Donnerstag, 15.05.2008

Kulikowo Polje: Russlands Wiege auf der grünen Wiese

In der Geburtskirche der Heiligen Jungfrau Maria befindet sich eine moderne und interessante Ausstellung über die Schlacht auf dem Kulikowo Polje (Foto: Jahn/.rufo)
Tula. Auf dem Kulikowo Feld schlug Dmitri Donskoj die Goldene Horde. Für russische Historiker der Beginn des russischen Staats. Heute trumpft das Gebiet mit tollen Museen und schöner Landschaft rund ums Schlachtfeld auf.
Die Sonne lacht über dem weiten, grasgrünen Land. Federwolken durchziehen den blauen Himmel mit feinen weißen Linien. Einzelne Schäfchenwolken schweben gemächlich vorüber. Vom roten Ziegelturm der Geburtskirche der Heiligen Jungfrau Maria trägt der Wind den Klang des Glockenspiels über die Ebene.

Es ist 14.00 Uhr. Nach der Überlieferung endete um diese Zeit die Schlacht auf dem Kulikowo Polje. Das Läuten – einmal um 11.00 Uhr, zum historisch überlieferten Beginn der Schlacht, und eben um 14.00 Uhr, zum Ende – soll an das Ereignis erinnern.

Großfürst Dmitri bricht die Tataren-Vorherrschaft


Vor allem die russischen Historiker geben dem Kulikowo Polje eine besondere Bedeutung für die Staatsbildung. Unweit des Zusammenflusses von Neprjadwa und Don – der hier noch die Ausmaße eines vielleicht fünf Meter breiten Flüsschens hat –, schlug 1380 der Moskauer Großfürst Dmitri das von Khan Mamaj geführte Heer der Goldenen Horde.

Eine Heldentat: Denn bis zu diesem schicksalhaften 08. September hatte kein russischer Fürst die Vorherrschaft der Tataren brechen können. Der Moskauer Großfürst, der nach der Schlacht den Beinamen Donskoj erhielt, schlug das fast doppelt zu starke Heer der Goldenen Horde – rund 14.000 Russen besiegten am Don rund 25.000 Tataren.

Kühle Kalkulation


Eine Heldentat und zugleich das Ergebnis von kühler strategischer Kalkulation: Denn Dmitri suchte die Konfrontation auf einem schmalen Schlachtfeld zwischen einem Eichenwald und der Erhebung „Rybi werch“. Hier konnten die gefürchteten tatarischen Reiter ihre schwer gepanzerten Streitrösser nicht wie üblich auf die Geschwindigkeit von 50 Stundenkilometern antreiben und mit Tod bringender Gewalt in die russische Vorhut einbrechen.

Zudem hatte Dmitri seine eigene Reiterei in dem Eichenwald versteckt und der damals 30-jährige Großfürst verfügte über die nötige Kaltschnäuzigkeit, sie so lang zu verbergen, bis die Tataren den Sieg schon auf ihrer Seite wähnten. Erst dann fielen die russischen Reiter dem Feind erbarmungslos in den Rücken.

Die schwarze, gußeiserne Ehren-Säule wurde von dem Architekten Alexander Pawlowitsch Brjullow im 19. Jahrhundert entworfen (Foto: Jahn/.rufo)

Landschaft des 14. Jahrhunderts rekonstruiert


Eine kleine Mannschaft von geschichtsbegeisterten jungen Menschen erhält das Andenken an die schicksalhafte Schlacht lebendig und hat in der Region in den vergangenen Jahren Erstaunliches auf die Beine gestellt.

Selbstbewusst führt der Historiker Sergej Zepljajew durch das Museum in der Geburtskirche der Heiligen Jungfrau Maria. Auf beengtem Raum, und dennoch allen Ansprüchen eines modernen Museums entsprechend, sind hier nachgebildete Rüstungen und echte Fundstücke vom Schlachtfeld präsentiert. Ein eigens gedrehter Film zeichnet die Ereignisse aus dem 14. Jahrhundert eindrucksvoll und anschaulich nach.

Die Forschungs- und Ausgrabungsarbeiten auf dem Kulikowo Polje begannen bereits in den 80er und 90er Jahren, weiß der blonde, stämmige Mittdreißiger Zepljajew zu berichten. Gewissenhaft gruben Helfer den Boden auf dem Schlachtfeld um, holten Speerspitzen und Rüstungsteile ans Tageslicht und rekonstruierten sogar den Pflanzenbewuchs des Schlachtfelds zur Zeit Dmitri Donskojs.

Mit wehenden Fahnen auf der Flucht


Heute zeichnet der Wind wieder Wellen in das Meer aus weiß-flaumigem Federgras. Am historischen Ort, wo Dmitri seine Reiterei für den entscheidenden Schlag versteckt hatte, wird ein Eichenwald hochgezogen. In rund zwanzig Jahren, meint Zepljajew, werde der Ort der Schlacht wieder weitgehend so aussehen, wie vor 650 Jahren.

Die Panzerung diente weniger zum Schutz des Pferdes, sie machte das Pferd vielmehr zum alles niederwalzenden mittelalterlichen Angriffs-Panzer (Foto: Jahn/.rufo)
Vom Krasny Cholm aus soll Tataren-Khan Mamaj im September 1380 das Schlacht-Geschehen beobachtet haben. Als er mit ansehen musste, wie die russische Reiterei, seinem Heer den vernichtenden Stoß versetzte, soll der gefürchtete Khan mit wehenden Fahnen die Flucht ergriffen haben.

Seit dem Jahr 1850 markiert eine gewaltige, schwarze gusseiserne Säule mit goldener Zwiebelkuppel den Ort. Auf dem Krasny Cholm kann in der Kirche des Heiligen Sergius von Radonesch außerdem eine Ausstellung zum höfischen und geistlichen Leben im Mittelalter besucht werden.

Zepljajew und seine Kollegen denken derzeit darüber nach, wie sie die Heerlager und das eigentliche Schlachtfeld markieren können. Touristen sollen vom Krasny Cholm aus einen vollständigen Eindruck von den Aufstellungen der beiden Heere bekommen.
„Vielleicht machen wir das mit unterschiedlicher Bepflanzung – zum Beispiel gelb blühende Pflanzen auf dem Schlachtfeld. Aber bisher hat uns noch kein Vorschlag richtig überzeugt“, so Zepljajew.

Die Koordinaten
Ehrenmal und Museum auf dem Krasny Cholm
Tulskaja oblast, Kurkinski rajon, derewnja Iwanowka
Tel.: (48743) 3 12 44
Fax: (48743) 4 19 91
Öffnungszeiten: 15.04. bis 30.09. von 10.00 Uhr bis 19.00 Uhr; 1.10. bis 14.04. von 10.00 Uhr bis 16.00 Uhr, Dienstag Ruhetag

Gedenkstätte und Museum Monastyrschtschina
Tulskaja oblast, Kimowski rajon, selo Monastyrschtschina
Tel.: (48735) 3 15 46
Öffnungszeiten: 15.04. bis 30.09. von 10.00 Uhr bis 19.00 Uhr; 1.10. bis 14.04. von 10.00 Uhr bis 16.00 Uhr, Dienstag Ruhetag

Historisch-ethnographisches Museum Epifan
Tulskaja oblast, Kimowski rajon, poselok Epifan, uliza Kimowskaja 8
Tel.: (48735) 5 22 65
Öffnungszeiten: 15.04. bis 30.09. von 10.00 Uhr bis 17.00 Uhr; 01.10. bis 14.04. von 10.00 Uhr bis 17.00 Uhr, Dienstag Ruhetag

Schwertkampf und Sänger-Wettstreit


Der Betrieb der Museen und Gedenkstätten ist im Gebiet Tula heute ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. 400 Angestellte zählen die Einrichtungen. 100.000 Touristen kommen jährlich auf das Kulikowo Polje – dessen Name im Übrigen etymologisch nicht von „kulik“, also dem Vogel „Schnepfe“ abgeleitet wird, wie irrtümlich weit verbreitet geglaubt wird; die Bezeichnung ist von einer ähnlich klingenden Bezeichnung für die Landparzelle abgeleitet.

Doch die Museen und Gedenkstätten allein reichen nicht aus, um das Kulikowo Polje dauerhaft für Touristen interessant zu machen. Heute wollen die Besucher unterhalten werden – das haben Zepljajew und seine Mitstreiter begriffen: „Wir wollen das ganze Jahr über Touristen anlocken. Deshalb führen wir eine Reihe von Veranstaltungen durch. Am 08. September wird natürlich die Schlacht nachgestellt“, erklärt der umtriebige Mann.

Bereits drei Tage vor der Veranstaltung reisen geschichtsbegeisterte Russen an und schlagen ein Zeltlager am Ufer des Don auf. In Rüstungen und mittelalterlicher Kleidung messen sich die Teilnehmer im Bogenschießen und im Schwertkampf.
Anreise und Unterkunft
Mit dem Zug bis Tula. Von dort mit dem Bus weiter.

Mit dem Auto von Moskau über die Autobahn M4 nach Woronjesch.

Erste Informationen zur Unterbringung kann die Tourismus-Abteilung Staatsmuseums „Kulikowo Polje“ geben.

Tel.: 007 (4872) 36 28 43, 36 18 40

Großer Jahrmarkt in Epifan


„Am letzten Mai-Wochenende führen wir hier jährlich ein Festival mit russischen Barden durch. 2007 kamen schon 10.000 Besucher zu dem Sänger-Fest“, so Zepljajew. Seiner Erzählung nach ist die Atmosphäre atemberaubend. Und Fotografien vom Gesang im Abendrot scheinen das zu bekräftigen.

Weitere Veranstaltungen auf dem Kulikowo Polje: Der „Brosok na Kulikowo Polje“, ein Langlauf-Ski-Wettbewerb eine Woche vor Neujahr, der große Jahrmarkt in der Kleinstadt Epifan am Samstag vor dem 14. August, dem Fest „Mjodowy spas“, der Feiertag „Den Rossi“, an dem die Teilnehmer eines „Strong Man“-Wettbewerbs ihre Kräfte messen können.

In Vorbereitung außerdem: Ein Festival mit bunten Stoff-Drachen.