Freitag, 06.08.2010

Krisenmanagement: Putin im Qualm, Medwedew im Kreml

Putin in den rauchenden Trümmern - Medwedew besuchte zu diesem Zeitpunkt eine Feuerwache, allerdings in Sotschi (Foto: Vesti)
Moskau. 35 bis 40 Grad im Schatten - und das schon seit Wochen: Russland ist mit der größten Umweltkatastrophe seit Tschernobyl konfrontiert. Für die Staatsmacht ist die Bewährungsprobe zugleich eine Art Wahlkampf.
180.000 Hektar Wald und Torfböden brennen, Millionen Menschen müssen vergiftete Luft atmen, die selbst die toleranten russischen Grenzwerte um ein Vielfaches überschreitet. Durch Hitze und Qualm ist die Sterblichkeit massiv gestiegen: In Moskau werden dieser Tage drei bis viermal so viele Leute wie üblich beerdigt, berichten Bestatter.

Brot für Russland trotz Dürre


Die Getreideernte wird um ein Viertel geringer ausfallen, nach US-Schätzungen sogar um die Hälfte. Premierminister Wladimir Putin verfügte, dass Russland deshalb dreieinhalb Monate lang kein Getreide und Mehl exportieren wird - bwohl dies angesichts gestiegener Weltmarktpreise jetzt besonders lukrativ wäre.

Dabei ist das Land viertgrößter Exporteur der Welt - man stelle sich vor, dass wegen eines eisigen Winters in Russland der Export von Öl und Gas eingestellt wird… In Russland werden derartige Maßnahmen natürlich positiv gesehen: Brot, Bohnen und Buchweizen sind billig und sollen es bleiben, damit die ärmeren Bevölkerungsschichten nicht hungern müssen.

Putin hat so erneut populistische Punkte gemacht. Er schiebt sich gegenüber seinem nominellen Vorgesetzten, dem Präsidenten Dmitri Medwedew, immer weiter in den Vordergrund. In der Waldbrand-Krise könnte jetzt schon entscheiden, wer von den beiden 2012 zur nächsten Präsidentenwahl antritt.

Medwedew mit Krawatte im Löscheinsatz


Putin, kraft Amtes zuständig für Soziales und Finanzen, profiliert sich mit hemdsärmeligen Vor-Ort-Einsätzen als Krisenmanager. Medwedew sitzt hingegen im klimatisierten Kreml – und kämpft auf dem Papier: Als Staats-Chef rief er den Notstand in sieben Regionen aus, ordnete die Anschaffung von neuen Löschflugzeugen und Feuerwehrautos an und erklärte, nun wisse Russland, dass es sich dem Klimawandel stellen müsse.

Allenfalls als Oberkommandierender der Armee kann der Staatschef die Muskeln spielen lassen: Er befahl die Truppen zu Hilfsdiensten für die Feuerwehr – und schickte wütend mehrere hochrangige Militärs wegen Schlamperei aufs Altenteil: Sie seien dafür verantwortlich, dass der Marine eine große Nachschubbasis abgebrannt war.

Doch Putins Vorsprung in Aktionismus ist nicht mehr aufzuholen: Während Medwedew noch in Sotschi „arbeiten und Meeresluft atmen“ war (wie er es nannte), stapfte Putin schon in Jeans durch die rauchenden Überreste eines abgebrannten Dorfes. Er stellte sich den Tränen und dem Gebrüll der teils hysterischen, teils unterwürfigen Ex-Bewohner – und versprach allen Feuer-Opfern neue Häuser bis zum Winter.

"Großer Bruder" Putin überwacht Baustellen


Deren Bau soll nun per Videoübertragung ins Internet zu einer Reality-Show vom effektiven, hilfsbereiten und korruptionsfreien Staat werden. Ein Ausfall der Web-Cams werde als Anlass gesehen, Kontrolleure auf die Baustellen zu schicken, drohte Putin den Gouverneuren vor Ort. Denn ein Monitor werde bei ihm zuhause stehen.

Russlands „Großer Bruder“ scheint in diesen Tagen überall zu sein: Er fand sogar Zeit, um – angeblich eigenhändig – auf den nicht druckreifen Wutausbruch eines Bloggers zu antworten: Der schimpfte, dass es in seinem Dorf nicht mal mehr die zu Sowjetzeiten vorhandene Feuerglocke gebe. „Unter den Kommunisten gab es auch keine solche Hitze“, konterte Putin frech.

Putins Umweltpolitik kein Ruhmesblatt


Komplexere Kritik lässt der Krisenmanager aber an sich abprallen: So war schon in der Ära Putin wohl bekannt, dass die einst zum Torfabbau trockengelegten Sümpfe im Raum Moskau die Hauptstadt aufs Übelste vernebeln, wenn sie denn einmal Feuer gefangen haben. Umweltschutz war nie Putins Priorität. Das Risiko wurde ignoriert, erst jetzt beginnt man eilig, die Renaturierung und Flutung einmal durchzurechnen.

Auch wurde zu Putins Präsidentenzeit die einst landesweit organisierte und einigermaßen schlagkräftige Forstbehörde aufgelöst. Nun ist der Wald Sache der einzelnen Regionen. Doch die kümmerten sich wenig um die personelle und technische Ausstattung der Waldhüter – Hauptsache, die Einschlagrechte sind teuer zu verkaufen.

Nächster Präsident wird: Weder noch!


Doch im gelenkt-demokratischen Russland entscheiden nicht vorrangig Leistungen und Fehlleistungen oder die reine Popularität über den nächsten Kreml-Chef – sondern das kollektive Kalkül des Machtzirkels um Putin und Konsorten. So fabulierte Medwedew vor kurzen davon, dass 2012 auch eine dritte Person für das höchste Amt nominiert werden könnte.

Heißester Kandidat dafür wäre nun wohl Katastrophenschutz-Minister Sergej Schoigu. Denn der steht an der Spitze einer inzwischen 150.000 Mann starken Löschtruppe wirklich in vorderster Front beim Kampf gegen das Feuer.