Montag, 25.03.2002

Kursk-Katastrofenursachen tabu - vorerst

Von Gisbert Mrozek, Moskau. Er starb als einer der ersten an Bord der Kursk und wurde als letzter zu Grabe getragen. Am Samstag wurden in St.Petersburg die sterblichen Überreste des Kursk-Kommandanten Genadij Ljatschin und von weiteren 6 Offizieren der Kursk beerdigt. Ingesamt konnten 114 von insgesamt 118 Besatzungsmitgliedern aus dem Wrack geborgen werden. Ljatschin und einige andere Besatzungsmitglieder konnten nur noch anhand einiger Fragmente identifiziert werden, die dann den Angehörigen zur Bestattung übergeben wurden.
An den sieben Särgen, die in der Marineakademie in Petersburg aufgebahrt waren, erklärte Flottenkommandeur Wladimir Kurojedow, dass Ljatschin und die Kurskbesatzung unter Einsatz ihres Lebens eine Reaktorexplosion verhindert hätten, die hunderttausende von Menschenleben bedroht hätte. „Heute nehmen wir Abschied von Helden in der russischen Flottengeschichte.“ Um 12:00 Moskauer Zeit wurden auf allen Schiffen der russischen Flotte die Flaggen auf halbmast gesenkt.

Die Besatzung der Kursk habe aber auch das Leben von Tausenden von künftigen U-Boot-Fahrern gerettet, sagte Kurojedow, indem sie jetzt bei der Erforschung der Katastrophenursache helfe.

Es steht mittlerweile fest, dass zunächst ein Torpedo und dann etwa zwei Minuten später weitere vier Torpedos auf der Kursk explodiert waren. Die entscheidende Frage, warum der erste Torpedo aber eigentlich detonierte, bleibt bis jetzt aber unbeantwortet – unter anderem, weil bislang bei den Ermittlungen wesentliche Erkenntnisse ausgeklammert wurden.

Nach uns vorliegenden Informationen aus zuverlässiger Quelle fanden sich am 7.Dezember vergangenen Jahres Kurojedow, Verteidigungsminister Sergei Iwanow und Vizepremier Ilja Klebanow bei Putin ein, um über den Gang der Ermittlungen zu beraten.

Es wurde eine Komission gebildet, die unter dem Vorsitz von Kurojedow eine Schwarze Liste der Militärgeheimnisse erstellen sollte, die selbst für die Ermittler der Militärstaatsanwaltschaft tabu bleiben sollten. Wenn die Ermittler auf derart indizierte Informationen stossen, dürfen diese nicht einmal zu den Akten genommen werden. Auf die Schwarze Liste gesetzt wurden u.a. sowohl die Informationen über den Einsatz von Waffensystemen als auch die Positionsdaten der am Manöver beteiligten Schiffe und deren Manöveraufgaben.

Damit bleibt für die Staatsanwaltschaft auch der FSB-Bericht an Putin absolut tabu, in dem es nach unseren Informationen hiess, das Flaggschiff „Peter der Grosse“ habe eine neu entwickelte Rakete auf die Kursk abgefeuert.

Wladimir Kurojedow legte die Liste am 24.Dezember vormittags Putin vor, der sie auch so absegnete. Am selben Tag verurteilte ein Militärgericht in Waldiwostok den Flottenoffizier Grigorij Pasko zu vier Jahren Haft, weil er Informationen an Japan weitergegeben haben soll, die auf einer damals gültigen geheimen Tabu-Liste standen.

Ebenfalls am 24.12. abends wurde im Moskauer FSB-Hauptquartier beschlossen, die Kursk-Ermittlungen zumindest zum Teil eigenständig weiterzuführen und auch die Informationen aus Kurojedows Schwarzer Liste weiter zu analysieren. Damit hat der FSB die Möglichkeit, auch die für die Flottenführung zum Teil äusserst unangenehmen Informationen jederzeit an die Staatsanwaltschaft weiterzureichen. Sie könnten damit trotz allem zumindest zum Teil auch gerichtsverwertbar und damit öffentlich zugänglich gemacht werden, insbesondere, nachdem Angehörige von Kursk-Besatzungsmitgliedern inzwischen als „Geschädigte“ anerkannt wurden. Damit haben sie auch Zugang zu den Gerichtsakten.

Ein zumindest psychologisch wichtiger Zeitpunkt für die Kursk-Ermittlungen wird die für den Sommer geplante Bergung einiger Teile der Bugsektion, die immer noch auf dem Grund der Barentssee liegt. Wie Kursk-Chefkonstrukteur Igor Spasskij es formulierte, der sich immer gegen die Version gewehrt hatte, dass die Kursk durch eine Kollision oder einen defekten Torpedo versenkt worden wäre, werden die zu bergenden Bugfragmente Aufschluss darüber geben, was nach der ersten Explosion an Bord passierte.

Was ursächlich zu dieser ersten Explosion führte, ist inzwischen nach verschiedenen Berichten, die offiziell aber bisher immer in abnehmender Härte dementiert wurden, schon längst klar.

Mittlerweile gewöhnt sich auch die russische Öffentlichkeit an den Gedanken, dass die Kursk tatsächlich durch „friendly fire“ versenkt worden sein könnte. So wie im vergangenen Herbst ein russisches Passagierflugzeug von einer ukrainischen Rakete abgeschossen wurde. So wie in Tschetschenien eine ganze Omon-Sondereinsatzgruppe von 98 Mann in einem Hinterhalt durch eigene Leute vernichtet wurde, wie jetzt ein Moskauer Gericht feststellte.