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Mittwoch, 25.04.2001

Das Schweigen der Kühe vom Pripjat

Von Karsten Packeiser (Moskau). Die Reaktorkatastrofe von Tschernobyl wurde zur ersten großen Nagelprobe für Michail Gorbatschows Politik der neuen Offenheit. Einmal noch behielten im April 1986 Betonköpfe und Zensoren die Oberhand. Der größte GAU in der Geschichte der zivilen Atomenergie wurde in der Sowjetunion so lange wie möglich totgeschwiegen, die fatalen Folgen gegenüber dem Ausland heruntergespielt.

„Mindestens zehn Tage lang gab es keine einzige Meldung darüber, was in Tschernobyl wirklich passiert war. Alle Fragen hingen in der Luft“, erinnert sich Wladimir Ostrogorski, heute Publizist in Berlin und damals Kommentator beim deutschen Programm von Radio Moskau im Gespräch mit Aktuell.ru.

Westliche Medienberichte über die Ausmaße der Katastrofe wurden als finstere Machenschaften antisowjetischer Kräfte dargestellt. „Im Sowjetfernsehen wurde eine Herde vor Kraft und Gesundheit strotzender Kühe gezeigt, die in unmittelbarer Nähe zum Reaktor am Ufer des Pripjat grasten und mit dem Schwanz wedelten.“ Die Kühen hätten die Gefahr bestimmt gespürt, wenn es sie gegeben hätte, so der Unterton des Begleitkommentars. „Es war streng verboten, von einer „Katastrofe“ zu sprechen. Das Wort „Unfall“ durfte verwendet werden, aber nur einmal pro Beitrag und nicht häufiger. Über die westlichen Vorsichtsmaßnahmen machte sich der Moskauer Rundfunk sogar noch lustig.“ Ostrogorski war sich breits damals sicher, dass sich die sowjetische Propaganda mit ihrer Tschernobyl-Berichterstattung endgültig diskreditierte. “Es war eine Katastrofe von globalem Ausmaß und wir redeten irgendwelchen Blödsinn über Kühe, die ihr Gras fraßen...“

Auch die Prawda beeilte sich nicht mit Berichterstattung über das historische Unglück. Das Parteiorgan der KPdSU bereitete sich gemeinsam mit dem ganzen Sowjetweltreich auf die Mai-Feiertage vor. Im Mittelpunkt der Berichterstattung am Tag nach der Katastrofe: ein Ball der Arbeiterinnen des litauischen Baumwollkombinats „60 Jahre Kommunistische Partei“. Das sowjetische Fernsehen berichtete am 28. April zum ersten Mal über einen Brand im Atomkraftwerk. Während im Westen bereits Besorgnis und Panik um sich griffen, ließ der Kreml am 1. Mai landesweit auf Großkundgebungen noch einmal die ahnungslosen Werktätigen aufmarschieren. „Die Heldenstadt am Dnjepr grüßte den ersten Mai mit zartem aquarell-farbenen Grün der Bäume, leuchtendem Rot der Transparente und mit Festmusik der Orchester“, meldete die Prawda von der Kundgebung aus Kiew, etwa 100 Kilometer vom Unglücksreaktor entfernt.

„Die Zensur war 1986 noch nicht abgeschafft, den Vorsitz im staatlichen Radio- und Fernsehkomitee hatte ein Mann mit ernster KGB-Vergangenheit. Um einen Beitrag beim Moskauer Rundfunk zu senden, benötigte man vier oder fünf Unterschriften, über kein ernsthaftes Thema durfte berichtet werden, über das nicht vorher die Prawda geschrieben hätte,“ so Ostrogorski. „Glasnost galt Mitte der 80er Jahre zunächst nur für die sowjetische Vergangenheit, für die Gorbatschow und seine Mannschaft persönlich keine Verantwortung trugen, aber nicht für die Gegenwart.“

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