Freitag, 18.04.2008

Konjunktur für den Rechtsradikalismus in Russland

Russische Skinheads zeigen den Hitlergruß beim russischen Marsch (Foto: Ballin/.rufo)
André Ballin, Moskau. Die Miliz in Jekaterinburg hat am Wochenende verschärften Dienst. Grund: Es ist Hitler-Geburtstag – und russische Nazis feiern mit. Die „Feierlichkeiten“ bestehen meist aus Überfällen und Schlägereien.
Die Gesichter sind vermummt, die Köpfe kahl geschoren. Flaggen des faschistischen „Nationalny Sojus“ wehen über der Menge. Plötzlich fliegen ein paar Arme nach oben. „Sieg Heil“ grölt die Menge. Die Szene spielt sich in Moskau ab, beim so genannten „Russischen Marsch“.

70.000 Skinheads in Russland


Im Land, das vor über 60 Jahren unter großen Opfern den Hitlerfaschismus besiegte, hat rechtes Gedankengut Hochkonjunktur. Leidtragende sind vor allem Kaukasier und Einwanderer aus Zentralasien. Schätzungen zufolge gibt es in Russland etwa 70.000 Skinheads, die Hälfte davon gilt als gewaltbereit.

Einer von ihnen ist der aus Jekaterinburg stammende Artur Ryno. Im April 2007 wurde er in Moskau zusammen mit einem Kumpan unmittelbar nach dem Mord an einem Armenier verhaftet. Etwa 20mal hatten die beiden mit dem Messer auf ihr Opfer eingestochen. Anschließend versuchten sie per Straßenbahn vom Tatort zu fliehen. Als die von einem Zeugen verständigte Polizei sie festnahm, klebte noch Blut an ihrer Kleidung.

Rassistischer Massenmörder ist Vorbild in der Szene


Rassenhass nannte Ryno als Tatmotiv und dann schockte er die Fahnder mit einem grausigen Geständnis. Der erst 17 Jahre alte Student gab zu, schon Dutzende Morde auf dem Gewissen haben. Vor der Staatsanwaltschaft prahlte er mit insgesamt 37 Bluttaten. Inzwischen hat er sein Geständnis widerrufen, doch die Behörden sind sicher, ihm in über 20 Fällen die Tat nachweisen zu können.

Artur Ryno ist kein Einzelfall. Es gibt inzwischen viele Nacheiferer. Seit Jahren nehmen die xenophoben Überfälle in Russland zu. Hochburgen sind neben der Hauptstadt Moskau vor allem St. Petersburg, Woronesch sowie die Ural-Region Swerdlowsk.

Über zehn Tote pro Monat


Nach Angaben des SOVA-Zentrums, des führenden russischen Analyse-Instituts für Rechtsextremismus in Russland, fielen allein in den ersten drei Monaten 2008 39 Nichtrussen der Gewalt zum Opfer. „Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ist die Brutalität der rassistischen und neonazistischen Angriffe gewachsen“, konstatiert Galina Koschewnikowa vom Zentrum daher nüchtern.

Angst und Vorurteile gegenüber Fremden in der Bevölkerung


Der Fremdenhass der Neonazis ist dabei nur die Spitze einer in Russland weit verbreiteten Xenophobie. Vorurteile gegen Ausländer sind keineswegs auf eine kleine Randgruppe beschränkt. Viele Russen stempeln die Südländer von vornherein als zweitklassig ab.

Niedrige Arbeiten, wie Müllbeseitigung übernehmen in Moskau gewöhnlich Tadschiken (Foto: Ballin/.rufo)
Sie nennen sie „Tschornyje“, d.h. „Schwarze“ und sind sich oft gar nicht im Klaren darüber, wie abwertend der Begriff ist. Obwohl die Zugereisten oft niedrige Arbeiten übernehmen, die kaum ein Russe machen würde, kursiert Konkurrenzangst unter der Bevölkerung. Die Rechten bedienen sich dann der gängigen Klischees mit Parolen wie „Russland den Russen“ oder „Schlagt die Schwarzen“.

Polizei macht es vor: Diskriminierung ist legal


Auch der Staat trägt seinen Teil zur Fremdenfeindlichkeit bei. Eines der am weitesten verbreiteten Diskriminierungsmittel sind die ständigen Personenkontrollen der russischen Polizei.

Diese greifen sich fast ausschließlich Kaukasier und Zentralasiaten, um deren Registrierung zu überprüfen und sie abzukassieren. „Damit wird den Menschen gezeigt, dass Diskriminierung legal ist“, erklärt Koschwenikowa.

Darüber hinaus sei den Neonazis lange Zeit das Gefühl gegeben worden, dass ihre brutalen Angriffe straflos bleiben, führt die Expertin weiter aus. Zwar sieht das russische Gesetz hohe Freiheitsstrafen für rassistische Übergriffe vor, doch die Täter werden in den seltensten Fällen tatsächlich gefasst.

Russlands Nazis reagieren mit Gewalt auf Druck der Behörden


Erst vor kurzem haben die Behörden den Druck auf die rechte gewaltbereite Szene deutlich erhöht. Dies hat die Welle der Gewalt in diesem Winter allerdings zunächst weiter anschwellen lassen, ist Koschewnikowa überzeugt.

„Die Nazis sind Repressionen nicht gewohnt und reagieren mit Gewalt darauf“, erklärt sie. Dennoch wäre ein Einlenken des Staates in diesem Moment das falsche Signal. „Die Ressourcen des rechten Untergrunds sind beschränkt, irgendwann ist der Sumpf ausgetrocknet“, hofft Koschewnikowa.