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Freitag, 15.12.2000

Tschernobyl: Leben nach der Abschaltung

Von Gisbert Mrozek (Tschernobyl). In der Werkskantine von Tschernobyl hört das Löffelklappern nur für einen Moment auf. Die Stimme des ukrainischen Präsidenten dringt aus den Lautsprechern an der Decke. "Es gehörte angesichts der Strahlenbelastung Mut dazu, hier zu arbeiten", sagt die Stimme. Olga löffelt weiter an ihrer dünnen Suppe und stochert im Möhrensalat. Sie wüsste lieber, wie es jetzt nach der Abschaltung weitergehen soll. Sie ist seit 87 hier. Liquidator. Und heute ist für sie erstmal wichtiger, dass das Mittagessen zur Feier des Tages nicht fünf Griwna in Essensmarken kostet wie üblich, sondern sieben. Das erinnert doch daran, dass die Durchschnittslöhne hier bei 400 Griwna oder umgerechnet etwa 200 Mark liegen. Das ist zum Leben zu wenig, und zum Sterben zuviel - aber doch ein Spitzenlohn im Vergleich mit dem Rest der Ukraine.

Nur, sagt Olga, ist die Tschernobyl-Schlafstadt Slawutisch, die nach 1986 für 30.000 Menschen neu gebaut werden musste, auch das teurerste Pflaster. Für die Wohnungsnebenkosten geht schon fast die Hälfte drauf. Ein kleiner Laib Brot kostet 80 Pfennig. Ein Ei etwa 20 Pfennig. Andere Kollegen, sagt Olga, sind schon rechtzeitig ausgewandert und arbeiten jetzt an dem iranischen Kraftwerk Busher oder sogar in China. Aber für Olga, die Kleiderkammerfrau, gibt es da keinen Bedarf. Und auch nicht für die Masse der 5.700 Menschen starken Tschernobyl-Belegsschaft. "Wir werden niemanden gleich entlassen", tönt die Stimme des AKW-Direktors aus dem Lautsprecher. "Wir arbeiten schon an Sozialplänen. Nur die Finanzierung steht noch nicht." Das kennen die Männer und Frauen in der grün-blauen Werkskluft schon. "Es gab schon mal ein halbes Jahr lang keinen Lohn", sagt Sergei am Kantinentisch.

"Üblich sind Verzögerungen von einem Monat." Trotzdem ist das noch besser, als ganz auf der Straße von Slawutisch zu liegen. Ein schwacher Trost ist nur, dass für die Stilllegungsarbeiten am Reaktor in den nächsten 8 Jahren sicher einige hundert Arbeitskräfte gebraucht werden. Aber niemand weiß, wer bleiben darf und wer gehen muss. Als sei die Stillegung gekommen, wie ein Blitz aus heiterem Himmel, wie die Katastrofe 1986.

Kaum jemand macht sich Hoffnung darauf, bei der EU-finanzierten Fertigstellung von zwei neuen ukrainischen Reaktoren in Chmelnitskij und Rowno irgendwann einmal neue Arbeitsplätze zu finden. Den sozialen Problemdruck in Tschernobyl und Slawutisch mindert das kaum. Weder Olga, noch sonst irgendjemand in der Werkskantine von Tschernobyl hat auch nur eine Spur der fast 5 Milliarden Dollar gesehen, die irgendwann im Laufe der Zeit von den G-7-Staaten für die Ukraine zur Verfügung gestellt werden sollen: 600 Millionen Dollar für die Stillegung. 1,5 Milliarden für die Konservierung des 3.Reaktorblocks und für Sozialpläne. 1,48 Milliarden für die Fertigstellung der zwei Reaktoren. 758 Millionen für die Absicherung des Sarkophags. Davon wurden 49 Millionen schon für den Sarkophag ausgegeben.

"Allerdings, wo diese Gelder geblieben sind, ist mir absolut rätselhaft", sagt der Bürgermeister von Slawutisch. Fast 200 Tonnen Atommüll liegen unter dem inzwischen löcherigen Betonklotz. Es gibt viele Pläne, was man damit machen könnte. Sogar den, den gigantischen Klotz an Ort und Stelle anderthalb Kilometer tief in die Erde zu vergraben. Aber vorerst strahlt er noch oberirdisch.

Der russische Premierminister Michail Kassjanow lässt es sich nicht nehmen, zum Abschluss des Abschiedsbesuches im Reaktor auch den Sarkophag zu besichtigen - im Vorbeifahren. Und dann rollt die Kolonne der Regierungslimousinen auch noch schnell einmal zur Abrundung des Programms drei Kilometer weiter in die tote Stadt Pripjat. An den Fenstern des Kindergartens im Zentrum hängen noch die Parolen vom 1.Mai 1986. Sogar die Scheiben sind noch drin. Überall steht dürres Unkraut. Die Kolonne der schwarzen Mercedesse rollt langsam bis zum Kreisverkehr vor dem ehemaligen Kulturhaus - und dann im Höchsttempo zurück. Sogar die Wölfe, die sich in der 30-km Zone stark vermehrt haben, machen einen Bogen um diese Stadt Pripjat, deren Bewohner 1986 von ihren Balkons aus ihren Kindern den roten Widerschein des Reaktorbrandes am Himmel zeigen konnten. Nur wenige von ihnen leben jetzt noch in der als Ersatz für die Evakuierten neu gebauten Schlafstadt Slawutisch, die immerhin 50 km weit vom Reaktor weg ist.

"Lasst uns zum Andenken an die Toten anstossen", sagt Wolodja, der abgebrühte Fotograf, und kramt eine Wodka-Flasche aus der Tasche, als die Kolonne des Premiers schon längst Pripjat, den Sarkophag und die Reaktoren hinter sich hat. Am Straßenrand stehen hier und da ein paar graue, gebeugte Figuren. 400 Menschen leben heute trotz aller Verbote in der verseuchten 30-km-Zone, in der Biologen studieren, welche interessanten Mutationen es neben den etwa 800 dort verstreuten Stellen gibt, wo stark verstrahlte Erde, Geräte und Fahrzeuge provisorisch vergraben wurden.

In die am stärksten verstrahlte 10-km-Zone rund um den Katastrofenmeiler sind trotz allem zwei alte Frauen zurückgekehrt. Die pensionierten Lehrerinnen leben gemeinsam in ihrem alten Dorf "Starye Sepilischtsche". An den Wänden der Wohnstube hängen Plakate mit Lenin, Breschnew und KP-Chef Andropow. "Hier sind wir zu Hause. Hier haben wir wenigstens unsere Ruhe", sagte die alte Aljona Savtschenko. In den ersten Jahren zogen noch Plünderer durch die Dörfer, um den zusammen gesammelten strahlenden Plunder, Hausrat und Möbel aus den evakuierten Dörfern auf dem Markt in Kiew zu verhökern. Das ist längst vorbei, sagt die Alte, die Katastrofe, die Sowjetunion und jetzt auch die Abschaltung überlebt hat. Ohne internationale Kredite.

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