Montag, 29.03.2010

Terror in Moskau: Doppel-Anschlag auf die Metro

Nach den Anschlägen vom Montagmorgen trauen sich die Moskauer nicht mehr in ihre Metro. (Foto: newsru.com)
Moskau. Moskau ist wieder einmal vom Terror aus dem Kaukasus eingeholt worden. Selbstmord-Attentäterinnen verwandelten einen gewöhnlichen Montagmorgen in Horror: In zwei Metro-Stationen explodierten Bomben. Es gab 38 Tote.
Zwei Selbstmord-Anschläge im Abstand von etwa einer halben Stunde, und dies zu Beginn des Arbeitstages – die Urheber der Moskauer Bombenattentate in der Metro wollten offenbar Erinnerungen an die Angriffe auf das New Yorker World Trade Center vom September 2001 erwecken.

Die Moskauer sind entsprechend schockiert – aber man wird wohl oder übel darüber hinwegkommen: Schließlich waren es bei weitem nicht die ersten blutigen Terrorakte im U-Bahnnetz der russischen Metropole – und für die täglich neun Millionen Benutzer gibt es angesichts der notorischen Staus auf den Straßen auch keine Alternative.

Ziel des Anschlages war die „rote“ Sokolniki-Metrolinie, die quer durchs Moskauer Stadtzentrum verläuft. Um 7.57 Uhr war ein Zug gerade in die Station „Lubjanka“ eingefahren, die Passagiere drängten aus dem wie üblich zu dieser Zeit voll besetzten Zug. Andere standen dicht an dicht auf dem Bahnsteig, als sich im zweiten Waggon eine heftige Explosion ereignete – und 24 Menschen tötete.

Die Spur führt in den Kaukasus


Nach Angaben der Behörden ist bereits klar, dass eine Frau kaukasischen Typs einen etwa vier Kilogramm schweren Sprengsatz in Form eines Gürtels an der Hüfte trug – und sich selbst in die Luft sprengte.

Der Ort des Anschlags war wohl bewusst gewählt: Die Metrostation trägt den gleichen Namen wie das riesige zentrale Gebäude des russischen Inlands-Geheimdienstes FSB gleich nebenan. Unter den Opfern des Bombenanschlags kann also auch FSB-Personal sein – aber die Masse der betroffenen Menschen sind durchschnittliche Moskauer, die auf dem Weg zur Arbeit gerade hier vorbeikamen.

Die zweite Bombe explodierte 40 Minuten später nur drei Stationen weiter, ebenfalls in einem stehenden Metro-Zug: „Park Kultury“ ist eine belebte Umsteigestation zur Ringlinie der Metro. Hier starben am Tatort zwölf Menschen.

Eine Frau wurde nach Berichten von Moskauer Bloggern im Gedränge der fliehenden Menschen totgetrampelt – schließlich waren die Passagiere schon aufgeregt und verunsichert, da der sonst wie ein Uhrwerk laufende Metro-Betrieb bereits ins Stocken geraten war. Erst nach dieser Explosion wurde die betroffene Metrolinie still gelegt und die Stationen evakuiert.

Zu Fuß durch die Stadt aus Angst vor der Metro


Während an den Tatorten Polizei, Rettungswagen, Feuerwehr und Bombensuchtrupps vorfuhren, machten sich Tausende Moskauer auf, zu Fuß zu ihren Arbeitsstellen zu gehen – sei es, weil sie nicht mehr weiterkamen, sei es, weil sie nicht mehr in den Untergrund wollten.

„Ich gehe jetzt quer durch die Innenstadt zur Arbeit, in die Metro traue ich mich nicht mehr und der oberirdische Verkehr funktioniert schlecht“, sagte eine Frau mit verstörtem Kichern in eine Kamera des russischen Fernsehens.

Die Stadtverwaltung organisierte einen Ersatzverkehr mit 130 Bussen und Trolleybussen entlang der noch für neun Stunden gesperrten Linie. Doch auch auf den anderen zehn Metro-Linien war es an diesem Tag alsbald ungewöhnlich leer.

Medien verbreiteten das Gerücht, an einer dritten Metrostation hätte es ebenfalls einen Anschlag gegeben. Stellenweise marschierten die Menschen einfach an den Rändern innerstädtischer Schnellstraßen entlang – dies schien ihnen sicherer und schneller.

Gewissenlose Chauffeure machen den großen Reibach


Noch während über Moskau die Rettungshubschrauber kreisten, fanden sich erste Profiteure der Panik: Moskauer Taxifahrer, auch sonst nicht für ihre Nächstenliebe berühmt, hatten ihre Preise zum Teil verzehnfacht.

Für eine ein Kilometer lange Fahrt in der Nähe der Lubjanka würden 1.000 Rubel (25 Euro) gefordert, berichtete der Nachrichtenkanal „Vesti“. Kirchenoberhaupt Patriarch Kyrill I. appellierte an das Gewissen der Chauffeure, ihren unmoralischen Gewinn wenigstens im Nachhinein für einen guten Zweck zu spenden.

Moskauer Metro nicht zum ersten Mal das Ziel von Islamisten


Die Handschrift der Anschläge weist daraufhin, dass wieder einmal islamische Extremisten aus dem Nordkaukasus zugeschlagen haben: Schon mehrfach haben sie Selbstmordattentäter nach Moskau geschickt – und auch die Metro war nicht das erste Mal deren Ziel.

Der blutigste Anschlag ereignete sich 2004, als in einem fahrenden Metrozug eine Bombe 41 Passagiere in den Tod riss und 250 Menschen verletzte. Bevorzugt werden für die Anschläge junge Frauen eingesetzt, deren Ehemänner oder Brüder im schon gut 20 Jahre schwelenden Konflikt im Nordkaukasus umkamen.

Ebenfalls 2004 hatten solche „schwarze Witwen“ in einem ähnlichen Parallelanschlag mit Sprengstoffgürteln zwei Tupolew-Maschinen auf Inlandsflügen gesprengt und 90 Menschen in den Tod mitgerissen. 2003 töteten zwei „Schahidki“ aus Tschetschenien am Eingang zu einem Moskauer Open-Air-Konzert 16 Menschen.

Racheakt für die Erfolge des Staats?


In den letzten Wochen hatten die Sicherheitsbehörden im Nordkaukasus mehrfach die „Vernichtung“ von führenden Köpfen der Islamistenbewegung gemeldet. So wurde Anfang März auch „Said Burjatski“ getötet, wie sich ein aus dem ostsibirischen Burjatien stammender und zum Islam konvertierter Top-Terrorist nannte. Er galt als Initiator mehrerer Anschläge von Selbstmordattentätern.

Ob die jüngsten Anschläge nun Rache-Akte für die Erfolge des Staates waren oder schon lange geplant, muss vorerst offen bleiben. Doch wurde dadurch offensichtlich, dass Russlands „Anti-Terror-Krieg“ keineswegs vor einem siegreichen Ende steht.

Denn unabhängig davon, wie viele „Banditen“ von den Behörden zwischen Stawropol und Dagestan Jahr für Jahr als ausgeschaltet gemeldet werden: Fachleute taxieren den aktiven Kern der Terrorszene seit über einem Jahr stabil mit etwa 500 bis 700 Personen. „Wir führen die Operation gegen die Terroristen ohne Zögern bis zum Ende weiter“, postulierte Präsident Dmitri Medwedew nach den Anschlägen.

Eher ungewöhnlich ist jetzt allerdings, dass sich die Fahndung nach den „Hintermännern“ der Anschläge auf Frauen konzentriert: Zwei unverschleierte Frauen mit „slawischen Äußerem“ sollen die Attentäterinnen in die Metro begleitet haben. Dies jedenfalls ergab die schnelle Auswertung von Überwachungskameras, die mittlerweile jeden Winkel des unterirdischen Verkehrslabyrinths ausspähen.

Ihre Installation war eine Reaktion auf den verheerenden Anschlag von 2004 gewesen. Doch genauso wie die sichtbare Präsenz von Milizionären, die stichprobenhaften Taschenkontrollen, Patrouillen mit Spürhunden, die Appelle an die Wachsamkeit hinsichtlich herrenloser Gegenstände – derartige Maßnahmen können nicht verhindern, dass sich unter die täglich neun Millionen Metro-Passagiere zombierte Killer ohne Selbsterhaltungstrieb mischen.

Denn Kontrollen wie an Flughäfen sind im Nahverkehr nicht denkbar, weder in Moskau noch anderswo. Das Risiko fährt in Moskaus Metro also weiter mit – und die Angst. Selbst Krisenpsychologen des Moskauer Serbski-Psychiatrie-Institutes fiel nur der Ratschlag ein, sich zu vergegenwärtigen, wie gering trotz allem die Wahrscheinlichkeit doch ist, Opfer eines solchen Anschlags zu werden.