Von Lothar Deeg, St. Petersburg. Tschetscheniens kleine Nachbarrepublik Inguschetien war in der Nacht auf Dienstag Ziel eines Großangriffs: Etwa 200 Kämpfer belagerten das Innenministerium, ein Untersuchungsgefängnis und das Hauptquartier der Grenztruppen in Nasran. Auch in anderen Ortschaften wurden Polizeiposten und Kasernen angegriffen. Mindestens 57 Menschen sollen umgekommen sein.
Bislang gelang es Inguschetien, dass sich 1992 vom separatistisch gesinnten Tschetschenien gelöst hatte, sich mehr schlecht als recht aus dem Dauer-Krieg in der größeren Nachbarprovinz herauszuhalten. Bombenanschläge, Entführungen und auch bewaffnete Zusammenstöße zwischen russischen Truppen und Kampfgruppen der tschetschenischen Separatisten gab es aber auch hier immer wieder.
In letzter Zeit verstärkte sich jedoch auch in Inguschetien der offenbar von staatlichen Organen gedeckte Terror durch „Todesschwadronen“ – ebenso wie die Anschläge des radikalislamistischen Untergrunds: Erst im April wurde auf den inguschetischen Präsidenten Murat Sjasikow, einem ehemaligen Geheimdienst-Offizier, ein Bombenanschlag verübt. Er kam er mit leichten Verletzungen davon.
Was sich jedoch in der Nacht auf Dienstag in Nasran, der größten Stadt der Republik, abspielte, glich schon mehr einem Putschversuch als einem Terroranschlag: Aufgeteilt in bis zu 20 Gruppen griff eine gut bewaffnete Guerilla systematisch wichtige Gebäude an. Das Innenministerium wurde vier Stunden lang beschossen und ging schließlich in Flammen auf. Bei den Kämpfen kam der inguschetische Innenminister Abukar Kostojew ums Leben. An einem von den Kämpfern besetzten Kontrollpunkt der Verkehrspolizei wurden zwei Staatsanwälte und zwei Ermittler der Kriminalpolizei aus ihrem Auto geholt und erschossen.
Angeblich Rückzug mit Geiseln
Die Angreifer wollten auch ein Untersuchungsgefängnis stürmen, offenbar um Gesinnungsgenossen zu befreien. Dies gelang jedoch nicht. Attackiert wurde auch ein Depot der Innenministeriumstruppen. Der arabische Sender Al-Jazeera berichtete, dass die Kämpfer zwei Lastwagen mit Waffen und Ausrüstung erbeuteten und bis zu 20 Geiseln genommen hätten. Noch in der Nacht zogen sie sich mit erbeuteten Privatautos ins Bergland zurück. Von dort wurden später Kämpfe und Razzien gemeldet, denn inzwischen waren auch die in und um Inguschetien stationierten Einheiten der Armee mobilisiert worden. Russlands Verteidigungsminister Sergej Iwanow
sagte jedoch, dass keine zusätzlichen Truppen nach Inguschetien verlegt werden sollen. Das Militär richtete ein Feldhospital ein. Georgien verstärkte an der Grenze zu Inguschetien seine Grenztruppen.
Der Angriff hat nach unterschiedlichen Angaben zwischen 55 und 75 Menschen das Leben gekostet: Wladimir Jakowlew, Präsidenten-Vertreter für Südrussland, erklärte, dass 47 Beamte von Polizei und anderen Behörden ums Leben kamen. Unklar blieb die Zahl der getöteten Zivilisten, zunächst war von 28 die Rede. Etwa 60 Menschen wurden verletzt. Darüber hinaus seien zwei Angreifer getötet worden.
Jakowlew sagte, dass die Kämpfer einzeln aus Tschetschenien und Nordossetien nach Inguschetien eingesickert seien. Die Behörden in Tschetschenien sahen ihren Hauptfeind, den radikalmoslemischen Terroristenführer Schamil Bassajew am Werk: „Wir haben Informationen, dass Bassajew diese Aktion vorbereitet hat und dass seine Leute daran teilnehmen“, sagte der tschetschenische Innenminister Alu Alchanow, der als aussichtsreichster Kandidat bei den Ende August anstehenden Präsidentenwahlen in Tschetschenien gilt. Bassajew hatte die Verantwortung für den Mord am bisherigen Präsidenten Achmed Kadyrow übernommen.
Angriff durch einheimische Kämpfer?
Nach Informationen aus Inguschetien waren zahlreiche Einheimische unter den Angreifern: Der Informationsdienst Inguzhetiya.ru berichtete, dass Einwohner mit den Kämpfern gesprochen und sogar versucht hätten, sie zum Aufhören zu überreden, weil „sie Schande über ihr Volk bringen“. Es habe sich um junge Inguschen gehandelt, die sich an korrupten und kriminellen Beamten rächen und den Russland-treuen Behörden eine Lehre erteilen wollten.
„Verkehrspolizei und Wachmänner bringen wir nicht um. Wir töten nur Ermittler, Staatsanwälte und Richter, die Inguschen entführen und töten und sich an die russischen Geheimdienste verkauft haben“, sagte einer der Maskierten einem Verkehrspolizisten, der von ihnen vorübergehend gefangen genommen worden war. „Ich war kein Kämpfer. Aber dann wurde mein Bruder entführt und ich konnte ein Jahr lang weder seine Leiche finden noch den Ort, wo er ist. Da ging ich in die Berge, zu Schamil Bassajew. Solche wie mich gibt es hunderte“, soll sich ein anderer Angreifer gerechtfertigt haben.
In Inguschetien sind in den letzten Monaten etwa 40 Menschen spurlos verschwunden, zumeist entführt von „Uniformierten in Masken“, berichtete vor einigen Tagen der „Guardian“. Laut Bürgerrechtlern sei das „Verschwindenlassen“ in Inguschetien auf die Bevölkerungszahl umgerechnet ein noch größeres Problem als in Tschetschenien. Auch ein junger Staatsanwalt wurde gekidnappt: Raschid Osdojew hatte versucht, derartige von Militärs und Agenten des Geheimdienstes FSB begangene Verbrechen aufzuklären. Seit dem 11. März fehlt auch von ihm jede Spur.
(ld/.rufo)
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Sicherheitsabstand sieht anders aus. Aber wenn an der Peter-Pauls-Festung in St. Petersburg der Rundflug-Helikopter startet und landet, sind Zuschauer immer ganz nah dabei. Sobald sie allerdings der Rotorwind samt Staubwolke erfasst, haben die Neugierigen wieder etwas Nützliches fürs Leben gelernt. (Topfoto: Deeg/.rufo)