Von Lothar Deeg (Archangelsk). Europas letzte große Urwälder liegen im Norden Russlands. Mit Schiffs- und Werksblockaden protestiert Greenpeace gegen die Abholzung der unberührter Taiga und gegen den Export von Urwaldholz nach Westeuropa – besonders vor dem anstehenden UN-Urwaldgipfel in Den Haag (7.-19. April). Stark bedroht ist der – noch – 15000 Quadratkilometer große Dwinski-Urwald im Gebiet Archangelsk. Dort hat man allerdings andere Sorgen als die Umweltschützer.
Alle zwei Minuten packt LP 19, eine russische „Fäll- und Legemaschine“ auf einem Bagger-Fahrgestell, mit ihrem Greifarm eine Fichte. 20 Sekunden dauert es, bis die Hydrauliksäge den Stamm durchtrennt hat. Der einen Meter hohe Schnee schluckt das Kreischen der Säge. Dann hebt LP 19 den Baum senkrecht an, schwenkt ihn herum und läßt ihn auf einen Stapel bereits gefällter Artgenossen kippen.
146 Kubikmeter Holz sind die Norm für die Acht-Stunden-Schicht des Fahrers von LP 19, erklärt Ramil Sanejew, der Chef der Holzfällerbrigade. „Das sind etwa 300 Bäume“. Nur ein paar einzelne Birken – ihr Holz ist nicht gefragt - bleiben stehen. Auch die Schneewüste auf der Parzelle nebenan war vor kurzem noch ein Stück Urwald. Ramil und seine Männer haben ihn im letzten Winter nieder gemacht. Immer tiefer fressen sich die russischen Holzfäller in den Dwina-Urwald vor. 30 bis 60 Kilometer breit und über 200 Kilometer lang erstreckt sich dieser noch unberührte Streifen Natur zwischen den Flüssen Dwina und Pinega. Zwar ist ein nordischer „borealer Primärwald“ kein undurchdringlicher Dschungel – aber hier dürfen Fichten sowie Kiefern, Birken und Espen noch wachsen, bis sie vor Alterschwäche umfallen. Braunbär und Uhu finden im Dwinski eines ihrer letzten natürlichen Rückzugsgebiete Europas, so die Umweltschützer.
„Wenn der Kahlschlag in diesem Tempo weitergeht, ist dieser Urwald in 10 bis 15 Jahren verschwunden“, sagt Alexej Jaroschenko, Wald-Experte von Greenpeace Russland. Jaroschenko hat 2001 an einer Inventur der Urwälder im europäischen Teil Russlands mitgearbeitet: Anhand von Satellitenbildern wurde ungestörter „Urwald“ von zivilisiertem „Wald“ getrennt. Das Ergebnis: Nur noch 14 Prozent der unendlich wirkenden russischen Taiga können als Urwald gelten. Dies sind die letzten Reste jenes Ur-Waldes, der einst ganz Europa bedeckte. Finnland und Schweden tragen gerade einmal 4 Prozent zur europäischen Urwald-Reserve bei.
Bezeichnenderweise gibt es kein russisches Wort für „Urwald“. Wald gilt traditionell als Rohstoff, den es zu ernten und zum Wohle der Wirtschaft zu verbrauchen gilt. „Man muss die Bäume fällen, sonst fallen sie um und verfaulen“, meint ein alter Mann aus dem ehemaligen Holzfäller-Dorf Schoschelzy - ungeachtet dessen, dass jetzt sein Dorf stirbt, weil es rundherum nichts mehr zu fällen gibt. Kein Wunder also, dass die Initiative zur Erhaltung der nordrussischen Urwälder aus Westeuropa kommt - wo auch ein guter Teil des billig angebotenen russischen Holzes konsumiert wird. „200 Jahre wächst so ein Baum, sie fällen ihn in zwei Minuten und zwei Monate später liegt er als Küchenpapier in unseren Supermärkten“, so Oliver Salge, der „Wald-Kampainger“ von Greenpeace Deutschland. 10 Prozent des Holzeinschlags im Gebiet Archangelsk geschieht in jungfräulichen Wäldern. Der größte Abnehmer, das Archangelsker Zellstoff- und Papierkombinat, ein auf Hochtouren laufender Industrie-Gigant mit 10000 Arbeitsplätzen, gehört fast zu zwei Dritteln den deutschen, österreichischen und holländischen Aktionären Jacobsen, Jürgensen, Heinzel und Dollard. Über 50 Prozent der Produktion gehen laut Greenpeace über diese Papier-Großhandelsfirmen in den Export.
Um diese Kette zu unterbrechen, soll Russland Schutzgebiete für den Urwald schaffen und die Forstwirtschaft nach ökologischen Prinzipien reformieren, fordert Greenpeace. Und die westlichen Verbraucher müssen aufgeklärt werden, dass auch Papier und Regalbretter ein Beitrag zur Vernichtung der letzten Urwälder sein können. Allein Deutschland importierte im Jahr 2000 für 285 Millionen Euro russische Holz- und Papierprodukte, Tendenz steigend. „Wir wissen, wo diese Bäume enden. Der Kunde kann wählen“, erklärt Salge in der Dwina-Taiga. Medienwirksame Blockaden von Frachtschiffen, die Holz oder Papierprodukte aus russischen Urwäldern nach Westeuropa bringen, sind deshalb nicht nur ein Protest gegen die Importeure und die russischen Produzenten, sondern auch ein Aufruf an das Konsumenten-Gewissen.
Das Gütesiegel des FSC (Forest Stewardship Council, eine nicht-staatliche internationale Organisation) auf Holzprodukten sei eine Garantie für ökologisch und sozial verträgliche Forstwirtschaft, versichert man bei Greenpeace. Es gewärleistet zum Beispiel höhere Standards bei der Schutzkleidung der Arbeiter und auch eine reelle Chance für den Wald, sich zu regenerieren: Totholz muss laut FSC liegen bleiben, um Mikroorganismen Nahrung zu geben . Allerdings verlangen die antiquierten russischen Forstvorschriften, dass die Holzfäller „tabula rasa“ machen. „Aber dieser Konflikt ist mit den Behörden lösbar“, versichert Rudolf Sungurow, der Direktor des Forstwirtschaftlichen Forschungsinstitutes in Archangelsk.
Im Gebiet Archangelsk – größer als Frankreich, aber nur von 1,5 Millionen Menschen bewohnt – gibt es bisher nur ein Holzunternehmen, das sich vom FSC zertifizieren ließ. Wie Josef Rombs, der Direktor der Archangelsker Tochtergesellschaft der deutschen „Holz Dammers Moers GmbH“, berichtet, prüfen Auditoren jetzt jährlich, ob seine Produktion vom Einschlag bis zur fertigen Möbelholzplatte den strengen Kriterien des FSC entspricht. „Wegen des Zertifikats hat sich die Nachfrage nach unseren Produkten erhöht, jedenfalls aus dem Ausland“, so Rombs zufrieden. Außerdem hat Dammers mit Greenpeace vereinbart, bestimmte Urwaldsektionen seines Pachtgebietes zu verschonen und in anderen nur selektiv einzuschlagen.
Doch Alternativen zur Kahlschlag-Praxis fallen bei den russischen Behörden nur langsam auf fruchtbaren Boden: Die Holzverarbeitung ist das Rückgrat der regionalen Wirtschaft, sie stellt 40 Proyent der Industrieproduktion der Provinz. „Es gibt keine andere Arbeit hier“, so Anatoli Spyzin, der am Dwina-Ufer aus den Fichtenstämmen 250 Meter lange Flöße schnürt. Während des Frühjahrshochwassers wird das Holz 300 Kilometer weit zu den Papierfabriken und Sägewerken nach Archangelsk geschleppt. Anatolis Lohn von 2500 Rubel (90 Euro) ist seit zweieinhalb Monaten überfällig.
„Der Holzeinschlag lohnt sich bei dem hohen Transportaufwand nur, weil die Firmen die Arbeiter ausnutzen“, kommentiert Greenpeace-Experte Jaroschenko. Und, so steht es in seinem Wald-Bericht, weil der gegenüber einer selektiven Waldnutzung rationellere Kahlschlag und die fast nicht vorhandene Wiederaufforstung die Kosten niedrig halten. „Fällen und fliehen“ nennt Jaroschenko diese Raubbau-Praxis. Wegen des harten Klimas wächst der nordische Wald zehnmal langsamer nach als deutscher. Doch Nationalparks und Schutzgebiete umfassen bislang nur ein Prozent der Fläche des Gebietes Archangelsk. Anatoli Kurnischow, der Oberförster vom Jemezk an der Dwina und zuständig für 770000 Hektar Wald, hält die FSC-Zertifizierung gar für ein Komplott, um die billigeren russischen Holzprodukte vom internationalen Markt zu verdrängen. „Les jeschjo morje“ – „Wald gibt es noch soviel wie das Meer“, davon ist auch Holzfäller-Brigadier Ramil überzeugt und deutet in Richtung der noch unversehrten Dwina-Taiga: „Es fehlen nur Straßen, um hinzukommen“. Zum Glück, sagen sich die Umweltschützer.
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Lothar Deeg arbeitet seit 1994 als freier Korrespondent für deutschsprachige Printmedien in St. Petersburg. Seit 2001 schreibt er für Russland-aktuell.