Der Weg zum anderen Newa-Ufer kann ganz schön lang werden (foto: ld/rufo)
Dienstag, 06.12.2005
Die russische Weite – im Stadtmaßstab
St. Petersburg. Wenn mich Bekannte aus Deutschland fragen, was sie zu ihrem anstehenden Petersburg-Besuch unbedingt mitnehmen sollen, antworte ich: „Gute Schuhe“. Gut nicht im Sinn von besonders teuer oder elegant.
Ich meine Schuhe, die ihre Funktion gut erfüllen: Schuhe, mit denen man lange und weit gehen kann. Und Schuhe, in denen man bei Regenwetter keine nassen Füße bekommt, wenn das Wasser aus den offenen Regenrohren auf die Bürgersteige prasselt und sich in Senken und Schlaglöchern zu Seen sammelt. Ohne Schuhwerk wie für eine Bergwanderung ist ein Petersburg-Besuch zum Scheitern verurteilt – obwohl die Berge hier nicht nur sehr niedrig sind, sondern auch noch sehr weit auseinander stehen.
Erste Aufgabe des Ankömmlings: Der Orientierungsmarsch
Denn der typische deutsche Individualtourist auf Städtereise beginnt seinen Aufenthalt immer mit einer Aufklärungsmission: Am ersten Tag stürmt niemand gleich in die Eremitage oder fährt entspannt mit der „Raketa“ hinaus nach Peterhof. Nein, mit einem Stadtplan bewaffnet geht es los, „sich erst mal orientieren“ oder „einen Überblick bekommen, wo was ist“.
Museen und Kirchen werden von außen taxiert, Souvenirshops und Kaufhäuser ausgespäht. Es gilt, sympathische Restaurants und Cafés, in denen es sich in den nächsten Tagen lohnen könnte einzukehren, mit kleinen Kreuzchen auf dem Stadtplan einzuzeichnen. Selbstverständlich beschränkt man sich bei diesem Kennenlern-Spaziergang auf das historische Zentrum, wo die Sehenswürdigkeiten dicht beieinander stehen.
Lieber zu Fuß gehen als mit dem falschen Bus fahren
Und selbstverständlich benutzt man keine öffentlichen Verkehrsmittel, weil man ja „die Stadt sehen“ möchte. In Wirklichkeit hat man vor allem Angst, in die falsche Linie einzusteigen (wer kann schon kyrillisch lesen?) oder sich zu blamieren, weil man nicht weiß, wie das mit dem Bezahlen funktioniert.
Doch was in irgendeinem Badeort oder auch an kulturtouristischen Zielen von Weltniveau wie Prag, Florenz oder Venedig nur die Zeit zwischen Frühstück und Mittagessen einnimmt, wird in St. Petersburg unverhofft zum gewaltigen Tagesmarsch: Den Newski hinunter, rauf auf die Isaak-Kathedrale, um den Ehernen Reiter rum, Schlossplatz, Strelka, Peter-Pauls-Festung, Sommergarten, Platz der Künste ...
Eine weitläufige Innenstadt
Die Mission kann nur deshalb vor Einbruch der Dunkelheit beendet werden, weil es hier im Sommer sowieso nicht dunkel wird. Wer sich dann abends mit auf der Schulter hängender Zunge und wunden Füßen ins Hotel zurückschleppt, wirft einen verwunderten Blick auf den Taschenstadtplan: Irgendwas stimmt hier mit dem Maßstab doch nicht!
eigentlich nur ein dreistöckiges Gebäude - aber was für eins! (foto: ld/rufo)
Die Kartografen haben schon alles richtig gemacht. Das Problem liegt bei den Maßstäben, die unsereiner Mitteleuropäer im Kopf haben, wenn sie an alte, historisch bedeutsame Städte denken. Mit Recht: Die Altstadt von Frankfurt am Main ist kaum größer als hier der Krämermarkt Apraxin Dwor.
Die Newa ist kurz, aber dafür breit!
Ist der touristische Stadteroberer von der goldenen Nadel der Admiralität zu derjenigen auf der Festung hinübergelaufen, fragt er sich beim Blick über die Newa, woher nun noch die Kraft für den Rückweg nehmen. Das ist sie also, denkt unser Landsmann angesichts der europäischsten aller russischer Stadtansichten, die sprichwörtliche russische Weite!
Dabei hätte man als aufmerksamer Beobachter schon auf dem Schlossplatz die Chance gehabt zu bemerken, warum Petersburg für die Augen kompakter erscheint als es die Füße dann beklagen: Die von Zuhause vertrauten Stadt-Dimensionen stimmen hier nicht. Die Oberkante der Kellerfenster am Generalstabsgebäude reicht einem erwachsenen Menschen nicht bis zum Knie, sondern bis an die Stirn. Entsprechend ist das dreistöckige Gebäude so hoch wie ein sechsstöckiges, auch wenn es danach gar nicht aussieht – nicht zuletzt, weil dieses Haus ein paar hundert Meter lang ist. In Europa würde das als undemokratische Platzanmaßung gelten.
Das umgekehrte Extrem: Die Russland-Übertreiber
Hat der Deutsche aber erst einmal geschluckt, dass in einem Land, dass die ganze rechte Hälfte der Europakarte einnimmt (von Sibirien jenseits des Kartenrandes ganz zu schweigen), alles eben etwas weitläufiger sein kann als im bürgerlichen Mitteleuropa, dann können die russischen Dimensionen gleich wieder ins Maßlose übertrieben werden: In der Internetzeitung Spiegel-online las ich einmal in einer Reportage über den Ladogasee, dass im Winter das Eis dort 100 Meter dick wird. Gemeint waren wohl 100 Zentimeter – aber niemand hatte es bemerkt.
Und die nicht minder seriöse Deutsche Welle berichtete allen Ernstes, dass bei Waldbränden im russischen Fernen Osten „die doppelte Fläche Deutschlands“ ein Raub der Flammen wurde. „Berichte über Opfer liegen nicht vor, das Gebiet ist äußerst dünn besiedelt.“ Auch hier lag wohl ein Rechenfehler eines Kollegen vor, der Ar mit Quadratkilometern und manches mehr verwechselt hatte: In Wirklichkeit brannten damals in Jakutien 0,002 Deutschlands.
Jede Menge Platz, aber man steht sich auf den Füßen
Eines allerdings kann auch ich mir als „neuer Russland-Deutscher“ bis heute nicht erklären: Wenn es hier so verdammt viel Platz hat, warum ist es dann überall, wo sich Leute aufhalten, so eng? Egal ob auf dem Newski oder in den Küchen der Neubauwohnungen, in der Metro, am Eingang ins Mariinski oder in die Marschrutka - das Volk lebt so, als müsste Russland mit der Nutzfläche der Schweiz auskommen. (Lothar Deeg/SPZ)
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Lothar Deeg arbeitet seit 1994 als freier Korrespondent für deutschsprachige Printmedien in St. Petersburg. Seit 2001 schreibt er für Russland-aktuell.