Freitag, 19.10.2012

Klitschko auf Punktejagd in der politischen Arena

Witali Klitschko beim Wahlkampf in der Ukraine. (Foto: Ballin/.rufo)
André Ballin, Kiew. Witali Klitschko ist der Star vor der Parlamentswahl in der Ukraine. Gute Umfragewerte bestätigen das. Der Boxer punktet mit einer Antikorruptionskampagne. Doch Wahlkampf sei härter als Boxen, sagt er.
Mit hohem Tempo rast der VW-Bus über die holprigen Straßen der ukrainischen Provinz. Auf dem Rücksitz versucht Witali Klitschko, das Ipad auf dem Knie, die neuesten Nachrichten aus dem Wahlkampf abzurufen. Sein Assistent ist bereits eingenickt.

„Keine Kondition“, sagt Klitschko augenzwinkernd. Aber auch er ist sichtbar müde. Ein Gähnen kann er nicht unterdrücken. Der Wahlkampf ist hart. Im Gegensatz zum Boxen gebe es keine Regeln, klagt Klitschko.

15 bis 20 Prozent


Seit dem Morgen ist der Neu-Politiker unterwegs. Seine Partei „Udar“ („Schlag“) hofft bei der Parlamentswahl am 28. Oktober auf ein gutes Ergebnis. In Umfragen schwankt ihr Wert zwischen 15 und 20 Prozent, damit liegt sie auf Platz zwei oder drei, hinter der regierenden Partei der Regionen, gleichauf mit der Vaterlandspartei von Julia Timoschenko.

Für ein gutes Ergebnis wird Klitschko als Vorzeigeobjekt gebraucht. Udar ist völlig auf ihn zugeschnitten. Bekannte Persönlichkeiten neben ihm gibt es nicht; Klitschko sieht das als Vorteil: „Wir sind neu und unverbraucht“, sagt er.

Es bedeutet aber auch, dass der gesamte Wahlkampf auf seinen Schultern lastet. Seit dem 13. September reist er durchs Land. Neun Millionen Euro hat die Wahlkampagne gekostet, der Großteil stammt aus seiner eigenen Tasche.

Korruption immer und überall


Gestern hat er in Kiew vor Studenten die Korruption in der Ukraine kritisiert und die Transformation in Osteuropa und zuletzt Georgien als erfolgreiche Gegenbeispiele gelobt.

Der Wahlkampf in der Ukraine ist hart für den Boxweltmeister Vitali Klitschko. (Foto: Ballin/.rufo)
Den 21-jährigen Jungunternehmer Alexander Kolomyzenko hat er überzeugt: „Es kann nicht sein, dass ich für mein Diplom Schmiergeld zahlen muss, oder jetzt als Unternehmer dauernd irgendwelche Knüppel zwischen die Beine geworfen bekomme“, sagt er.

Heute wiederholt Klitschko die Thesen auf der Wahlkampftour durch das ländliche Tscherkassy. Zuerst in der Kleinstadt Schpola. Die Bühne steht neben der Stadtverwaltung mit Blick auf das Lenin-Denkmal. Kinder halten mit leuchtenden Augen Klitschko-Plakate hoch. Als er auftritt, brandet Jubel auf.

Doch die Verehrung gilt dem Sportler; als Politiker hat er es schwer: Die eingeübte Rede klingt hölzern. Klitschko landet einige Treffer gegen Präsident Viktor Janukowitsch, doch richtig mitreißen kann er die Menge nicht.

Skepsis bei den Wählern


Rentner Boris jedenfalls, der mit seinem Fahrrad auf dem Rasen seitlich der Bühne steht, ist skeptisch: „Sie versprechen alle viel. Ich weiß nicht, wem ich glauben soll“, sagt er. Er habe sich noch nicht entschieden, für wen er abstimme, fügt er hinzu.

Auch Nina Simonjuk zweifelt. Die 35-jährige Mutter von zwei Kindern ist arbeitslos. Früher habe es eine Näherei, eine Konditorei und Fabriken in der Stadt gegeben. „Jetzt ist alles dicht, wir sind verzweifelt“, sagt sie. Immerhin, sie will Klitschko wählen, „auch wenn ich nicht weiß, ob ich ihm glauben kann“, sagt sie. Aber ihr Sohn sei eben Fan von Klitschko.

Kampf gegen administrative Hürden


Klitschko kämpft nicht nur mit eigenen Schwächen, sondern auch mit Behördentücken: Veranstaltungsorte werden gesperrt, der Strom abgeschaltet, oder Provokateure geschickt. In Smila, der nächsten Station, gibt es Ärger.

Die ehemalige melkerin Raissa Tartzun hofft, dass Klitschko die Korruption in der Ukraine besiegt. (Foto: Ballin/.rufo)
Der Direktkandidat im Wahlkreis hat Feinde: Zuschauer werfen ihm vor, sich einst bereichert zu haben. Provokateure oder Unzufriedene? Das bleibt bei der Auseinandersetzung unklar.

Klitschko muss einschreiten und versprechen, der Sache nachzugehen. „Wir sind ehrlich“, sagt er der Menge. Ein paar kann er gewinnen, wie die 65-jährige Rentnerin Raissa Tartzun, eine ehemalige Melkerin: „Ich denke, er kann die Korruption besiegen – mit unserer Hilfe“, sagt sie.

Klitschko liberal, aber nicht orange


Klitschko versucht, die Balance zu wahren, eine Koalition mit Kommunisten und der regierenden Partei der Regionen werde es nicht geben, sagt er. Diese Kräfte hätten sich diskreditiert. „Es gibt doppelt so viele Milliardäre in der Ukraine wie noch vor ein paar Jahren, aber wir leben nicht doppelt so gut“, sagt er. Janukowitsch will er per Impeachment absetzen.

Doch auch eine zu enge Anlehnung an Julia Timoschenko ist gefährlich. Klitschko fordert zwar ihre Freilassung und deutet eine mögliche „Koalition der demokratischen Kräfte“ an, doch feste Garantien will er nicht geben. Kein Wunder, die einstigen Führer der so genannten orangen Revolution sind unbeliebt. „Zu sagen, die Menschen wären enttäuscht, ist eine Untertreibung“, erklärt die Politologin Swetlana Konontschuk.

Die Härte des Wahlkampfalltags


Smila ist ein harter Ortstermin für Klitschko. Die Menschen sind enttäuscht von der Politik und ungläubig. Es fällt schwer, ihr Vertrauen zu gewinnen. Doch es ist erst Halbzeit. Nun gibt es Interviews, dann fährt Klitschko zur Ex-Kosakenfestung Tschigirin. Hier läuft es besser für ihn. Die Fragen, die er nach dem Runterspulen des Standardrepertoires beantworten muss, sind freundlich. Erleichterung beim Kandidaten.

Der größte Erfolg wartet in Tscherkassy: Etwa 5.000 Klitschko-Fans sind gekommen. Die Rede wird bejubelt. Der 21-jährige Student Sergej Babak hat als Volontär schon den ganzen Tag buchstäblich die Udar-Fahne auf den Meetings hochgehalten. Er hoffe, dass sich Klitschko für die Jugend einsetze, damit er als angehender Lehrer mehr als 100 Euro Gehalt bekomme, erläutert er seine Motivation.

In Tscherkassy sind die letzten Fahnen noch nicht eingerollt, da ist Klitschko wieder auf dem Heimweg – um 23 Uhr wird er in Kiew sein. „Wenn ich abends nach Hause komme, falle ich nur noch um und schlafe“, sagt er. Für etwas anderes bleibt auch keine Zeit. Am Folgetag steht schon die nächste Region auf dem Programm.