Dienstag, 15.03.2011

Kritik: „Russlands Atomkraftwerke sind nicht sicher“

Russlands Regierung hat keine Angst vor Radioaktivität (Foto: Archiv)
Moskau. Japan schwankt und der internationale Glaube an die Sicherheit der Atomkraft auch. Nur die russische Regierung zeigt sich ungerührt. Dabei warnen Ökologen vor niedrigen Sicherheitsstandards im eigenen Land.
„Alles halb so wild“ – wer derzeit die Nachrichten im staatlichen russischen Fernsehen sieht, muss zu der Erkenntnis kommen, dass Erdbeben und Tsunami zwar gewaltig, die Gefahr eines Nuklearunglücks hingegen zu vernachlässigen sei.

Kein Vergleich zu Tschernobyl


Die Ereignisse in den japanischen Atomkraftwerken seien weniger schlimm als erwartet, kommentieren Vertreter des russischen Atommonopolisten RosAtom, die einzigen, die bei der Frage zu Wort kommen. Speziell Vergleiche mit der Atomkatastrophe in Tschernobyl vor einem Vierteljahrhundert werden ängstlich vermieden.

Tatsächlich handelt es sich um grundsätzlich verschiedene Katastrophen. Während in Fukushima die Stromversorgung des Kraftwerks durch äußere Umstände unterbrochen wurde, führte in Tschernobyl ein missglückter Versuch im Reaktor zur Kernschmelze und zur Explosion. Die freigewordene Radioaktivität ist in Tschernobyl um ein Millionenfaches höher als derzeit noch in Fukushima.

Doch das bedeutet nicht, dass sich in Russland ein Szenario wie in Japan nicht wiederholen könnte.

Sicherheit extrem niedrig


Während die Behörden verkünden, dass russische AKW inzwischen die „sichersten der Welt“ seien, widersprechen Umweltaktivisten kategorisch: „Die Sicherheit russischer AKW ist extrem niedrig“, sagte Wladimir Sliwjak, Leiter der Umweltorganisation Ecodefense, Russland-Aktuell.

Vor einem Unglück wie derzeit in Japan sei die russische Atomindustrie keineswegs gefeit. Dafür sei kein Erdbeben der Stärke neun notwendig, meint Sliwjak und verweist darauf, dass 1993 ein Sturm die E-Leitungen für das Atomkraftwerk Kola bei Murmansk gekappt habe, woraufhin dort stundenlang die Stromversorgung ausgefallen sei. „Dass nichts dramatisches passiert ist, war einfach nur Glück“, sagt Sliwjak.

Heimlichtuerei um die Atomkraft in Russland


Auch in anderen Kernkraftwerken ist es in den letzten Jahren wiederholt zu Pannen gekommen. Wie viele es wirklich waren, wissen die Umweltschützer allerdings nicht, denn oft werden Daten verheimlicht.

Das russische Atomprogramm ist der öffentlichen Kontrolle völlig entzogen. Dies verschlechtere die atomare Sicherheit zusätzlich, meint Sliwjak „Alles ist den korporativen Interessen RosAtoms untergeordnet und niemand will über bestehende Probleme reden“, klagt der Ökologe.

Tatsächlich will Moskau sein eigenes Atomprogramm um keinen Preis diskreditieren. 26 neue Atomkraftwerke – fast so viel wie zu Sowjetzeiten insgesamt – sollen im Land entstehen, der Anteil der Kernenergie auf 20 – 30 Prozent wachsen.

Hoffen auf Atomexport


Zudem hofft die Regierung auf Milliardeneinnahmen durch den Export von Atomtechnologien. Schon jetzt bauen russische Ingenieure in China, Indien oder auch im Iran an neuen Meilern. Das Geschäft will sich Moskau nicht durch Sicherheitsbedenken ruinieren lassen.

Doch Sliwjak hofft auf ein Umdenken in anderen Ländern. Projekte wie das AKW im bulgarischen Belene, an dem RosAtom beteiligt ist, stehen nach den Ereignissen in Japan mehr denn je in Frage. So könnte Russland mit seinen Atomtechnologien schon bald auf dem Abstellgleis stehen – zumindest im Ausland dürfte die Nachfrage sinken, wenn wohl auch nicht überall.