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Sonntag, 26.05.2002

Friede, Freude, Kaviar

Von Lothar Deeg (St. Petersburg). Wladimir Putin und George Bush demonstrierten bei ihrem Wochenend-Trip nach St. Petersburg, dass Russland und die USA jetzt nicht nur strategische Partner und Alliierte im Antiterror-Krieg sind, sondern richtige Freunde: Immer schön füreinander da sein - sei es beim Antiterrorkrieg, der atomaren Abrüstung oder beim gemeinsamen Kulturgenuss auf höchster Ebene.

St. Petersburg empfing die beiden Präsidentenpaare nicht nur mit Kaiserwetter, sondern auch mit vielen fröhlich winkenden Menschen an den Straßenrändern. Das lag allerdings weniger an der Popularität Putins und der Neugier auf seinen amerikanischen Gast, als am Zaren Peter dem Großen: Der hatte die einstige russische Hauptstadt just am 27.Mai 1703 gegründet, weshalb die Stadt mit Militärmusikparade, Volksfesten und Karneval am Wochenende ihren 299. Geburtstag feierte. Ein paar Dutzend Demonstranten (eine seltsame Mischung aus Antiglobalisten, Pazifisten und faschistoiden Nationalisten) gingen in den feiernden Massen fast unter: Ein Durchbruchsversuch durch die Absperrungen bei der Universität, einige von der Miliz schnell wieder eingeholte Transparente und etwa 50 auf Polizeiwachen abgeführte Protestierer konnten das Gipfel-Protokoll und die gehobene Stimmung nicht durcheinander bringen.

Den Freitagabend und auch die anschließende Nacht hatte das Ehepaar Bush noch auf der – sonst perfekt abgeschirmten - Putin-Datscha bei Moskau verbracht. Putin und Bush plauderten im Garten auch mal ohne Dolmetscher (Putin paukt nebenbei englisch, mit seinen Deutsch-Kenntnissen kann er ja nicht überall brillieren), die Bushs lobten hinterher die gute Erziehung der beiden Putin-Töchter. In St. Petersburg dann zunächst eine protokollarische Pflicht: die Kranzniederlegung auf dem Piskarjowskoje-Friedhof in St. Petersburg, wo eine halbe Million Leningrader Blockadeopfer aus dem Zweiten Weltkrieg verscharrt wurden. Eine Einigkeitsdemonstration aber auch hier: Putin und Bush lassen vor dem Ehrenmal nicht zwei, sondern einen gemeinsamen Kranz aufstellen. Jeder zupfte dann sein persönliches Band in die richtige Lage.

Beim Mittagessen nach der Exkursion durch die Ermitage erlaubte es sich Putin gar, Bush auf den Arm zu nehmen: Ein Teil des Schwarzen Kaviars werde aus Fischen gewonnen, die man danach wieder zunähe und in der Wolga wieder aussetze, erklärte er der Tischgesellschaft. „Alle haben gekichert, nur der amerikanische Präsident hat mir geglaubt“, eröffnete Putin der Presse. Was sich liebt, das neckt sich: Bush nahm den Witz offenbar nicht übel, denn als sich die beiden Präsidenten später bei einer Diskussionsveranstaltung in der Universität den Fragen von 250 auserwählten Studenten stellten, spielten sie sich wie zwei Talkmaster charmant die Bälle zu. Bush nutzte die Gelegenheit, nochmals den am Freitag in Moskau unterzeichneten Abrüstungsvertrag zu loben: „Wir haben mit dem Kalten Krieg Schluss gemacht“. Die Feindschaft zwischen den USA und Russland liege inzwischen weit zurück, „heute sind beide Länder Freunde“. Auch versprach er Russland Rückendeckung beim Beitritt zur Welthandelsorganisation WTO und seinen persönlichen Einsatz zur baldigen Abschaffung des „anachronistischen“ Jackson-Vanik-Amendments im amerikanischen Handelsgesetz, dass den russischen Export in die USA hemmt.

Dass diese Handelsschranke, einst als Antwort auf die Emigrationshindernisse für sowjetische Juden eingeführt, inzwischen moralisch überholt ist, liess sich Bush bei einem Besuch der Synagoge von Vertretern der Jüdischen Gemeinde versichern. Hinterher erklärte Bush, die Fernsehkameras fest im Auge: „In Russland gibt es Religionsfreiheit.“ Bestärkt hatte ihn darin auch sein vorhergehender sonntäglicher Kirchgang: Wladimir, der Metropolit von St. Petersburg und Ladoga, hielt eigens für das Präsidentenpaar eine orthodoxe Andacht in der Kasaner Kathedrale – zu Sowjetzeiten war die Hauptkirche der Stadt als „Museum für Atheismus“ zweckentfremdet. Einfache Gläubige mussten allerdings trotz aller Religionsfreiheit draußen bleiben: Aus Sicherheitsgründen waren nur handverlesene Mitarbeiter der Stadtverwaltung zum Gottesdienst zugelassen.

Auf der abendlichen Bootsfahrt über die für allen anderen Boote gesperrte Newa hatten die Bushs aber nicht nur die Schönheit Petersburgs in den „Weißen Nächten“ bewundert. An Bord des kitschig dekorierten Restaurantschiffs „New Island“ kamen auch wieder politische Fragen auf den Tisch – auch solche, bei denen sich Russland und die USA nicht einig sind: Aus dem Weißen Haus hieß es, die Präsidenten hätten über die Lage im Nordkaukasus und Georgiens Kampf gegen den Terrorismus im Pankis-Tal geredet – sprich, auch über die von Russland abgelehnten Einsatz von US-Militärberatern im Grenzgebiet zu Tschetschenien. Auch die akuten Spannungen zwischen Pakistan und Indien kamen zur Sprache. Doch Bush trägt offensichtlich Putins in der Ermitage verkündete Initiative mit, Anfang Juni die Staatschefs der beiden hoch gerüsteten Länder in Kasachstan an den Verhandlungstisch zu holen.

Während Bushs „Air force one“ in Richtung Paris abhob, eilte Putin schon zum Arbeitstreffen mit der der finnischen Präsidentin Tarja Halonen in den Petersburger Schloss-Vorort Zarskoje Selo. „Ein erfolgreicher Gipfel“, resümierte er dort. „Das wichtigste ist, dass wir bei den Schlüsselfragen zu beidseitigem Verständnis gekommen sind, bei der Abrüstung und bei der Sicherheit“. Vor einem Jahr, als man mit den Vorbereitungen zu dem Treffen begann, seien dort, so Putin, die Positionen noch „entweder auseinander gegangen oder waren direkt entgegengesetzt“.

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Sicherheitsabstand sieht anders aus. Aber wenn an der Peter-Pauls-Festung in St. Petersburg der Rundflug-Helikopter startet und landet, sind Zuschauer immer ganz nah dabei. Sobald sie allerdings der Rotorwind samt Staubwolke erfasst, haben die Neugierigen wieder etwas Nützliches fürs Leben gelernt. (Topfoto: Deeg/.rufo)






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