Dienstag, 16.07.2013

Sommerloch: Putin taucht ab - und Snowden ohne Eile

Tauchgang in der Ostsee: Kritischen Blickes geht es mit Putin abwärts (Foto: kremlin.ru)
Moskau. Waldimir Putin ist abgetaucht – ganz wörtlich: In der Ostsee beguckte er an Bord eines Tauchboots ein Schiffswrack. Archäologie-Studenten fragten ihn anschließend nicht nach Amphoren, sondern nach Ed Snowden.
Gogland ist der wohl exotischste Flecken an Russlands westlichen Grenzen: Das gut acht Kilometer lange Eiland liegt im Finnischen Meerbusen genau in der Mitte zwischen Finnland und Estland – weitab von Russland, aber unübersehbar für die Nachbarn: Den „Hochland“ (so der deutsche Name) erhebt sich solide 176 Meter über den Meeresspiegel.

Auf diesem russischen Vorposten in der Ostsee gibt es nur einen Leuchtturm, eine Wetterstation – und selbstverständlich die Grenztruppen, denn die Insel ist Grenzgebiet und damit nicht frei zugänglich.

Präsidentieller Besuch auf dem Schiffsfriedhof


Bekannt ist sie allerdings auch als Schiffsfriedhof. Und in dieser Eigenschaft zog sie am Montag auch Wladimir Putin an, der sich dort über die Fortschritte einer archäologischen Expedition der Russischen Geographischen Gesellschaft kundig machen wollte.

Das bot Gelegenheit zu einer jener Putin-typischen Action-Einlagen an Bord eines ungewöhnlichen Fortbewegungsmittels: Mit einem Tauchboot mit großer Glaskuppel ging es – in Begleitung zweier U-Boot-Piloten und eines Leibwächters - auf den Grund der Ostsee, wo in 60 Metern Tiefe seit 1869 die russische Fragatte „Oleg“ liegt.

Gesunken war sie wenig heldenhaft nach einer Kollision mit einem anderen russischen Schiff – aber historischen Wert hat sie dennoch: Es handelt sich um eines der letzten Kriegsschiffe mit Segeln und eines der ersten mit Schraubenantrieb: Die „Oleg“ hatte beides.

Putin taucht noch viel mehr


Eigentlich war die Unterwasser-Exkursion ja nichts Besonderes, verglichen mit anderen Putin-Ausflügen der besonderen Art: 2009 ging er im Baikalsee auf Tauchstation – und zwar gleich 1400 Meter tief, bis auf den Boden des tiefsten Sees der Welt. Zwischenzeitlich steuerte er auch einen Lösch-Jet und einen quitschgelben Lada durch Ostsibirien. Und vor zwei Jahren tauchte er im Asowschen Meer – ganz ohne U-Boot, dafür aber nur zwei Meter tief - höchstpersönlich auf archäologischer Spurensuche.

Verdächtig frisch aussehende Amphoren brachte Putin beim neuesten Tauchgang nicht mit an die Oberfläche, nur ein paar Eindrücke von dem gut erhaltenen Wrack und der Arbeit der Tauchern dort unten). Das hielt die Weltpresse natürlich hinterher nicht ab, Russlands starkem Mann wieder gesteigerten Geltungsdrang zu diagnostizieren - kombiniert mit netten Wortspielen (Putin geht zu Grunde“) und Fotos, auf denen Putin das Wasser zumindest optisch wirklich bis zum Halse steht.

Archäologen beschäftigt Snowdens Geschichte


Zurück auf Gogland traf sich der Präsident mit Studenten, die dort an Land während des Sommers archäologische Ausgrabungen machen. Ungeachtet der abgelegenen Lage ohne Internet-Anschluss sprachen die jungen Leute aktuelle Fragen an: Neben der angeschobenen und hoch umstrittenen Reform der Akademie der Wissenschaften kam auch das Thema „Edward Snowden“ auf den rustikalen Holztisch unter einer Platikplane.

„Woher soll ich das wissen?“, antwortete Putin betont desinteressiert auf die Frage, was aus dem in Scheremetjewo festsitzenden Abhörskandal-Enthüller werden soll: „Das ist sein Leben, sein Schicksal…, wir haben ihn ja nicht eingeladen, er wollte ja auch gar nicht zu uns.“

Doch dann wurde Putin noch konkreter: Das russische Asylangebot bestehe weiter, aber eben unter der bekannten Bedingung, dass Snowden den USA keinen weiteren Schaden zufüge. Da Snowden aber von seinen Aktivitäten, die er als Verteidigung der Menschenrechte verstehe, nicht ablassen wolle, müsse er dies wohl in einem anderen Land tun.

Putin kritisierte die USA dafür, dass sie „alle Welt eingeschüchtert haben, so dass ihn niemand aufnehmen will“. Doch das scheint nicht für ewig zu gelten: „Wenn sich eine Möglichkeit ergibt, reist er weiter“, sagte er.

Von Snowden bisher kein Asylgesuch eingegangen


Von Snowden selbst gibt es seit dem Gespräch mit russischen Menschenrechtlern und Juristen in Scheremetjewo am Freitag keine neuen Nachrichten. Obwohl er dabei angekündigte, umgehend einen Asylantrag in Russland zu stellen, ist dies bisher nicht geschehen. Angeblich, so der bei dem Treffen anwesende Anwalt Anatoli Kutscheren, berate sich Snowden noch mit Juristen, wie dies am besten erfolgen sollte.

In Russland könne Snowden im Prinzip politisches Asyl, ein vorübergehendes Asyl für ein Jahr oder einen Flüchtlingsstatus beantragen, so Swetlana Gannuschkina, die Flüchtlingen zur Seite steht.

Warum er damit zögere, verstehe sie aber nicht: Ausreichend dafür seien „ein Blatt Papier und ein Stift“, womit man sein Gesuch in jeder beliebiger Sprache formulieren und dann an die im Terminal vertretene Migrationsbehörde übergeben könne.