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Das neue Moskau wird deutlich höher als das alte (Foto: Djatschkow/.rufo)
Das neue Moskau wird deutlich höher als das alte (Foto: Djatschkow/.rufo)
Dienstag, 07.12.2004

Bürgerinitiativen gegen Bauwahnsinn in Moskau

Von Karsten Packeiser, Moskau. In einigen Jahren wird in Jelenas Nachbarschaft nichts mehr so sein, wie es war. Zwischen ihrem Haus und dem benachbarten Park wird eine Stadtautobahn verlaufen. Die fünfstöckigen Wohnblöcke werden abgerissen. Auf dem Parkgelände sollen Hochhäuser mit 20, 30 und 40 Stockwerken gebaut werden. Über einhundert unter Naturschutz stehende Bäume wurden in einer Nacht- und Nebelaktion bereits gefällt.

„Zeit, die Sachen zu packen“, seufzt die junge Frau während ihre kleine Tochter mit einem Nachbarsmädchen durch die Schneehaufen hüpft. Mit Fatalismus reagieren viele Bürger auch hier im Moskauer Stadtbezirk Woikowski auf die grandiosen Baupläne der Stadtväter, die keine Rücksicht auf die Meinung der Bewohner nehmen.

Chruschtschows Mietskasernen nicht zu sanieren

Bis 2010 will die Moskauer Stadtregierung alle Plattenbauten der ersten Generation abreißen lassen und durch moderne Wohnhäuser ersetzen. Die im Volksmund nach dem damaligen KPdSU-Generalsekretär „Chruschtschowkas“ genannten, fünf Stockwerke hohen Blöcke sind nach Ansicht der Behörden nicht mehr zu sanieren. Im Woikowski-Bezirk werden mehrere tausend Bewohner in andere Stadtteile zwangsumgesiedelt, fürchtet Alexander Sakondyrin, Abgeordneter im Stadtteil-Parlament.

Dass die meisten Wohnungen inzwischen privatisiert wurden und längst nicht alle Bewohner umziehen wollen, bremst die Bulldozer-Sanierung nicht. In dem Stadtteil des Abgeordneten soll in einem Fall mitten in der Nacht der Abriss eines Hauses begonnen haben, obwohl noch gar nicht alle Bewohner ausgezogen waren.

„Der verantwortliche Beamte hat seinen Posten noch immer“, ärgert sich der Lokalpolitiker, der auch eine Kampagne zur Rettung des Stadtparks ins Leben rief. Doch die Behörden korrigierten inzwischen einfach die Parkgrenzen und gaben vier Hektar Grünfläche zur Bebauung frei.

Stadt der Yachten anstelle von Sportclub

Nur wenige hundert Meter nördlich baut ein Konzern names „Capital Group“ direkt am Ufer des Chimki-Stausees einen Luxus-Appartment-Komplex mit dem Namen „Stadt der Yachten“. Ohne Baugenehmigung und ohne Umweltgutachten, kritisiert der Abgeordnete Sakondyrin.

Das Unternehmen weist unterdessen die Anschuldigungen zurück. Alles gehe rechtmäßig zu, sagt eine Firmensprecherin. Der Bau sei lediglich „etwas größer“ als ursprünglich geplant geworden. Die Capital Group stimme derzeit die weiteren Arbeiten mit den Behörden ab, bis dahin seien die Arbeiten zum Ausbau unterbrochen. „Aber der Rohbau ist schon fertig“, heißt es bei dem Konzern.

Auf der Baustelle selbst schaut im Moment nur ein einsamer Wächter nach dem Rechten. So zumindest der Augenschein. Über der Zufahrt zu dem Gelände ist auf einem Hinweisschild zu lesen, dass hinter dem Bauzaun Arbeiten zur „grundlegenden Sanierung des Sportclubs“ stattfinden.

Bürger kämpfen gegen Windmühlen

Die Gegner der Großbauten sind pessimistisch. Die Chancen stehen schlecht, die umstrittenen Projekte noch zu stoppen. Denn es geht um viel Geld: Eigentumswohnungen in der „Stadt der Yachten“ kosten beispielsweise 3.000 bis 5.000 Dollar pro Quadratmeter.

Ähnliche Konflikte gibt es in allen Stadtteilen. „In Moskau gibt es etwa 500 illegale Baustellen“, sagt Rustam Machmudow, Vorsitzender einer „Bürgerinitiative zum Schutz der Umwelt und der Einwohnerrechte“. In seinem Stadtviertel Krylatskoje wird gerade ein neues Wohnhochhaus auf dem Gelände des Sportplatzes gebaut.

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• Erster Wolkenkratzer von Moskau-City fertig (12.10.2004)
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• Luschkow findet Investoren für „Moskau-City“ (30.04.2003)
• Moskau stockt um 200 Wolkenkratzer auf (25.05.2004)
• Fliegender Engel (06.05.2003)
Machmudow versammelte schon mehrere tausend Menschen zu Protestdemos, doch er führt einen Kampf gegen Windmühlen: „Während wir gegen das eine Projekt protestieren, wird an der nächsten Straßenecke schon die nächste Baustelle eingezäunt“, klagt er.

Dass die Behörden bislang nur in Ausnahmefällen gegen den Wildbau vorgehen, könnte eine einfache Erklärung haben: Die meisten beteiligten Baufirmen stehen der Moskauer Stadtregierung nahe, an vielen hält die Stadt auch Anteile. Jelena Baturina, Ehefrau des Moskauer Oberbürgermeisters Juri Luschkow, ist einem Artikel der Fachzeitschrift „Direktinvestitionen“ zufolge mit ihrem Firmenimperium „Inteko“ eine der wichtigsten Figuren auf dem Moskauer Baumarkt. Die „Capital Group“, Bauherr der „Stadt der Yachten“, gehört hartnäckigen Gerüchten zufolge, die offiziell freilich dementiert wurden, dem Pressesprecher des Bürgermeisters bzw. dessen Verwandschaft. (epd)


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