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Mittwoch, 24.03.2004

Russische Flotte: Verbale Selbstversenkung

Von Lothar Deeg, St. Petersburg. Russlands größtes Kriegschiff, die „Peter der Große“ bekam von Flottenkommandeur Wladimir Kurojedow zwei Monate Hausarrest verordnet. Grund: Katastrophale Zustände an Bord, weshalb das atomgetriebene Flaggschiff der Nordmeerflotte „jeden Moment in die Luft fliegen kann“. Atomalarm bei der Flotte? Fehlanzeige: Explodiert waren nur Kurojedows Nerven.

Kaum hatte der Admiral am Dienstag Dampf abgelassen, ruderte er so schnell wie möglich wieder zurück: Die Reaktoren seien in bester Odnung, nur müsse an Bord mal gründlich aufgeräumt werden.

Kurojedows Auftritt vor der Presse sorgte für gehörigen Wirbel: Das mit Raketen, Marschflugkörpern und Artilleriegeschossen voll gepackte Kampfschiff sei so heruntergekommen, dass eine Katastrophe jederzeit möglich sei. Angesichts zweier Atomreaktoren im Schiffsbauch sei das „besonders gefährlich“. Drohte also Seweromorsk und der benachbarten Großstadt Murmansk ein militär-maritimes Tschernobyl?

Stunden später musste Kurojedow selbst und der in Krisen-PR mittlerweile gestählte Presseapparat der Marineführung akute Panikverhütung betreiben: Mit den Reaktoren der erst seit sechs Jahren in Dienst stehenden „Peter der Große“, wie auch deren Betrieb und Wartung sei alles in bester Ordnung. Einzig in den Mannschaftsunterkünften und in Gemeinschaftsräumen seien die Zustände „unbefriedigend und entsprechen nicht den Bordregeln“. Das klang dann schon wieder so, als handele es sich nur um schlecht geputzte Latrinen. Angeblich hat Kurojedow bei seiner letzten Inspektion an Bord tatsächlich übervolle Aschenbecher und einen Feuerlöscher mit abgelaufenem Prüfdatum moniert.

Dagegen, dass es das mit einer für Putin reservierten Präsidenten-Kajüte ausgestattete „beste Schiff der Flotte“ (diesen Titel errang die „Peter der Große“ noch im Vorjahr) jeden Moment in Stücke reißen könnte, sprachen auch schon die von Kurojedow vor seiner Brandrede getroffenen Maßnahmen: Zwei Monate Liegezeit sind kaum ausreichend, um ernsthafte Defekte in und um den Reaktor zu beheben. Und bei akuter Explosionsgefahr hätte das Schiff wohl kaum seinen Liegeplatz zwischen anderen bis an die Zähne bewaffneten Kriegsschiffen im Hauptstützpunkt der Nordmeerflotte einnehmen dürfen.

Admiral Kurojedow wollte aber offenbar einmal deutlich machen, dass er mit Pfusch und Augenwischerei bei der Marine Schluss zu machen gedenkt: Der dramatische Untergang der „Kursk“, dann der des ausgemusterten Atom-U-Bootes K-159 fast an gleicher Stelle und schließlich unlängst die gleich zweimal missglückte Raketen-Übung im Beisein von Wladimir Putin haben die Seestreitkräfte weithin diskreditiert. „Die einzige Entwicklungsrichtung der Flotte ist die Verlängerung der Einsatzzeiten“, schimpfte Kurojedow: Die bei dem Großmanöver explodierte Rakete vom Typ RSM-54 war bereits 17 Jahre alt. Dabei hätte sie nach sieben Jahren Dienstdauer ausgemustert gehört. Für diese Katastrophenserie wird Kurojedow allerdings auch marineintern persönlich verantwortlich gemacht.
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Eine andere Begründung für Kurojedows verbale Versenkung des Flaggschiffs bringt heute die russische Presse unter Berufung auf Quellen im Offiziercorps der Nordmeeerflotte: Das für die Peter-Crew mit einer Soldkürzung verbundene Großreinemachen an Land sei eine persönliche Rachereaktion auf die Aussage des Ex-Admirals Igor Kassatonow vor einem Militärgericht in Seweromorsk. Dort wird gegenwärtig der Untergang der K-159 im letzten August verhandelt. Kassatonow hatte dabei die von Kurojedow vorgelegte Argumentation, für die Havarie und neun Todesopfer sei die Führung der Nordmeerflotte verantwortlich, zurückgewiesen und seinerseits Kurojedow belastet, berichtet „Wedomosti“. Und der Zeuge Igor Kassatonow ist nun wiederum der Onkel des Kommandeurs der „Peter der Große“, Wladimir Kassatonow.

Wenn diese Version des „Atomalarms“ zutrifft, ist der Zustand der russischen Flotte in der Tat sehr bedenklich – allerdings nicht nur technisch, sondern auch, was die moralischen Qualitäten ihrer allerhöchsten Kommandeure betrifft.
(ld/.rufo)

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Sicherheitsabstand sieht anders aus. Aber wenn an der Peter-Pauls-Festung in St. Petersburg der Rundflug-Helikopter startet und landet, sind Zuschauer immer ganz nah dabei. Sobald sie allerdings der Rotorwind samt Staubwolke erfasst, haben die Neugierigen wieder etwas Nützliches fürs Leben gelernt. (Topfoto: Deeg/.rufo)






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