Dienstag, 28.06.2005

Häftlinge schlitzen sich die Pulsadern auf

Foto: Denejka
Moskau. In einem Gefängnis bei Kursk haben sich mehrere hundert Häftlinge die Pulsadern aufgeschnitten. Mit der Verzweiflungsaktion wollten sie gegen die erniedrigenden Haftbedingungen protestierten.

Nach widersprüchlichen Daten nahmen in der Nacht zum Montag zwischen 180 und 500 Männer an der radikalen Protestaktion teil. Am Dienstag war der Gesundheitszustand aller Häftlinge normal, meldeten russische Internetmedien unter Berufung auf die Behörden. Die Aktion in der Haftanstalt Nr. 3 der Stadt Lgow sei sorgfältig geplant worden, hieß es.

Solidaritätsdemo von Angehörigen

Nach Informationen der Bürgerrechtsbewegung „Für die Menschenrechte“ versammelten sich am Dienstag etwa 50 Angehörige vor dem Gefängnis und protestierten dort ebenfalls gegen die unmenschlichen Haftbedingungen.

Die Behörden leiteten inzwischen Ermittlungen wegen „Widerstands gegen die Gefängnisleitung“ gegen die Häftlinge ein. Aber auch einige brutale Gefängniswärter sollen ins Visier der Staatsanwälte geraten sein. Die Gefängnisleitung erklärte die Protestaktion damit, die Gefangenen hätten sich den „gesetzmäßigen Forderungen der Gefängnisverwaltung“ widersetzen wollen. Klagen gegen die Haftbedingungen habe es bislang nicht gegeben.

Fälle unangemessener Gewaltanwendung

Dies sieht die Staatsanwaltschaft inzwischen offenbar anders: „Während der Überprüfung seien Fälle „ungerechtfertigter Gewaltanwendung“ des Personals gegenüber einzelnen Gefangenen aufgedeckt worden, hieß es in einer offiziellen Pressemitteilung.

Vergleichbare Verzweiflungstaten hatte es in der Vergangenheit schon des Öfteren in den oft hoffnungslos überfüllten russischen Gefängnissen gegeben. Im April hatten bereits Sträflinge im sibirischen Irkutsk sich kollektiv die Venen aufgeschnitten und einen Hungerstreik begonnen, als ein Sondereinsatzkommando die Zellen nach verbotenem Inventar wie etwa Mobiltelefonen durchsuchen wollte.

(kp/.rufo)