Mittwoch, 17.08.2011

Gorbatschow vor Putsch-Jahrestag: Fehler und Verdienste

Michail Gorbatschow spricht über Verdienste und Fehler. (Foto: newsru.com)
Moskau. Am 19. August jährt sich zum 20. Mal der Putschversuch gegen Gorbatschow. Der sowjetische Ex-Präsident spricht über seine Fehler und Verdienste, Putins negative Entscheidungen und seine Probleme mit Jelzin.
Der gescheiterte Augustputsch von 1991 gegen die Perestroika-Politik von Michail Gorbatschow gehört zu den letzten spektakulären Ereignissen in der damals zerfallenden Sowjetunion. Am 19. August jährt er sich zum 20. Mal. Der erste und zugleich letzte sowjetische Präsident gibt aus diesem Anlass Interviews, zuletzt für den britischen „Guardian“.

Jelzin besser weggeschickt


Den Beginn der Perestroika Mitte der 1980er Jahre hält Gorbatschow bis heute für eines seiner größten Verdienste. Aber er spricht auch von seinen Fehlern. Sein Gegenpart Boris Jelzin lässt ihm dabei immer noch keine Ruhe.

Er hätte Jelzin als Botschafter nach England „oder in irgendeine ehemalige britische Kolonie“ schicken sollen, bevor dieser sich zu seinem Widersacher hätte entwickeln können, meint Gorbatschow heute. Mit Jelzins chaotischer Regierungszeit hat er bis heute immense Probleme.

Lob und Tadel für Putin


Wladimir Putin, der nach Jelzin in den Kreml einzog, habe Russland nach den rauen Neunzigern die nötige Stabilität gegeben. Aber dann habe er Reformen begonnen, die Gorbatschow nicht befürworten könne. Dazu gehört die Aufhebung der freien Wahl der Gouverneure.

„20 negative Veränderungen“ habe die Präsidentschaft von Wladimir Putin gezeitigt, so der Vater der Perestroika. Heute stehe Putin der Entstehung einer „modernisierten Demokratie“ im Wege. 2012 sollte besser Dmitri Medwedew antreten.

Doch auch Medwedews „zugegeben guten“ Modernisierungsplänen räumt er nur geringe Chancen zur Umsetzung ein. Putin habe den aktuellen russischen Präsidenten „überspielt und überlistet“, meint Gorbatschow.

Mindestens fünf eigene Fehler


Während seiner eigenen Amtszeit habe er einige entscheidende Fehler gemacht, gibt der Ex-Sowjetführer zu. Er hätte viel zu lange versucht, die KPdSU zu reformieren und hätte bereits im April 1991 von seinem Posten als Generalsekretär zurücktreten und eine eigene demokratische Reformpartei gründen sollen.

Dann wäre es möglicherweise nicht zu dem kommunistischen Putschversuch am 19. August gekommen. Den damaligen Sowjetrepubliken hätte man mehr Rechte zubilligen müssen. Gorbatschow ist überzeugt, dass eine Reformierung des Sowjetsystems „prinzipiell möglich war“. Damit widerspricht er vielen russischen und westlichen Analytikern.

Die fatalen zehn Tage Urlaub


Zu den Fehlern gehört laut Gorbatschow auch sein Urlaubsantritt vor der Unterzeichnung des neuen Unionsvertrages, der für den 20. August 1991 festgesetzt war. „Ich hätte auch ohne die zehn Tage Urlaub auskommen können… Ich wollte schon nach Moskau fliegen, da kam am 18. August unangemeldet eine Gruppe.

Ich nahm den Hörer, um zu erfahren, wer diese Leute waren und wer sie geschickt hatte. Aber die Leitung war tot.“ Gorbatschow spricht hier über seinen Urlaub auf der Krim, als er in seiner Datscha gefangen genommen wurde.
Als „völligen Quatsch“ bezeichnet er die Mutmaßungen einiger Forscher, er hätte das alles selbst in die Wege geleitet. „Ich hätte auch umkommen können“, sagt er. Jelzins Entscheidung, sich den Putschisten entgegenzustellen, hält er – trotz aller harten Kritik an seinem Nachfolger – für „absolut richtig“.