Freitag, 28.02.2003

Beim Chef der reinen Mädchen

Iwan Schapowalow (foto: Tichomirowa)
Von Katja Tichomirowa, Moskau. Sie geben sich alle sehr cool hier: die Sekretärin, die Übersetzerin, der Toningenieur und wer sich sonst noch herumtreibt im Büro von Iwan Schapowalow, des Managers der russischen Popgruppe t.A.T.u. Der Chef ist noch nicht da. „Iwan kommt in einer Stunde, vielleicht,“ sagt die Sekretärin. Davon, dass er jetzt und hier zu einem Interview verabredet ist, ist ihr nichts bekannt. Mit ihren sorgfältig zerzausten Löckchen sieht sie aus wie eine Kopie von Lena Katina, einem der beiden Mädchen von t.A.T.u. Wie sie entschuldigend die Schultern zuckt, die Augenlider senkt: die reine Unschuld.
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Das t.A.T.u.-Hauptquartier am Maly Kosichinski Pereulok 12 liegt nahe den Patriarchenteichen, in Moskaus angesagtestem Viertel. In den eleganten, frisch renovierten Gründerzeithäusern gibt es alles, was man in fernen, finsteren Zeiten entbehren musste: Cafés, Edel-Boutiquen, Einrichtungsgeschäfte, Restaurants. Und an jeder Straßenecke dröhnt ein Presslufthammer, werkelt ein Trupp Bauarbeiter an neuen Büros, Cafés und Restaurants. Wer etwas auf sich hält und es sich leisten kann, lebt und arbeitet hier.


Und ist jung. Im t.A.T.u.-Büro ist niemand älter als 30 Jahre. Iwan Schapowalows Mitarbeiterinnen sind hübsch und gertenschlank, tragen den winterlichen Temperaturen zum Trotz bauchfreie Tops und sehen aus, als würden sie hier nach der Schule ein bisschen Telefondienst machen. Tatsächlich arbeiten sie für die erfolgreichste Popgruppe, die es in Russland je gab, telefonieren mit den wichtigen Leuten in der internationalen Musik-Branche und beantworten Fanpost aus aller Welt. Vor allem aber sind sie bemüht, sich nicht anmerken zu lassen, wie aufregend das alles ist.

Auch Iwan Schapowalow, der schließlich doch noch erscheint, gibt sich Mühe, vom eigenen Erfolg nicht allzu beeindruckt zu wirken. „Ich mache das, woran ich glaube und hoffe, es gelingt“, sagt er. Das ist schön auswendig gelernt und erweckt nicht im mindesten den Eindruck von Bescheidenheit. Der Entdecker und Producer von t.A.T.u. ist geschäftig wie das Viertel, in dem er Quartier bezogen hat. Zierlich wirkt er, in seinem figurbetonten Strickjäckchen, das Handy am Ohr, den Laptop vor sich auf dem Schreibtisch, muss er noch eben ein paar unaufschiebbare Dinge erledigen. In dieser Woche startet t.A.T.u. zu einer zweiwöchigen Promotiontour durch die Vereinigten Staaten. Der Terminkalender ist dicht, Gigs in New York und Los Angeles ... Iwan Schapowalow ist ein gefragter Mann. Das tut gut und lässt ihn in seinem Bürosessel ein wenig größer wirken.

„Nichts am Erfolg der Gruppe sei kalkuliert gewesen, behauptet der studierte Psychologe. Und erklärt dann doch das Schema des Erfolgs: Das Thema Liebe sei doch so abgegriffen, sagt er. „Man musste es in einen neuen Kontext stellen, aus einem anderen Blickwinkel zeigen.“ „Reframing“ nenne man das in der Psychologie, erklärt Schapowalow. Und das habe den Erfolg ausgemacht. Mit all dem hat er sich schon beschäftigt, als er noch in der Werbebranche arbeitete.


Das Psychologiestudium hat er abgeschlossen, dann einen Regiekurs in den USA absolviert und schließlich Werbeclips entworfen. Der Erfolg von t.A.T.u. verdankt sich seinem Können, daran lässt Schapowalow keinen Zweifel. „Glück gibt es nicht“, sagt er, „nur die Lust, glücklich zu sein.“ Ihm ist bei allem, was er tut, natürlich an der tiefen Wahrheit seiner Botschaft gelegen. Das Projekt t.A.T.u. habe viele Facetten, sagt er, aber tatsächlich gehe es nur um eines: um Reinheit.

Dass die britische Popbranche das offenbar nicht so sieht und das t.A.T.u.-Erfolgsvideo „All the things she said“ für Kinderpornographie hält, kann Schapowalow nur ein müdes Lächeln entlocken. „Ach, die Briten“, sagt er, „die haben es auch nicht leicht. Erst verlieren sie ein Weltreich und nun auch noch den Einfluss auf die Weltkultur.“ Die Briten sind nun mal ein Volk das permanent bemüht ist, seine Gefühle zu unterdrücken, urteilt Schapowalow. „Erst diese Geschichte mit Diana und nun treten sie zum zweiten Mal auf dieselbe Harke, wie man im Russischen sagt.“

Ihn langweilt diese Geschichte. Er möchte von neuen Projekten sprechen, von einem jungen russischen Rocksänger, Iwan Demjan, den er entdeckt hat und dessen Video so skandalös sein soll wie das von t.A.T.u.. Die neue CD der t.A.T.u-Mädels wird im April oder Mai erscheinen und mit etwas Glück werden sie mit ihren unschuldigen Küssen noch eine Weile erfolgreich sein. Iwan Schapowalow jedenfalls plant schon neue Skandale.