stammt aus einer Hetzbroschüre der Neonazis. Sie diente wohl als Anleitung zum Mord(Foto: newsru)
St. Petersburg. Im Vorfeld des G8-Gipfels machte die Petersburger Miliz eine rechtsextreme Bande unschädlich, auf deren Konto Aufsehen erregende Morde an Ausländern und Antifaschisten gehen. Die Stadt atmet auf.
Der Ruf Petersburgs, das durch die sich häufenden rassistischen Verbrechen schon fast als „braune Hauptstadt“ verschrien war, ist also erst einmal wieder gerettet. Stadtstaatsanwalt Sergej Saizew ist der Meinung, dass die Aushebung dieser Bande zwar keine Garantie gegen weitere rassistisch motivierte Verbrechen sei, aber nun sei „Petersburg erheblich sicherer für Ausländer“.

Aggressiver als alle anderen


Ob das der Wahrheit entspricht, wird die Zukunft zeigen. Der Bericht der Sicherheitsorgane kann sich jedoch tatsächlich sehen lassen: Ende letzter Woche waren fünf Mitglieder einer straff organisierten rechtsextremen Gruppe in Gewahrsam genommen worden.

Einer der Anführer, Dmitri Borowikow, leistete Widerstand und wurde bei der Verhaftung erschossen. Weitere Angehörige der Bande, die Saizew als „aggressivste unter derartigen Organisationen“ bezeichnet, sitzen bereits aufgrund früherer Verurteilungen ein.

Die namenlose, unter strengster Konspiration handelnde Gruppe war nach der Zerschlagung der einschlägigen Organisationen „Schulz-88“ und „Mad Crowd“ entstanden. Während diese sich meist mit Schlägereien und Drohungen gegen Ausländer und Kaukasier befassten, „spezialisierte“ sich die nun hochgenommene Bande auf Mord an Ausländern.

Ihre Ideologie war faschistisch (bei Durchsuchungen wurden neben Waffen und Sprengstoff jede Menge rechte Hetzblätter gefunden), ihre Religion heidnisch. Von anderen rechtsextremen Gruppen unterschied sie sich durch eine äußerst negative Haltung zur russisch-orthodoxen Kirche. Das „Gefolge des Perun“ (so nannte sich die Bande nach dem altslawischen Donnergott) plante anscheinend sogar Terroranschläge auf orthodoxe Kirchen.

Mindestens acht Morde


Auf das Konto der Neonazis gehen laut Miliz mindestens acht Morde. So gut wie sicher ist, dass sie im Juni 2004 den Ethnografen und Antirassisten Nikolai Girenko durch dessen Wohnungstür hindurch erschossen. Auf dem Gewissen haben sie ebenso den Mord an einem Koreaner im November 2003 und an dem Senegalesen Samba Lampsar im April dieses Jahres.

Auch vor der Hinrichtung eigener Leute schreckte die Bande nicht zurück. Im Juni 2004 erschossen sie im Leningrader Gebiet zwei „abtrünnige“ Mitglieder. Der eine war als Jude „untauglich“ geworden, der andere hatte Schwächen gezeigt. Man verscharrte sie in zuvor ausgehobenen Gruben, die nun ausfindig gemacht werden konnten.

Journalisten brachten die Miliz auf die richtige Spur


Obwohl die Fahndung nach den Rechtsextremen in den letzten Wochen ausgebaut worden war – es kam sogar erhebliche Verstärkung an Untersuchungspersonal aus Moskau – war der jetzt erfolgte Zugriff letztlich Journalisten zu verdanken. Durch eigene Untersuchungen hatten sie „in die Höhle des Löwen“ vordringen können und die dort gewonnenen Erkenntnisse dann an die Sicherheitsorgane weitergegeben.

Insider, die sich aus verschiedenen Gründen von der Gruppe distanziert haben, waren selbst auf die Journalisten zugekommen. Gegen Garantie für ihre Sicherheit brachten sie die Untersuchung schließlich auf das richtige Gleis.

Möglicherweise peinliche Details für die Arbeit der Miliz


Sofort nach ihrer Verhaftung fingen die Neonazis an auszupacken. Auffällig ist, dass sie sich die Beteiligung an so gut wie jedem rassisch motivierten Mord der letzten Zeit zusprechen. So behaupten einige der Inhaftierten, sie hätten im Februar 2004 den Mord an dem tadschikischen Mädchen Churscheda Sultonowa verübt, der damals in der Stadt blankes Entsetzen auslöste.

Dabei waren gerade in diesem Fall unlängst Urteile ergangen. Obwohl das Gericht keinen Mörder überführen konnte, bekamen mehrere Jugendliche Strafen wegen „Rowdytums“. Sollte die Miliz die Falschen dingfest gemacht haben, würfe das ein sehr schiefes Licht auf die Qualität ihrer Arbeit.

Moskauer Puppenspieler ziehen die Fäden?


Petersburgs Gouverneurin Valentina Matwijenko frönt unterdessen erneut ihrer Lieblingsphobie, wonach alle Übel für die ihr anvertraute Stadt an der Newa aus der russischen Hauptstadt kommen. „Hinter diesen Verbrechen stehen ‚Puppenspieler‛, die Petersburg diskreditieren wollen“, sagte sie am Mittwoch vor der Presse. „Wir wissen genau, dass die Spuren nach Moskau führen.“

Der Petersburger Staatsanwalt enthielt sich jedweden Kommentars zu den Mutmaßungen des Stadtoberhaupts.

(-sb/.rufo)