Präsident Wladimir Putin will nach den Vorkommnissen in Inguschetien die Truppen im Nordkaukasus verstärken. Nach dem überfallartigen Großangriff von mindestens 200 tschetschenischen und inguschetischen Kämpfern auf mehrere Orte wurden bislang 97 Tote gezählt. Bei der Fahndung nach den Tätern soll es in Flüchtlingslagern zu groben Übergriffen gekommen sein.
Putin nahm die Lage noch am Dienstag vor Ort in Augenschein. „Wir werden unsere Anstrengungen im Nordkaukasus verstärken. Es wurde bereits beschlossen, dort ein Regiment der Innentruppen zu stationieren. Verstärkt werden auch die Einheiten des Verteidigungsministeriums“, erklärte Putin auf der sibirischen Halbinsel Kamtschatka. Der Präsident nimmt dort seit Donnerstag an einem Manöver der russischen Streitkräfte an der Pazifikküste teil.
„Ich musste die Ergebnisse der Angriffe sehen. Das, was ich gesehen habe, steht im Widerspruch zu dem, was ich in Moskau gewusst hatte“, kommentierte Putin seinen zwei Stunden dauernden Blitzbesuch in Magas, der auf dem Reißbrett entstandenen inguschetische Hauptstadt unweit von Nasran.
Blutbad mit 97 Toten und 104 Verletzten
Mindestens 200 maskierte Kämpfer hatten in der Nacht auf Dienstag in Inguschetien Nasran und die Städte Karabulak und Slepzowskaja überfallen. Aufgeteilt in kleine Kampfeinheiten, attackierten sie Regierungs- und Armeegebäude und töteten bei „Ausweiskontrollen“ auf den Straßen zahlreiche Beamte wie auch einfache Bürger. Nach einigen Stunden zog sich ein Teil der Angreifer in Richtung des tschetschenischen Berglands zurück - andere tauchten einfach wieder in der Bevölkerung unter.
Laut jüngsten Angaben ist die Anzahl der Todesopfer auf 97 gestiegen. Verletzt wurden 104 Menschen. Unter den Todesopfern befinden sich 19 Angestellte des Innenministeriums, fünf Angestellte der Staatsanwaltschaft, sieben Grenzsoldaten und zehn Geheimdienst-Agenten.
Grobe Verstöße bei Razzien in Flüchtlingslagern
„Es gibt Kräfte, welchen der von uns eingeschlagene Kurs der Stabilität und des wirtschaftlichen Aufbaus nicht gefällt“, sagte der inguschetische Präsident Murat Sjasikow in einem Interview mit der russischen Regierungszeitung „Rossiskaja Gazeta“. „Sie sind unzufrieden, dass wir fortlaufend und beharrlich unsere Position vertreten, dass wir unsere Zukunft als Bestandteil der russischen Föderation sehen und dass unser Einfluss in der Region wächst. Sie brauchen hier ein Chaos.“ 1992 hatte sich Inguschetien vom separatistisch gesinnten Tschetschenien gelöst.
Um genau dieses Chaos zu vermeiden, scheint den Behörden in Inguschetien jedes Mittel legitim zu sein. Am Mittwoch hätten Maskierte mit Suchhunden nahe Nasran ein tschetschenisches Flüchtlingslager durchsucht, sagte Lagerkommandantin Raisa Isajewa in einem Interview bei Radio „Echo Moskaus“.
„Die Männer wurden aus den Baracken gezerrt und angewiesen sich ausziehen. Mit dem Gesicht zum Boden und dem Pass auf dem Rücken mussten sie bis zu 20 Stunden verharren. Einige wurden auch zusammengeschlagen“, beschrieb Isajewa die Durchsuchungen. Bis jetzt fehlt immer noch jede Spur von 34 verschleppten Flüchtlingen.
Sjasikow widersprach noch am selben Tag in einem Interview mit der Nachrichtenagentur „Interfax“ den Vorwürfen: „Es gibt Leute, die es sehr gerne sähen, wenn alles genau so wäre. Es gibt keine Säuberungen. Das ist alles erfunden.“ (cs/.rufo)
Leser-Kommentare zu diesem Artikel (und Kommentare zu Kommentaren): ↓
Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar, nachdem Sie sich hier unten für Kommentare neu registriert haben. Sie können hier oder im Forum (www.forum.aktuell.ru) mitdiskutieren.
Bisher gibt es zu diesem Artikel noch keine Leserkommentare
Sicherheitsabstand sieht anders aus. Aber wenn an der Peter-Pauls-Festung in St. Petersburg der Rundflug-Helikopter startet und landet, sind Zuschauer immer ganz nah dabei. Sobald sie allerdings der Rotorwind samt Staubwolke erfasst, haben die Neugierigen wieder etwas Nützliches fürs Leben gelernt. (Topfoto: Deeg/.rufo)