Dienstag, 07.06.2011

Kiew und Lemberg hoffen auf die Fußball-EM 2012

Die Arbeiten im Olympiastadion von Kiew laufen auf Hochtouren vor der Fußball-EM (Foto: Tillmann/.rufo)
Pauline Tillmann, Kiew. Ein Jahr noch bis zur Fußball-EM 2012: Die ukrainischen Städte Kiew und Lemberg (Lwiw) bereiten sich fieberhaft auf das Großereignis vor. Die Stimmung in der Bevölkerung: durchwachsen.
Die Sonne brennt auf Saschas Haut. Gebückt sitzt er auf einer Treppe und kleistert eine Rille mit grauer Farbe zu. Es herrschen 28 Grad. An seiner Schläfe bilden sich Schweißtropfen, es sind nicht die ersten an diesem Tag. Der 27-jährige Sascha Kandiba ist Bauarbeiter im „Olympischen Stadion“ von Kiew.

Endspielstadion ist noch eine Baustelle


Hier findet das Endspiel der Fußball-Europameisterschaft 2012 statt. Bislang kann hier noch gar nichts stattfinden, weil das ganze Stadion eine einzige große Baustelle ist. „Bis Oktober wird das Stadion fertig sein“, erklärt Vizepremier Borys Kolesnikow, der gleichzeitig die Nationale Agentur leitet, die sich um die Ausrichtung der EURO 2012 in der Ukraine kümmert.

Sascha mag daran nicht so recht glauben: „Hier gibt es noch so viel zu tun, ich weiß nicht recht, ob das alles in nur vier Monaten fertig wird.“ Seit drei Monaten verdingt er sich auf der Baustelle, schweißt, bohrt, hämmert oder streicht. Er macht, was gerade anfällt. Dafür bekommt er 300 Euro im Monat. Für einen ungelernten Arbeiter nicht schlecht, vor allem weil er das Geld fast komplett zur Seite legen kann. Denn für das Zimmer im Wohnheim zahlt er nichts.

Arbeiter aus allen Teilen der Ukraine


Sascha kommt aus der Stadt Krementschuk, 300 Kilometer südöstlich von Kiew. „Die Leute, die hier auf der Baustelle arbeiten, sind wild zusammengewürfelt – sie kommen von überall her“, sagt er. Von der EURO 2012 erhofft sich der 27-Jährige, dass mehr Touristen in die Stadt kommen. Und: „Dass es endlich mal vorwärts geht.“

Vorwärts geht es nur langsam. Lange war Lemberg (Lwiw) das Sorgenkind der Ukraine, wenn es um die Fußball-Europameisterschaft ging. Denn hier kam es zu erheblichen Verzögerungen, unter anderem weil ein regionaler Oligarch versucht hat, die Stadt zu erpressen und für sich Vorteile herauszuschlagen.

Mehr Investoren durch Europameisterschaft erhofft


„Das ist alles Schnee von gestern“, sagt Oleg Zasady, der die EM-Vorbereitungen in Lemberg koordiniert. Zasady ist ein offener, sympathischer Typ Mitte Vierzig. Erfahrungen im Projektmanagement sammelte er unter anderem beim Süßwarenhersteller Nestlé, der in Lemberg produziert. Neben Nestlé ist die METRO Group einer der wichtigsten Investoren, die vor kurzem eine neue Filiale eröffnet haben.

„Durch die EURO 2012 erhoffen wir uns natürlich noch mehr Investoren“, gibt Oleg Zasady unverblümt zu. „Aber in erster Linie geht es darum, dass wir dafür sorgen, dass sich die Bedingungen für die Menschen hier vor Ort verbessern.“ Demnach stünde nicht das Fußball-Event im Mittelpunkt sondern die Stadt Lemberg. Dafür gibt die Stadtverwaltung zehn Millionen Euro im Jahr aus.

500 Millionen Euro in Lemberg nötig


Für das neue Stadion, den neuen Flughafenterminal und neue Straßen gibt die ukrainische Regierung einiges mehr aus – nämlich geschätzte 500 Millionen Euro. Hinzu kommen private Investoren, vor allem aus der Ukraine und aus Russland, die jedes Jahr bis zu acht neue Hotels bauen.

Der Verkauf von EM-Souvenirs läuft bereits erfolgreich (Foto: Tillmann/.rufo)
Derzeit verbucht Lemberg eine Million Touristen im Jahr. Allein im EM-Monat Juni 2012 rechnet Oleg Zasady mit 400.000 zusätzlich. Das zaubert nicht nur dem Büroleiter ein Lächeln aufs Gesicht sondern auch Souvenirhändlerin Vera Sass. Die 32-Jährige verkauft jeden Tag Schlüsselanhänger, Becher und Puppen. Seit einigen Wochen hat sie auch erste EM-Souvenirs in ihrem Sortiment: Schal und T-Shirt, beides für umgerechnet sechs Euro. „Die T-Shirts gehen ganz gut“, erklärt Vera, „allerdings verkaufen wir die schwarz, weil wir uns die offizielle Lizenz für das UEFA-Logo nicht leisten können“.

Bewohner von EM-Effekt nicht überzeugt


In einem Jahr werden auf dem Souvenirmarkt neben der Oper so viele Touristen flanieren wie nie zuvor. Vera Sass erklärt: „Klar freuen wir uns darauf – vor allem sind wir davon überzeugt, dass die Leute, die uns hier besuchen wiederkommen werden.“ Von dieser Nachhaltigkeit ist Taxifahrer Slawek Wetschereb nicht überzeugt: „Die Touristen werden kommen, ja, aber das Ganze dauert nur einen Monat an. Danach ist der ganze Spuk vorbei und wir müssen uns mit den gestiegenen Preisen herumschlagen.“ Dass alles rechtzeitig fertig wird, davon ist er überzeugt, aber er sagt auch: „Nach 2012 fällt alles wieder in sich zusammen.“

Das größte Problem, vor allem bei den Straßen, ist Korruption. Die Regierung gibt Milliarden Euro für insgesamt 3.000 Kilometer Autobahnen und Schnellstraßen aus. Die Krux: Die Baufirmen bauen zwar Straßen, aber die sind nicht von Dauer. Schon nach einem Winter zeigen sich erste Frostschäden und Reparaturen müssen her. Wieder rücken die Baufirmen an und bessern die Löcher aus. Und: verdienen daran.

Löchrige Straßen trotz 10 Mrd. Euro Ausgaben


Das Prinzip hat System – und hat sich bewährt. Das ganze Land ist übersät mit löchrigen Straßen. Bei den großen Autobahnen Richtung Kiew und Richtung Polen soll das zwar anders laufen, aber bislang handelt es sich dabei nur um eine Absichtserklärung. Die Straßen von Lemberg zur polnischen Grenze gibt es ohnehin noch gar nicht.

Die Ukraine will zehn Milliarden Euro in die Fußball-Europameisterschaft investieren – Polen gibt mit rund 21 Milliarden Euro das Doppelte aus. Allerdings kommen 40 Prozent davon, also 8,5 Milliarden Euro aus dem Strukturfonds der Europäischen Union. Diese Unterstützung hat die Ukraine nicht. Sie muss für die EURO 2012 Schulden anhäufen, in der Hoffnung dadurch etwas bekannter zu werden und in Zukunft nicht mehr nur mit Tschernobyl und der Orangenen Revolution assoziiert zu werden.