Donnerstag, 12.11.2009

Skopje-Moskau: Auf den Abstellgleisen des Ostens III

Großer Bahnhof in einer kleinen Provinzstadt: Tschop in der Ukraine lebt von und für die Eisenbahn (Foto: kp/.rufo)
Skopje/Moskau. Alle Anschlüsse verpasst: Mit satten 24 Stunden Verspätung rollt der Schlafwagen aus Griechenland schließlich in Richtung Moskau. Inzwischen haben sich die Passagiere mit ihrem Schicksal abgefunden.

Tag 3, 12:00 Uhr, Tschop, Ukraine


Am frühen Morgen schließlich geht es weiter, am Schwanz eines Bummelzugs nach Zahony, der Grenzstadt ganz im Osten Ungarns. Gegen Mittag bringt eine Rangierlok den Waggon über die Grenze in die Ukraine, wo grimmige Grenzer mit Schäferhunden zuerst nach Drogen suchen, dann das Gepäck der Armenierin durchwühlen und versuchen, "Zollgebühren" für ihre Mitbringsel an die Verwandschaft zu kassieren.

Vermutlich gibt es in Europa keine andere Kleinstadt mit gleich zwei derart überdimensionierten Bahnhofsgebäuden wie Tschop. Das heruntergekommene Städtchen besteht aus einer Handvoll Straßenzügen und riesigen, Kilometer langen Eisenbahnanlagen. Einst gehörte Tschop zu Östereich-Ungarn, dann zur Tschechoslowakei, danach zu Ungarn.

Der Waggon bekommt neue Räder untergeschoben


Nach 1945 wurde die Stadt - neben Brest - schließlich zu einem der zwei großen Eingangstore der Sowjetunion. Hier machten alle Schlafwagenzüge aus Prag, Budapest oder Wien auf dem Weg nach Kiew oder Moskau halt und wurden von der europäischen auf die russische Breitspur umgebaut.

Die zeitaufwändige Prozedur gibt es auch heute noch. Auf freiem Feld wird der Waggon aufgebockt und mit Winden in die Höhe gezogen. Die europäischen Radgestelle werden abmontiert, russische unter den Schlafwagen gezogen. Gennadi will die Zeit nutzen, um herauszufinden, wie es nun weitergeht mit der Reise. Inzwischen hat er erste besorgte Anrufe aus Moskau bekommen. Dort ist jetzt bekannt, dass der Waggon aus Griechenland unterwegs verloren gegangen ist.

Keine Gnade: 16 Stunden Zwangspause in der Provinz


Der Bahnhofschefin von Tschop ist der Schlafwagen aus Thessaloniki ebenso egal, wie zuvor den Eisenbahnern in Belgrad und Budapest. Der Waggon werde für 16 Stunden auf ein Abstellgleis gestellt und am nächsten Morgen an den Schnellzug nach Moskau gehängt, beschließt sie.

Ob es nicht vielleicht auch schneller gehe, wollen jetzt einige Fahrgäste wissen, die gemeinsam mit Gennadi ihren Schreibtisch umlagern. Nein, dass gehe nicht, schüttelt sie ihren blond gefärbten Haarschopf. Außerdem müsse sie sich auch noch um andere wichtige Dinge kümmern als um einen einzelnen Schlafwagen, sagt sie und steht auf. Kurz darauf kann man die Frau beim Einkaufsbummel in der Stadt treffen.

Obwohl damit klar ist, dass die Fahrt noch lange nicht vorbei sein wird, ist die Stimmung an Bord des Schlafwagens nun deutlich entspannter. Es kommt fast so etwas wie familiäre Atmosphäre auf. Den Nachmittag verbringen die meisten aber nicht auf dem Abstellgleis, sondern im einzigen guten Restaurant der Stadt, wo es zwar nur Schnitzel und Soljanka gibt, ein reichhaltiges Mittagessen mit Salat umgerechnet aber nur drei Euro kostet.

Tag 4, 11 Uhr, Lemberg, Ukraine


Nach einer Nacht neben der Umspuranlage von Tschop läuft nun alles wieder nach Plan. Der Schnellzug nach Moskau fährt am frühen Morgen pünktlich ab.

Galina hatte am Morgen über ihre Zeit als Illegale in Griechenland erzählt, davon, wie sie sich als Haushaltshilfe durchschlagen musste. Dabei hatte sie es eigentlich weit gebracht in ihrem Betrieb in einer Stadt bei Rostow am Don, mitten in der südrussischen Steppe. „Wenn ich auf der Bank etwas erledigen musste, hatte ich Anspruch auf einen Dienstwagen“, erinnert sie sich. Das relativ komfortable Provinzleben war beendet, als die Sowjetunion zusammenbrach. Schließlich hatte Galina ihr letztes Geld zusammengekratzt, eine Ferienreise nach Griechenland gebucht, war losgeflogen und dageblieben, als das Visum ablief.

Das handgeschriebene Ticket aus Mazedonien brachte seinen Inhaber tatächlich bis Moskau (Foto: kp/.rufo)

Mitreisende erzählen: Illegal in Griechenland


Es muss eine furchtbare Zeit gewesen sein, ohne Rechte in einem fremden Land, der Willkür eines herrischen Greises ausgesetzt, den sie betreuen musste. Die Russin hatte während dieser Zeit begonnen, Gedichte zu schreiben, über das Land ihrer Träume, das so ganz anders war als erhofft, und den verhassten alten „Maulwurf“, der ihr verboten hatte, in der Wohnung irgendwelche Geräusche zu machen. In Griechenland wollte bislang niemand die Verse veröffentlichen.

Am späten Vormittag erreichen Galina und Panaiotis ihren Zielbahnhof Lwow, das frühere Lemberg. Von hier sind es noch hundert Kilometer bis zu ihrem Karpaten-Sanatorium. „Griechenland ist wunderschön“, sagt Panaiotis zum Abschied. „Aber wenn Du Magenprobleme hast, gibt es das beste Mineralwasser nur hier.“

Tag 5, 9:56 Uhr, Moskau, Russland


Mit Volldampf war der Schnellzug durch die Ukraine gerast, hatte am Abend Kiew erreicht, in der Nacht die russische Grenze bei Brjansk. Die vierte Nacht in Folge im Zug vergeht wie im Fluge. Weder das Rattern der Räder, noch das Quietschen der Bremsen oder die nächtlichen Lautsprecherdurchsagen auf den Bahnhöfen stören inzwischen mehr den Schlaf.

Auf die Minute pünktlich - aber mit 24 Stunden Verspätung


Auf die Minute pünktlich erreicht Zug am Morgen schließlich den Kiewer Bahnhof in Moskau. Der angehängte Kurswagen Thessaloniki-Moskau ist allerdings exakt einen Tag später als geplant am Ziel seiner Reise. Zum Schluss sind noch drei Fahrgäste an Bord.

„Und ich Verrückter habe gedacht: Fahr doch mal mit der Eisenbahn“, lacht Georgi, einer der übrig gebliebenen Russlandgriechen, der aus Athen kommt und von Moskau aus sogar noch in seine Heimatstadt im Ural weiterfahren will. „Ich dachte: Das ist ja so romantisch.“

Georgi verschwindet in der Menschentraube, die sich zum Eingang der Metro-Station drängt. Noch ein Tag, dann ist auch seine Fahrt beendet.

(Karsten Packeiser/.rufo)

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