Dienstag, 19.04.2011

Flüchtlinge aus Tschernobyl – 25 Jahre nach dem GAU

Ludmila Petrowna leitet das Waisenhaus von Borodjanka. Vor 17 Jahren hat sie hier als Erzieherin angefangen (Foto: Tillmann/.rufo)
Pauline Tillmann, Kiew. Borodjanka ist ein unscheinbarer Ort, 50 Kilometer von Kiew. Viele der Einwohner stammen aus Tschernobyl. Vor 25 Jahren hatten sie ihr Zuhause panikartig verlassen und hier neu anfangen müssen.
Zwei Jugendliche sitzen neben der Treppe. Sie reden und gucken, obwohl es nichts zu gucken gibt. Denn in Borodjanka ist es vor allem eins: ruhig.

Ruhig ist auch die Leiterin des dortigen Waisenhauses. Ludmila Petrowna ist 50 Jahre alt und stammt aus Tschernobyl. Vor 25 Jahren wurde sie mit ihrer Familie umgesiedelt, zunächst nach Kiew, jetzt ist sie hier.

Innerhalb von nur drei Monaten wurde damals in Borodjanka ein Kindergarten errichtet, später kam noch ein Waisenhaus dazu. „Jedes Jahr fahren wir nach Tschernobyl“, erzählt sie, „um die Grabmäler der Verstorbenen herzurichten, und um den Toten zu gedenken“.

Fukushima beschäftigt auch die Tschernobyl-Leidtragenden


Am 26. April jährt sich der Super-GAU zum 25. Mal. Schon seit Wochen wird über Tschernobyl berichtet, weil es seit Wochen nur ein Thema gibt: das Erdbeben in Japan und das Atomunglück von Fukushima. Die Ukrainer denken in diesen Tagen oft an Japan. Sie wissen, was den Japanern jetzt bevorsteht. Denn Tschernobyl war eine Zäsur - für die Ukraine, aber auch für die ganze Welt.

Ludmila Petrownas Kinder waren damals drei und fünf Jahre alt. Mitbekommen hat sie den Unfall schon am 26. April, aber ihre Wohnung hat sie erst fünf Tage danach verlassen. „Wir haben Jodtabletten bekommen, aber sonst haben wir natürlich nicht gewusst, was dieser Unfall bedeutet. Radioaktivität spürt man nicht, man riecht und schmeckt sie nicht. Das macht sie so tückisch.“

Katastrophenfolge: Kinder öfter krank und erkältet


Heute, 25 Jahre danach und 75 Kilometer entfernt, spürt sie die Folgen des Reaktorunglücks am eigenen Leib: Sie hat täglich mit Kopfschmerzen zu kämpfen, Medikamente nimmt sie schon lange nicht mehr.

Es ist drei Uhr nachmittags, auf dem Gang wird es laut: Die ersten Kinder werden abgeholt. Neben den Räumen für die Waisenkinder ist in dem Gebäude noch ein großer Kindergarten untergebracht. Täglich kommen mehr als 50 Kinder zwischen drei und sechs Jahren. Auch die Eltern dieser Kinder kommen aus Tschernobyl.

„Auffällig bei diesen Kindern ist nur, dass sie sich öfter erkälten“, erklärt Heimleiterin Ludmila Petrowna. Das liege daran, dass ihr Immunsystem schwächer sei als das von Kindern, deren Eltern keine Strahlung abbekommen hätten.

Der 11-jährige Jaroslaw (li.) und der 14-jährige Schenja leben schon seit einigen Jahren im Waisenhaus, weil ihre Eltern trinken. (Foto: Tillmann/.rufo)

Heimkinder: Opfer des Alkohols, nicht der Strahlung


Die sechs Heimkinder haben hingegen nichts mit Tschernobyl zu tun. Die zwei Mädchen und vier Jungs kommen aus der Umgebung und sind hier, weil ihre Eltern trinken und ihnen vom Jugendamt die Vormundschaft entzogen wurde. Wenn man sie darauf anspricht, weichen sie aus. Ihre Eltern besuchen sie nur selten, manche lassen sich – wenn überhaupt – nur einmal im Jahr blicken. Den Kindern ist es unangenehm darüber zu sprechen, weil sie dafür in der Schule gehänselt werden.

Dabei haben sie es in Borodjanka gar nicht so schlecht erwischt. Sie haben großzügige Schlafräume, einen Freizeitraum mit Ping-Pong-Platte, bekommen fünf Mal am Tag etwas zu essen und regelmäßig neue Kleidung. Der Staat zahlt für jedes Kind 350 Euro im Monat. Großzügig ist das, wenn man bedenkt, dass die durchschnittliche ukrainische Rente kaum mehr als 40 Euro beträgt.

Spanier verhelfen Kindern zu Urlaub – und neuen Eltern


Hinzu kommt, dass die Kinder mindestens ein Mal im Jahr wegfahren dürfen: vier Wochen Spanien, „um sich zu erholen“. Familien in Zaragossa und Valencia nehmen die Kinder für diese Zeit auf und machen mit ihnen Ausflüge. Nicht selten kommt es vor, dass diese spanischen Familien die Kinder im Anschluss adoptieren.

Die zwölfjährige Anastasia mit Erzieherin Nina Awtschar in der Küche beim Diskutieren (Foto: Tillmann/.rufo)
Auch in Italien ist das Interesse groß für ukrainische Kinder. Deutsche Familien sind eher zurückhaltend. Trotzdem haben die Kinder ein positives Bild von Deutschland. Der 15-jährige Alexander sagt: „Das ist das Land mit den schnellen Autos.“ Ob er sich so eines später mal kaufen wird, weiß er noch nicht. „Ich bin ganz zufrieden. Ich bleibe hier, bis ich mit der Schule fertig bin“, meint er keck und rennt ins Nebenzimmer.

Dort sitzt Nina Awtschar, eine der drei Erzieherinnen. Sie hilft den Kindern bei den Hausaufgaben. Von der Tschernobyl-Katastrophe wurde auch sie persönlich nicht betroffen, aber sie sagt: „Tschernobyl wird immer Teil von uns sein – ob wir wollen oder nicht.“