Donnerstag, 11.08.2011

Prochorow: Russland muss in die Euro- und Schengenzone

Hybrid-Politiker Prochorow will Russland mit Europa verschmelzen (Foto: Archiv/.rufo)
Moskau. Der Krisen-geschüttelte Euro bekommt Verstärkung – wenn es nach Michail Prochorow, Oligarch und Vorsitzender der Partei „Rechte Sache“ geht: Er setzt die Einführung des Euro in Russland aufs Programm.
Bei einer Realisierung seiner Idee würde Russland innerhalb von sieben bis zehn Jahren zur führenden Wirtschaftsnation Europas aufsteigen, wobei das Bruttoinlandsprodukt jährlich um 12 bis 15 Prozent wachsen würde, so Michail Prochorow.

„Ich bin davon absolut überzeugt, ich habe schließlich im Business gearbeitet und verstehe ein bisschen was von Wirtschaft“, kokettierte der Multimilliardär, der in diesem Jahr als politischer Seiteneinsteiger die Führung einer bislang belanglosen Kreml-nahen liberalen Partei übernahm.

Der Rubel als finaler Euro-Rettungsschirm


Von der Schaffung eines solchen „Großeuropa von Lissabon bis Wladiwostok“ werde aber nicht nur Russland profitieren, sondern auch die EU. Sie würde den Euro stabilisieren und aus der Abhängigkeit vom Dollar lösen, so Prochorow. Eine Zusammenschaltung der europäischen und der russischen Wirtschaft würde den Großeuropäern auch einen starken Rückhalt für die Konkurrenz in der Weltwirtschaft bieten, erklärte er.

EU-Relaunch durch "reiche Heirat"?


Die Idee könnte in der Tat manchen verzweifelt nach immer neuen Rettungsringen für den Euro suchenden EU-Politikern interessant erscheinen: Immerhin hat Russland nur eine für europäische Verhältnisse minimale Staatsverschuldung von unter 10 Prozent des Jahres-Bruttoinlandsproduktes – und noch dazu viele noch auf Jahrzehnte munter sprudelnde Öl- und Gasquellen und schier unendlich scheinende Erz- und Holzvorkommen.

Bei Licht betrachtet gibt es natürlich viele Gründe, die diese Perspektive absolut irreal erscheinen lassen: die wenig europäischen sozialen und politischen Verhältnisse in Russland, das noch immer vorhandene gegenseitige militärische Misstrauen, Russlands faktisch offene Grenze nach Mittelasien - aber man wird ja noch träumen dürfen …

Euro-Anschluss als Wahlkampfargument


Der Beitritt zur Grenzkontroll-freien Schengenzone und zum Euro soll nun jedenfalls ins Parteiprogramm der „Rechten Sache“ aufgenommen werden, mit dem die Partei bei den Duma-Wahlen Anfang Dezember dem Einzug ins Parlament schaffen will. Von einem rusisschen Beitritt zur EU ist übrigens nicht die Rede - das hält wohl auch der Visionär Prochorow für gänzlich unrealistisch.
Prochorow gibt sich allerdings nicht der Illusion hin, dass damit der Prozess bereits ins Rollen gebracht wäre. Für sein Groß-Europa bräuchte es auch „die Unterstützung aller führender Politiker Europas“.

Diese zu bekommen dürft mindestens genauso schwer werden wie das "Yo-Mobil", das von Prochorow protegierte mutige Projekt eines völlig neuen Hybrid-Autos mit Kunstfaser-Karosserie, in Russland zu einer echten Lada-Alternative zu machen. Außerdem empfiehlt sich Prochorow frechweg bereits für 2012 als nächster russischer Ministerpräsident.

Idee nicht neu - sondern von Putin


Von einem bedingt vereinten „Europa von Lissabon bis Wladiwostok“ hatte allerdings auch schon der gegenwärtige Premierminister Wladimir Putin in einem Artikel für die Süddeutsche Zeitung im November 2010 gesprochen.

Putin schlug darin die „organische Synthese zweier Volkswirtschaften“ vor. Diese solle in fünf Teilbereichen erfolgen: eine Freihandelszone, die gemeinsame Modernisierung der Wirtschaft (was sich wohl vor allem auf die russische bezieht), die Schaffung eines gemeinsamen Energiesystems, Vereinheitlichung im Bildungs- und Forschungsbereich und schließlich die Abschaffung der Visapflicht bei Reisen zwischen der EU und Russland.

Euro-Beitritt ist mehr als "Freihandelszone", Schengen mehr als "visafrei"


So gesehen hat Prochorow jetzt nur eine höchstamtlich schon einmal vorgebrachte Entwicklungslinie für Russland neu ausformuliert – und geschickt auf die zwei perspektivischen Schlagworte „Schengen“ und „Euro“ verkürzt.

Der Unterschied zwischen Putin und Prochorow liegt aber darin, dass der mächtige Premier mit seinem Vorschlag in erster Linie Sympathien bei den Europäern sammeln wollte – ähnliche Avancen macht die russische Führung schließlich auch gegenüber den anderen GUS-Staaten oder China.

Prochorow hingegen will mit dem propagierten West-Anschluss Russlands jetzt konkret Wählerstimmen unter jenen Russen sammeln, die sich prinzipiell als Europäer verstehen - und nicht als Euroasiaten oder Angehörige einer selbstgefälligen Es-war-einmal-Großmacht, die sich an nichts und niemanden zu binden braucht.