Dienstag, 14.07.2015

Absturz, Einsturz, Absturz: Unglückssträhne bei der Armee

Als mögliche Ursache des Kaserneneinsturzes von Omsk gilt inzwischen eine Unterspülung des Fundaments aufgrund einer unzureichenden Wasserableitung (Foto: livenews.ru)
Moskau. Russlands Armee erleidet herbe Verluste - nicht auf dem Schlachtfeld, sondern bei Übungsflügen und im Kasernenleben: 23 Wehrpflichtige starben beim Kollaps ihrer Unterkunft. Und seit Juni sind schon sechs Flugzeuge abgestürzt.
Moskau und der Westen beäugen sich zunehmend misstrauisch: Nato-Osterweiterung hier, Krim-Anschluss dort – die Zeiten, Nerven und die internationale Lage sind angespannt. Deshalb wird Russlands Armee im eigenen Land gerade mit viel Geld und Propagandaaufwand als verlässliches Bollwerk der Vaterlandsverteidigung aufgebaut.

Noch ist sie nicht vergessen, die hochaufwändige und schier endlose Parade zum 70. Tag des Sieges im Zweiten Weltkrieg, als Russlands Militärs ihren neuen Wunderpanzer „Armata“ erstmals öffentlich auffahren ließen. Die Zeiten der vernachlässigten Hungerleider-Armee sind vorbei, so die Botschaft: Militärdienst ist wieder schick, ein sicherer Job – und die Heimat wird es danken. Doch dieser Tage leidet das Image der Armee in Russland schlimmer, als wenn man sie nachweislich beim Einsatz in der Ostukraine erwischt hätte – was es ja nach offizieller Moskauer Darstellung nicht gibt und nie gab. Schuld sind TV-Bilder aus dem sibirischen Omsk:

Und plötzlich brach die Kaserne entzwei


Sie zeigen eine ordentliche, geradezu herausgeputzte Kaserne. Doch in einem der blau-weiß verkleideten, vierstöckigen Gebäude klafft ein Loch vom Boden bis zum Dach, wie als hätte ein Riese einen Kanten Brot angebissen.

Die meisten der 337 dort untergebrachten Soldaten eines Ausbildungszentrums für Fallschirmjäger schliefen schon, als das Gebäude in der Nacht auf Montag einfach einstürzte. 23 Wehrpflichtige starben in den Trümmern, 13 Schwerverletzte wurden in Moskauer Kliniken ausgeflogen.

Die Eltern mancher Opfer waren noch in der Stadt, die feierliche Vereidigung der jungen Soldaten hatte erst kurz vorher stattgefunden. „Eine Armee, deren Kasernen wie Kartenhäuser einstürzen, das ist nicht die Armee, in die man seine Söhne schicken möchte“, so ein Kommentator der Zeitung „Iswestija“. Da helfe auch alles militär-patriotisches Brimborium nichts.

Schuld war weder ein Terroranschlag noch eine Gasexplosion oder ein Brand, sondern Pfusch: Die Kaserne mit Baujahr 1975 war erst anderthalb Jahre vorher nach einer – so schien es – grundlegenden Sanierung wieder bezogen worden.

Schäbiger Altbau, hübsch renoviert - von außen


Wie jetzt ans Licht kommt, hatten Fachleute zuvor für einen Abriss des Blocks plädiert: Zwischen Wänden und Dach habe es stellenweise bereits hineingeschneit. Doch Geld war für eine Sanierung bewilligt, keinen Neubau. So wurden nur Fußböden und Wände begradigt, neue Leitungen, Fenster und Fassadenverkleidungen installiert. Bei der Endabnahme des Gebäudes im Dezember 2013 wurden bauliche Mängel protokolliert, diese seien jedoch „nicht fatal“. So dachte man.

Der Kommandeur der Ausbildungseinheit wurde inzwischen festgenommen, er hatte den Wiederbezug genehmigt. Das gleiche Schicksal ereilte den Chef des beauftragten Bauunternehmens Remexstroi aus Nischny Nowgorod. Es hatte in den vergangenen Jahren diesseits des Urals bereits mehrfach Kasernen saniert – und sich dabei schon eine ganze Reihe von Schadenersatzklagen wegen Qualitätsmängeln eingehandelt.

Ein Omsker Bürger meldete sich zu Wort, er habe auf der Baustelle gearbeitet – doch 35 von 40 Mann seiner Brigade seien nicht vom Fach gewesen, sondern „Alkoholiker und Drogensüchtige“, abgestellt von Reha-Programmen und faktisch nur mit Essen bezahlt.

Unglück passt ins Bild vom korrupten Militär


„Es ist wie immer, Schlamperei multipliziert mit Verantwortungslosigkeit führt zu solchen Tragödien“, twitterte Wladimir Markin, der Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft. Geldgier dürfte als Motiv hinzukommen. Bezeichnend ist, dass an dem Projekt eine AG namens „Slawianka“ aus dem Geflecht der schon lange unter Korruptionsverdacht stehenden privatisierten Militärbau-Firmen beteiligt war. Slawiankas Ex-Chef Alexander Jelkin sitzt schon länger in U-Haft, er wird verdächtigt, etwa 2 Mio. Euro an Schmiergeldern für Auftragsvergaben an Subunternehmer kassiert zu haben.

Langstreckenbomber mit Motorenausfall


Während in der Omsker Kaserne noch die Trümmer aus Beton beseitigt werden, untersucht die russische Luftwaffe bei Chabarowsk im Fernen Osten die Überreste einer Tupolew 95: Der Interkontinentalbomber war am Dienstag bei einem Übungsflug über der Taiga abgestürzt. Fünf der sieben Besatzungsmitglieder konnten sich per Fallschirm in Sicherheit bringen, die beiden anderen starben. Das Verteidigungsministerium meldete als Unglücksursache, alle vier Turboprop-Triebwerke des strategischen Bombers seien ausgefallen.

Die Tu-95 stammt zwar, wie ihr US-Gegenstück, die B-52, noch aus den 1950er-Jahren, gilt aber als äußerst zuverlässiges Flugzeug. Doch bereits vor einem Monat war eine Tu-95 bei einer Notlandung mit Feuer an Bord zerstört worden, ein Besatzungsmitglied konnte sich nicht mehr retten.

Absturzserie bei den Jagdfliegern


Anfang Juni verloren Russlands Luftstreitkräfte an einem Tag gleich zwei Flugzeuge: eine MiG-29 und einen nagelneuen Jagdbomber vom Typ Su-34. Und Anfang Juli stürzten im Abstand von drei Tagen eine weiterer Jäger vom Typ MiG-29 und eine SU-24M ab.

Nach dem sechsten Absturz einer russischen Militärmaschine in diesem Sommer stellt sich die Frage, ob die Unfallserie nur damit erklärt werden kann, dass Russlands Armee angesichts der Weltlage einfach intensiver übt – oder ob in ihren Flugzeugen mittlerweile genauso viel Pfusch und Filz steckt wie in den Kasernenbauten. Wirksam abschrecken kann die Truppe so jedenfalls nur das eigene Volk.