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Politbuero anno 1979 (foto: davno.ru)
Politbuero anno 1979 (foto: davno.ru)
Montag, 01.12.2003

Neue Halbgötter und alte Klassenkämpfer

Von Lothar Deeg, St. Petersburg. Vor gut zwölf Jahren wurde die UdSSR aufgelöst. Die obersten Parteibosse hätten eigentlich alle arbeitslos werden oder aufs Altenteil gehen müssen. Doch für viele von ihnen war der Kollaps des kommunistischen Weltreiches nur ein Karriereknick – nach oben: Genossen von Gorbatschow und seinem damaligen Außenminister Schewardnadse haben sich in vielen GUS-Staaten führende Posten und Rollen sichern können.

Bei Russland-Aktuell
• Die Rache des Turkmenbaschi (20.01.03)
• Erbmonarchie in Aserbaidschan eingeführt (05.08.03)
• Xjuscha, die schönste Erbschaft des Kommunismus (07.05.03)
Einst waren sie der mächtigste Altherrenverein der Welt: Das Politbüro der KPdSU bestimmte, wo es lang gehen sollte im sowjetischen Machtbereich. Natürlich war man sich nicht immer einig. Erst recht nicht, als Michail Michail Gorbatschow mit seiner Perestrojka- und Glasnost-Politik Mitte der 80er Jahre frischen Wind in den eingerosteten Staatsapparat blies.

Seitdem hat sich viel geändert: Manche der damaligen Kommunistenführer wandelten sich in den neu entstandenen Staaten zu Feudalherrschern und gehaben sich wie Könige. Gegen sie war der vor einer Woche in Georgien gestürzte Eduard Eduard Schewardnadse trotz aller Korruptionsvorwürfe der reinste Waisenknabe: Der schillernste aller Ex-Genossen ist unangefochten Sapurmat Nijassow, der sich inzwischen „Turkmenbaschi“ nennen lässt – „Vater der Turkmenen“. In seinem abgekapselten Wüstenland hat er Personenkult und Polit-Terror nach nordkoreanischen Muster etabliert. Der einstige KP-Chef der Turkmenischen Sowjetrepublik behielt auch im unabhängigen Turkmenistan die Zügel eisern in der Hand: Als „Präsident auf Lebenszeit“ lässt er sich dort inzwischen aus den Erdgas-Einnahmen goldene Statuen errichten.

N. Nasarbajew (foto: Schdanow/rufo)
N. Nasarbajew (foto: Schdanow/rufo)
Nur etwas dezenter sind die Herrscherallüren nebenan in Kasachstan und Usbekistan. Aber auch hier walten seit der Unabhängigkeit 1991 unangefochten die einstigen regionalen KP-Chefs: Der Kasache Nursultan Nasarbajew und der Usbeke Islam Karimow haben ihre Länder in Privatpfründe ihrer inzwischen schwerreichen Familienclans umgewandelt. Und wie einst Europas Königshäuser machen sie Politik per Ehebund: Nasarbajew verheiratete seine Tochter Alija mit Ajdar Akajew. Der ist Sohn des seit 1990 nicht weniger fest im Sattel sitzenden Präsidenten Kirgisistans, Askar Akajew – ebenfalls ein alter Partei-Kader.

H. Alijew (foto: ntvru.com)
H. Alijew (foto: ntvru.com)
Diese Sippe ist nicht zu verwechseln mit den Alijews: Hejdar Alijew war schon unter Breschnjew KP-Chef in Aserbaidschan. Zwar entband man ihn 1987 von seinen Amtspflichten im sowjetischen Politbüro – „Pensionierung aus Gesundheitsgründen“ – aber seine ölreiche Heimat am Kaspischen Meer regierte er nach ihrer Unabhängigkeit doch noch volle zehn Jahre. Erst vor kurzem gab Alijew nach mehreren heftigen Herzattacken die Macht ab – aber nicht wie Nachbar Schewardnadse erzwungen, sondern per feudaler Erbfolge: Neuer Präsident wurde sein Sohn Ilham.

Michail Gorbatschow, einst der Chef diese Riege späterer Provinzpotentaten, hat dagegen heute keine Macht mehr – aber Mangel leidet er auch nicht: Als Chef seiner von üppigen Rednerhonoraren gespeisten Gorbatschow-Stiftung jettet er um die Welt, nebenbei versucht er den Aufbau einer Sozialdemokratischen Partei. Um jetzt am 7. Dezember bei den Duma-Wahlen anzutreten, ist sie aber noch zu klein und zu jung. Die Sozialdemokratie ist Gorbatschows zweiter politischer Neu-Anlauf in Russland: 1996 bekam er bei den Präsidentenwahlen nur ein halbes Prozent. Dafür bringt jetzt Enkelin Xenia neuen mondänen Glanz in die Familie: Sie modelt mit Haute Coiture auf Mailänder Laufstegen und glänzt zwischen der Haute Volee auf Pariser Bällen.

J. Ligatschow (foto: duma.gov.ru)
J. Ligatschow (foto: duma.gov.ru)
Wenigstens die beiden Herren, die einst im KPdSU-Politbüro die Extrempositionen besetzten, sind ihren Überzeugungen von damals treu geblieben. Jegor Ligatschjow, der als Partei-Chefideologe unter Reformerstar Gorbi verbissen aber vergeblich die alte Leninsche Linie verteidigte, kandidiert im sibirischen Tomsk für die Nachfolge-Organisation „Kommunistische Partei der Russischen Föderation“ wieder um seinen Sitz in der Staatsduma. Obwohl Ligatschjow am 29. November seinen 83. Geburtstag feierte, gelten seine Chancen als durchaus gut.

A. Jakowlew (foto: novayagazeta.ru)
A. Jakowlew (foto: novayagazeta.ru)
Sein damaliger Widerpart, Gorbatschows Glasnost-Vordenker Alexander Jakowlew, wird am morgigen Dienstag auch schon 80. Der Zertrümmerer der alten Ordnung kümmert sich jetzt um die Verfolgten des kommunistischen Regimes: Mit Jelzins und Putins Segen leitet er seit fünf Jahren die Präsidenten-Kommission zur Rehabilitierung von Opfern der Repression. Die "Iswestija" würdigte ihn anlässlich seines runden Geburtstages heute mit einem ganzseitigen Interview.
(ld/.rufo)

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Sicherheitsabstand sieht anders aus. Aber wenn an der Peter-Pauls-Festung in St. Petersburg der Rundflug-Helikopter startet und landet, sind Zuschauer immer ganz nah dabei. Sobald sie allerdings der Rotorwind samt Staubwolke erfasst, haben die Neugierigen wieder etwas Nützliches fürs Leben gelernt. (Topfoto: Deeg/.rufo)






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