Montag, 21.07.2014

Russland: Ukraine schickte Jäger zu Flug MH17

Russlands Militär legt die Karten auf den Tisch: Radardaten sollen beweisen, MH17 wurde aus der Luft abgeschossen (Foto: mil.ru)
Moskau. Der Westen ist empört, doch Russland will die Verantwortung für den Abschuss von Flug MH 17 nicht übernehmen – ganz im Gegenteil: Das russische Militär behauptet, anhand von Radardaten Beweise für die Schuld der Ukraine zu haben.
Für den Tod der 298 Insassen von Flug MH17 sei die Ukraine verantwortlich, weil er in deren Luftraum geschehen sei – und weil Kiew nach dem Waffenstillstand im Juni erneut militärisch gegen die Separatisten vorgegangen sei. Auf diese einfache Formel beschränkte sich bisher die Abwehrhaltung des Kremls.

Europa zögert etwas, doch die USA und Kiew haben Russland schon für den mutmaßlichen Abschuss des zivilen Jets verantwortlich gemacht: Den prorussischen Separatisten in der Ostukraine seien insgeheim Flugabwehrraketen des Typs Buk geliefert worden – die man nach dem fatalen Abschuss eiligst wieder über die russische Grenze gebracht habe.

Ein Raketenstart aus dem von den Rebellen kontrollierten Gebiet sei zur fraglichen Zeit protokolliert worden, hieß es aus Washington – ohne sich in Details zu ergehen.

Russlands Militär: Su-25 verfolgte MH17


Nun hat Moskau den Spieß herumgedreht: Das russische Verteidigungsministerium präsentierte am Montag Erkenntnisse, die es seinerseits aus der Auswertung militärischer und ziviler Radardaten und Satellitenbilder gewonnen haben will. Demnach habe man am Unglückstag den Start eines ukrainischen Kampfflugzeugs fixiert – vermutlich eine Su-25.

Sie habe sich auf „bis auf drei bis fünf Kilometer“ der Boeing genähert. Außerdem habe sich zum Zeitpunkt des Crashs ein nicht identifizierbares zweites Flugzeug im Lauf von vier Minuten über der Absturzstelle aufgehalten.

Die Su-25 ist zwar eher ein Erdkampf-Flugzeug, doch könne sie vorübergehend auf zehn Kilometer Höhe aufsteigen – und mit Luft-Luft-Raketen von zwölf Kilometer Reichweite ein solches Ziel treffen, hieß es.

Moskau: Mit Buk-Raketen hantierte nur die Ukraine


Außerdem erklärten die russischen Generäle, bei dem angeblichen Videobeweis vom Abtransport einer Buk-Abschussrampe in Richtung Russland handele es sich um Aufnahmen aus dem seit dem 11. Mai von Kiews Truppen besetzten Krasnoarmejsk.

Mit vorgelegten Satellitenbildern will Moskau zudem beweisen, dass die ukrainische Armee just am 17. Juli eine Buk-Batterie ca. 20 Kilometer südwestlich der Absturzstelle in Stellung gebracht habe. All diese Informationen würden umgehend einigen EU-Staaten und Malaysia zur Verfügung gestellt, hieß es.

Putin erhöht den Einsatz


Moskau erhöht damit drastisch den Einsatz im Schuldfrage-Poker: Während man im Westen den prorussischen Rebellen bislang eher einen „versehentlichen“ Abschuss des Ziviljets unterstellte, läuft die neue russische Version darauf hinaus, die Ukraine habe exakt dieses Flugzeug gezielt vom Himmel geholt. Denkt man diesen Vorwurf weiter, ergibt sich das Bild eines 300-fachen Mordes - nur, um ihm dem Kriegsgegner in die Schuhe zu schieben.

Putin und sein Militär riskieren viel mit diesen Anschuldigungen: Sollten sie sich als "Fake" entpuppen, ist der Ruf gnadenlos ruiniert, selbst im eigenen Land. Bewahrheiten sie sich, würde die Ukraine als Schurkenstaat dastehen - und könnte im Westen wohl nicht mehr auf Unterstützung rechnen.


Ungeachtet der Schuldfrage drohen Russland aber auch weitere westliche Sanktionen, wenn es nicht dafür sorgt, dass es zu einer professionellen und planmäßigen Aufarbeitung des Geschehens kommen kann.

Putin fordert freien Zugang für Experten ein


Das war auch Wladimir Putin in der Nacht auf Montag klar, als er eine kurze Videobotschaft aufzeichnete: Er richtete darin eine klare Forderung an die Separatisten, an der Unglücksstelle die Arbeit einer „vollwertigen Expertenkommission unter Leitung der ICAO (Internationale Organisation für Zivilluftfahrt)“ zu ermöglichen: „Man muss alles für die Gewährleistung ihrer absoluten Sicherheit und der für ihre Arbeit notwendigen humanitären Korridore“ tun, so Putin. „Solche Ereignisse müssen die Menschen einen, nicht entzweien“, sagte er.

Vier quälende Tage nach dem Absturz kam daraufhin spürbar Bewegung in die Bemühungen um Aufklärung und die Bergung und Identifikation der 298 Opfer. Holländische Ermittler und OSZE-Beobachter wurden von den Separatisten zu einem Zug mit Kühlwaggons vorgelassen, in dem nach angeblich 282 Leichen in Plastiksäcken liegen.

Wann der Zug die Station in Tores, etwa 15 Kilometer südlich der Absturzstelle, verlassen kann, blieb aber zunächst offen. Man habe sich darauf verständigt, dass er noch am Abend nach Charkow auf den Weg gebracht wird, meldete dann die russische Agentur Ria Nowosti – und zwar unter Verweis auf ukrainische Behörden.

Rund um den Crash-Ort wird weiter gekämpft


Ein Waffenstillstand wegen des Flugzeugunglücks erscheint aber weiterhin nicht real, am Montag lag sogar das Stadtzentrum von Donezk unter Artilleriebeschuss. Beide Seiten verständigten sich lediglich, dass in der Zone mit dem Flugzeugwrack keine Kampfhandlungen stattfinden sollen, damit Flugunfall-Experten aus Europa und Malaysia mit ihrer Arbeit beginnen können.

Westliche Regierungen zeigten sich zunehmend besorgt, weil dort inzwischen nicht nur Leichen gesucht (und wohl auch geplündert), sondern auch Wrackteile mit Kränen bewegt wurden: Man befürchtet eine Vernichtung oder Verfälschung der Beweismittel.

Alexander Borodai, der Premierminister der „Donezker Volks-Republik“ erklärte unterdessen, Geräte, die er für die Flugschreiber halte, befänden sich unter seiner Obhut in Donezk. Er werde sie sofort den ICAO-Ermittlern übergeben, „wenn diese sich endlich aus ihren Hotels in Kiew trauen“.

Falls auch die Separatisten von der Moskauer Version des Abschusses zutiefst überzeugt sein sollten, müsste es damit eigentlich keine Probleme geben.