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Minarette und Kirchenkuppeln überragen den Kreml von Kasan (Foto: Packeiser/.rufo)
Minarette und Kirchenkuppeln überragen den Kreml von Kasan (Foto: Packeiser/.rufo)
Mittwoch, 15.06.2005

1000 Jahre Kasan – Modellstadt an der Wolga

Karsten Packeiser, Kasan. Die Wolga-Stadt Kasan ist zum Sinnbild einer friedlichen Koexistenz von Islam und Christentum geworden. Ernste Konflikte zwischen den Religionen gab es hier schon lange nicht mehr.

Die Hauptstadt der autonomen russischen Teilrepublik Tatarstan, die im Sommer mit großem Pomp ihren 1000. Geburtstag feiert, ist heute ein Schmelztiegel der Völker und Religionen. Vor einer orthodoxen Kirche von Kasan verkaufen Souvenirhändler islamische Gebetskettchen und Bilder mit aufgemalten Koran-Suren. Frauen mit züchtigem Kopftuch spazieren neben Mädchen mit Bierflaschen und grellblond gefärbten Haaren die neue Fußgängerzone entlang.

Mindestens ein wenig anderes Blut in den Adern

Muslime und Christen machen jeweils fast die Hälfte der Kasaner Bevölkerung aus. Anders als auf dem Balkan oder im Kaukasus gab es aber in der Wolga-Stadt seit vielen Generationen keine nennenswerten religiösen oder ethnischen Konflikte mehr. Gemischte russisch-tatarische Ehen gehören längst zum Alltag. “Es gibt hier wohl niemanden mehr, in dessen Adern nicht zumindest ein wenig Blut der jeweils anderen Nationalität fließt”, meint Alexander Pawlow vom orthodoxen Bistum Kasan.

Die Kul-Scharif-Mosche ist das neue Wahrzeichen von Kasan (Foto: Packeiser/.rufo)
Die Kul-Scharif-Mosche ist das neue Wahrzeichen von Kasan (Foto: Packeiser/.rufo)
Vom eingerüsteten Gebäude der Stadtverwaltung aus regiert Bürgermeister Kamil Ischakow derzeit weniger eine Millionenstadt, als vielmehr eine riesige Baustelle. In dem 800 Kilometer östlich von Moskau gelegenen Kasan sind kurz vor der 1000-Jahr-Feier zumindest in der Innenstadt überall Presslufthämmer oder quietschende Bagger zu hören. Ganze historische Straßenzüge werden abgerissen und neu aufgebaut.

Wir gehen einen europäischen Weg

„Zu Zeiten des Tataren-Khanats gab es im Kreml von Kasan nur Moscheen, nach der Eroberung der Stadt durch die Soldaten Iwans des Schrecklichen nur noch Kirchen“, sagt Ischakow. Inzwischen ragen orthodoxe Kreuze auf den Kirchenkuppeln neben goldenen Halbmonden in den Abendhimmel. Die nach mittelalterlichem Vorbild neu aufgebaute Moschee “Kul Scharif” mit ihren vier schlanken Minaretten ist das neue Wahrzeichen der tatarischen Hauptstadt. Die Stadtregierung gebe sich alle Mühe, um heute beide Konfessionen gleich zu behandeln, so der Bürgermeister.

Waliulla Jakupow (Packeiser/.rufo)
Waliulla Jakupow (Packeiser/.rufo)
„Wir gehen hier einen europäischen Weg“, sagt auch Waliulla Jakupow, der stellvertretende Mufti von Kasan und Tatarstan. Der Islam an der Wolga unterscheide sich von jeher deutlich von der Religionsausübung in Ländern wie Saudi-Arabien, „wo man nicht einmal eine Bibel über die Grenze bringen darf“. Tatarische Frauen hätten sich nie verschleiert und seien immer genau so gebildet gewesen wie die Männer. Weil die Tataren seit Jahrhunderten als Minderheit in Russland leben, sei Toleranz gegenüber dem Christentum für sie selbstverständlich.

Ausländische Gesandte zündeln am religiösen Frieden

Die untereinander zerstrittenen russischen Muslim-Organisationen werfen sich freilich seit Jahren gegenseitig vor, klammheimlich die in Russland als „Wahhabiten“ bezeichneten Fundamentalisten zu unterstützen. Auch Jakupow, der zweithöchste islamische Würdenträger der Wolgarepublik, leugnet nicht, dass radikale Scharfmacher daran arbeiten, den konfessionellen Frieden in Tatarstan zu stören.

Im Internet
• Umfangreiche Sonderseite zur 1000-Jahr-Feier von Kasan (Englisch, Russisch, Tatarisch)

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Den zumeist ausländischen Emissären, die mit viel Geld versuchen würden, die muslimischen Gemeinden Kasans zu unterwandern und auf einen fundamentalistischen Kurs einzuschwören, sagt er den Kampf an: „Wir wollen nicht, dass unsere Jugend vergiftet wird.“

Bislang verhallen die Parolen der islamistischen Eiferer zumeist noch ungehört in der alten Universitätsstadt, in der schon Leo Tolstoi und später Wladimir Lenin studierten. Auch die tatarischen Nationalisten, die Anfang der 1990-er Jahre mit Massendemos die völlige Unabhängigkeit von Russland forderten, hatten sich nicht durchsetzen können. Die Führung der ganz von russischem Staatsgebiet umgebenen Teilrepublik begnügte sich damals pragmatisch mit weitreichenden Autonomierechten.

Bei Russland-Aktuell
• Kasan: Metrozüge aus Petersburg zum Geburtstag (25.02.2005)
• Tataren müssen Kyrillisch schreiben (16.11.2004)
• Papst gibt Madonna von Kasan an Russland zurück (30.08.2004)
• Volkszählung: 14 Millionen Muslime in Russland (11.11.2003)
• Ildars Traum: Eine Kathedrale aller Religionen (6.5.2004)
Der Papst wollte nach Kasan

Von der traditionellen Kasaner Toleranz profitieren nicht nur Muslime und Christen: Jüdische Familien aus der ganzen UdSSR schickten in der Hochphase des sowjetischen Antisemitismus ihre Kinder zum Studium nach Kasan, als in Moskau und anderswo keine Studenten mit jüdischen Nachnamen mehr immatrikuliert wurden. Und beinahe hätte sogar Papst Johannes Paul II. die von ihm so sehr gewünschte Russland-Reise angetreten - und wenn auch nicht Moskau, so doch zumindest Kasan besucht.

Planungen sahen vor, dass das Papst-Flugzeug auf dem Rückweg aus der Mongolei zum Auftanken an der Wolga zwischenlanden sollte. Dort hätte Johannes Paul die von Orthodoxen wie Katholiken verehrte Ikone der Madonna von Kasan, die jahrelang in seinen Privatgemächern hing, dann an die russische Kirche zurückgeben wollen. Die Papst-Visite an der Wolga scheiterte. Nicht ohne tatkräftige Mithilfe der muslimischen Politiker-Elite Tatarstans schenkte der Vatikan die Ikone dennoch – und Kasan könnte schon bald außer dem Zentrum des russischen Islam auch wieder eine der heiligsten Städte der Orthodoxie werden.

(epd)




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