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Schon das Werkstor trägt ein Zwiebeltürmchen: Die Kirchenbedarfs-Fabrik in Sofrino (foto: kp/rufo)
Schon das Werkstor trägt ein Zwiebeltürmchen: Die Kirchenbedarfs-Fabrik in Sofrino (foto: kp/rufo)
Montag, 05.09.2005

Die Werkbank der Orthodoxie: 25 Jahre Sofrino

Karsten Packeiser, Moskau. Von gedruckten Ikonen für wenige Rubel über Priester-Gewänder bis hin zu vergoldeten Kuppeln – das Sofrino-Werk versorgt Russlands Kirchen mit allen nur erdenklichen Gegenständen.


Vater Innokenti blickt von seinem Arbeitszimmer aus auf den Vorplatz des Verwaltungsgebäudes, wo sich eine Pilgergruppe zur Betriebsführung versammelt hat. Zwei Stockwerke über dem Assistenten des Sofrino-Direktors befindet sich die werkseigene Kirche. „Bei uns beginnt jeder Arbeitstag und jedes neue Projekt mit einem Gebet“, berichtet der Geistliche. Der weltweit einzigartige Kirchen-Betrieb feiert im September sein 25-jähriges Bestehen.

Heiliges Russland, bewahre den orthodoxen Glauben!

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In leuchtend roten Buchstaben fordert eine von Weitem sichtbare Losung vom Dach der höchsten Sofrino-Werkshalle „Heiliges Russland, bewahre den orthodoxen Glauben!“ Schon äußerlich unterscheidet sich das Gelände von dem einer gewöhnlichen russischen Fabrik wie Himmel und Erde. Zwischen den einzelnen Hallen wurden gepflegte Blumenbeete angelegt, sogar einen Springbrunnen gibt es.

In einer Parkanlage treffen sich die Arbeiter und Angestellten zur Zigarettenpause. Nur hier ist Rauchen erlaubt – und zwar genau drei Mal am Tag für zehn Minuten. Bei Zuwiderhandeln droht die Entlassung, denn die Werksführung sorgt mit harten Regeln für Disziplin.

Ikonenmalerin in Sofrino (foto: kp/rufo)
Ikonenmalerin in Sofrino (foto: kp/rufo)
Tief gebückt sitzt Jelena über einem Holzkreuz mit einer Christus-Darstellung, an dessen Restaurierung sie seit Monaten arbeitet. Warum sie eine Stelle in Sofrino angenommen hat, kann sie nicht mehr sagen: „Wahrscheinlich war es eine Art Berufung.“ Heute arbeiten bei weitem nicht nur streng gläubige Christen in Sofrino, und in der Werkskantine gibt es auch während der Fastenzeit Fleisch. Für einige Berufe, etwa den des Ikonenmalers, ist eine Zugehörigkeit zur Kirche dagegen Pflicht.

Marktanteil 90 Prozent

Was vor 25 Jahren als kleine Werkstatt mit 80 Arbeitern begann, ist inzwischen zu einem Großbetrieb mit 3.000 Mitarbeitern gewachsen, in der allein acht Tonnen Kerzen täglich hergestellt werden. In Sofrino wird heute ein großer Teil aller Einnahmen des Moskauer Patriarchats erwirtschaftet, das anders als die deutschen Volkskirchen keine Kirchensteuer kennt. Kirchengemeinden und Bistümer füllen wiederum ihre Kassen auf, indem sie Ikonen und Bücher mit Aufpreis an die Gläubigen weiterkaufen und Spenden für die Kerzen sammeln.

Acht Tonnen Kerzen werden täglich auf solchen Maschinen hergestellt (foto: kp/rufo)
Acht Tonnen Kerzen werden täglich auf solchen Maschinen hergestellt (foto: kp/rufo)
Zunehmend führt das Unternehmen Aufträge reicher Russen aus, die sich private Hauskapellen einrichten lassen. Erzeugnisse des Werkes werden aber auch nach Griechenland, Serbien und in andere orthodoxe Länder exportiert. Den Marktanteil für Kirchenutensilien innerhalb Russlands schätzt Vater Innokenti auf 90 Prozent.

Kirchenfabrik zwischen Moskau und Sagorsk

Vor der Oktoberrevolution gab es in Russland kein vergleichbares Unternehmen, und kurioserweise liegt die Ursache für den wirtschaftlichen Erfolg des Sofrino-Werkes in der kirchenfeindlichen Politik der Sowjetführung. Denn nach Jahrzehnten atheistischer Herrschaft existierten keine Werkstätten und Handwerker mehr, bei denen die Kirche Brustkreuze oder Taufbecken anfertigen lassen konnte.

Im Internet
• Webseite von Sofrino

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Der damalige Patriarch Pimen bat die kommunistische Regierung deshalb darum, die nötigen Dinge selbst produzieren zu dürfen und erhielt schließlich in der Siedlung Sofrino auf halbem Weg zwischen Moskau und dem wichtigsten Kloster der russischen Orthodoxie im damaligen Sagorsk (heute wieder Sergijew Possad) ein verwahrlostes Grundstück. In den Anfangsjahren wurde die Arbeit des Kirchenbetriebes von den Behörden nach Kräften behindert. „Wir durften nicht die nötigen Maschinen erwerben und hatten sogar bei Stoffen Nachschubprobleme“, erinnert sich Vater Innokenti.

Noch immer gibt es erstaunlich viel Handarbeit in dem Kirchenunternehmen. Arbeiterinnen etwa schnüren Kerzen zu 2-Kilo-Päckchen zusammen. Im benachbarten Gebäude werden Ikonen von Hand gemalt, ein kirchlicher Zensor prüft bei jedem einzelnen Heiligenbild, ob es auch den Regeln der Ikonenkunst entspricht. Ausnahmslos alle Sofrino-Erzeugnisse werden von einem Priester gesegnet, bevor sie das Fabrikgelände verlassen. Sollte ein Gegenstand einmal dennoch defekt sein, können die Kirchenutensilien problemlos umgetauscht werden.
(epd)


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