Mittwoch, 27.07.2011

WoW: Medwedew macht Onlinespiel zur Geschichtsstunde

Russlands Präsident Dmitri Medwedew will die russische Geschichte spielend vermitteln. (Foto: TV)
Moskau. Dmitri Medwedew will ein russisches Pendant zum Online-Spiel World of Warcraft schaffen. So will er das Interesse der Jugend an russischer Geschichte wecken. Die Internetgemeinde fragt sich: Ist Medwedew ein Troll?
Auf 1.150 Jahre Geschichte kann der russische Staat zurückblicken; eine stolze Zahl. Viele Jugendliche in Russland wissen davon freilich wenig. Das Interesse am Geschichtsunterricht ist gering. Aber das wird sich ändern, dank Internet, Innovation und dem russischen Präsidenten.

Geschichte lernen durch WoW


Präsident Dmitri Medwedew präsentierte bei einer gemeinsamen Sitzung des Kultur- und Technikrats in Jaroslawl eine ausgefallene Lösung für das Problem: Da sich viele Jugendliche für Computerspiele interessieren, sollten die IT-Spezialisten doch ein Spiel entwickeln, das auf der russischen Geschichte basiere, schlug er vor.

„Die Mehrheit der Spiele trägt pseudohistorischen Charakter, sie basieren auf einer Geschichte im Fantasy-Stil. So auch World of Warcraft. Wer es nicht kennt, das ist eins der populärsten Spiele weltweit mit zig, wenn nicht hunderten Millionen Spielern. Nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene können stundenlang damit zubringen", klärte Medwedew die Spitzenbeamten auf.

"Neben allen destruktiven Ansätzen dient dort die Entwicklung der menschlichen Zivilisation als Hintergrund. Wenn das Spiel so beliebt ist, können wir doch etwas Ähnliches machen, wenn auch nicht im Weltmaßstab, so doch im Maßstab unseres Landes“, so fuhr Medwedew fort.

Viele Spieler kommen aus Russland


World of Warcraft (WoW) ist tatsächlich das derzeit populärste Massen-Mehrspieler-Online-Rollenspiel weltweit, wenn Medwedew bei der Anzahl der Anhänger auch übertrieben hat. Derzeit sollen elf – zwölf Millionen Menschen pro Monat weltweit WoW spielen, wobei ein nicht unbeträchtlicher Teil der Fangemeinde aus Russland stammt.

Tatsächlich verbringen mittlerweile ganze Bürogemeinschaften langweilige Arbeitsstunden am liebsten in WoW-Feldzügen - und zahlen dafür etwa 10 Dollar Abo-Gebühr pro Monat. Ein stattliches Geschäft also.

Freilich kann der Spieler bei WoW statt in die Rolle eines Menschen auch in die eines Orks oder Troll schlüpfen. Während sich nun also die Hälfte der russischen Blogger, die Medwedews Ausspruch kommentieren, fragt, ob der russische Präsident nun als Troll das Östliche Königreich unsicher mache, ergeht sich die andere Hälfte in Diskussionen über Sinn und Unsinn des Vorschlags.

IT-Industrie hofft auf staatliche Aufträge


Die Idee sei nicht schlecht, doch kommerziell sei die Schaffung eines Spiels allein für den russischen Verbraucher zweifelhaft, erklärte Dmitri Archipow, Ex-Präsident des russischen Spieleherstellers Akella:

„Stellen Sie sich vor, wir machen ein Spiel „Harry Potter“ über die russische Geschichte. Das ist interessant und ein gutes patriotisches Projekt, aber die Entwicklung wird zig Millionen Dollar kosten“, erklärte er.

Nur mit Unterstützung des Staates könne die russische Spiele-Industrie solch ein Auftragswerk schaffen, meint Archipow. Während sich die IT-Industrie immerhin eine Reihe von Aufträgen aus dem Projekt versprechen kann, sehen andere Experten die Sache kritischer.

Russische Geschichte schon zu oft umgeschrieben


Das Skript eines Onlinespiels umzuschreiben, sei kein Problem. Die russische Geschichte sei in der Vergangenheit jedoch schon zu oft umgeschrieben worden, monieren sie.

„In einem Spiel kann jeder Büromanager zum Präsidenten werden und jeder Präsident zur Nachtelfe. Im Gegensatz zur realen Geschichte. Diese sollte doch lieber an der Schule gelehrt werden und nicht in Online-Spielen“, kommentiert die Boulevardzeitung "Moskowski Komsomolez" den Vorschlag Medwedews.