Dienstag, 24.04.2007

Umfrage: Ein Himmelbett für Boris Jelzin

Nach dem Rücktritt zu Neujahr 2000 erholte sich Jelzin. Hier bei seinem 75. Geburtstag in 2006. (Foto: RTR).
Moskau. Boris Jelzin ist tot. Der erste Präsident im postsowjetischen Russland gab sich volksnah – trank, tanzte und sang mit den Bürgern. Doch wie bleibt er wirklich in Erinnerung? Russland-Aktuell hat nachgefragt.
Nadeschda Nikolajewna (Foto: Mironow/.rufo).
Nadeschda Nikolajewna, 72, Rentnerin: Ich kann nichts Gutes über Jelzin sagen. Jelzin – das ist der Untergang der Sowjetunion, das ist Tschetschenien, das sind ständige Trinkerei und Intrigen. Machthunger! Jelzin konnte nicht abwarten, das Gorbatschow das Kreml-Kabinett verlässt, Jelzin hat sich in sein Arbeitszimmer gestohlen ... er hätte um Entschuldigung bitten müssen. Der Zerfall der UdSSR – das ist kein Verdienst. Ich habe unter Stalin gelebt, unter Chruschtschow, unter Breschnjew und unter Jelzin – er ist der unberechenbarste gewesen.

Darja (Foto: Mironow/.rufo).
Darja, 21: Als Jelzin an der Macht war, war ich noch klein und habe mich nicht für Politik interessiert. Und auch jetzt interessiere ich mich nicht dafür. Ein alter Mann ist gestorben. Einiges ist ihm nicht gelungen im Leben. Putin hat viel mehr für das Land zu Wege gebracht. Das Jelzin Putin als seinen Nachfolger vorgeschlagen hat, das war ein guter Zug. Unordnung ist schwer zu beseitigen. Sollte Sergej Iwanow Putin ablösen und die Arbeit fortsetzen, das würde ich begrüßen.

Kasym (Foto: Mironow/.rufo).
Kasym Nabijewitsch, 48, Arbeiter: Vieles hätte man verhindern können. Zum Beispiel der Tschetschenien-Krieg. Und viele autonome Republiken hätte man nicht provozieren müssen mit der Losung: „Nehmt euch so viel Souveränität, wie ihr mitnehmen könnt!“ Aber ohne Jelzin gäbe es vieles nicht, was es heute gibt. Damals waren die Regale in den Läden leer! Man musste sie erst füllen. Allerdings hätte das anders geschehen müssen. Unter Jelzin ging die Industrie viel zu schnell in die Knie. Man hätte die Reformen viel vorsichtiger durchführen müssen. Sehr vorsichtig hätte man die Waffenproduktion auf die zivile Produktion umstellen müssen.

Alexej (Foto: Mironow/.rufo).
Alexej, 42 Was soll man schon über Jelzin sagen? Er hat nichts Schlechtes getan. Weder er, noch Michail Gorbatschow sind am Zerfall der Sowjetunion schuld. Dafür sind andere verantwortlich. Warum soll man Jelzin und Gorbatschow das vorwerfen. Soll die Erde sein Himmelbett werden. Ich kann nichts Schlechtes über ihn sagen. Wenn Sie dagegen etwas über Lukaschenko hören wollen, kann ich gern anfangen!
Elmira, 47, Hausfrau: Ich bin vollkommen mit dem einverstanden, was Jelzin im letzten Interview über sich selbst gesagt hat, als er seine Fehltritte aufzählte. Er wollte es so gut wie möglich machen, aber seine Umgebung, die alten Strukturen haben ihn dabei behindert. Genauso schwer hat es jetzt Putin mit diesen alten Strukturen.

Wenn ein Mensch stirbt, will man nichts schlechtes über ihn reden. Jeder wird geboren, um etwas Gutes in dieser Welt zu schaffen. Das Leben zwingt einen manchmal dann doch anders zu handeln. Mir tut Jelzin leid. Obwohl ich ihn früher viel negativer beurteilt habe

(am/cj/.rufo/Moskau).




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Eine ausführliche Würdigung Jelzins finden Sie in dem Artikel: "Jelzin - Ein Symbol für Russland in den 90iger Jahren" >>>