Dienstag, 14.06.2011

Kunst u. Albers: Deutsche Kaufhauskönige in Wladiwostok

Die junge Hafenstadt Wladiwostok zu Beginn des 20. Jahrhunderts: An der Hauptstraße Swetlanskaja steht - elektrisch beleuchtet! - das Kaufhaus von Kunst & Albers (Foto: Archiv Deeg/.rufo)
Von Lothar Deeg. Mit Geschäftssinn und Abenteuerlust wurden drei Deutsche in Wladiwostok reich – und ihre Firma zum regionalen Handelsimperium. Dem märchenhaften Aufstieg folgte ab 1914 ein dramatischer Überlebenskampf.
Am 16. September 1864 warf in einer fjordartigen Bucht am Japanischen Meer die Schonerbrigg "Meta" Anker. Dort befand sich ein trostloses und weltabgeschiedenes Nest namens Wladiwostok. Der Ort bestand aus 44 Holzhäusern und Hütten, bewohnt von einem Haufen apathischer russischer Soldaten und vier, fünf Dutzend Zivilisten.

Der Standort: Die "Seegurkenbucht"


Nur der Name dieses Platzes war klangvoll und vielversprechend: "Wladiwostok" heißt soviel wie "Beherrsche den Osten". Die paar chinesischen Fischer, die dort auch hausten, nannten es Hai-shan-wei - "Stadt an der Seegurken-Bucht". Das war zutreffender. Denn mehr als nach Weichtieren zu fischen, gab es dort bisher - wirtschaftlich gesehen - nicht zu tun.

Dennoch beschloss Gustav Albers, ein 26-jähriger Seemann aus Hamburg, hier die Fracht an Land bringen zu lassen: Haltbare Lebensmittel wie Mehl und Reis, dazu Baumwollstoff, Werkzeuge und Baumaterial. In diesem fast menschenleeren Landstrich, den die Russen schlicht "Primorje", das Küstengebiet, nannten, fehlte es am Allernötigsten. Erst vier Jahre zuvor hatte sich das Zarenreich das Territorium zwischen Ussuri und dem Pazifik, so groß wie Italien, einverleibt.

Das Buch zur Geschichte
Lothar Deeg: \"Kunst u. Albers Wladiwostok, Die Geschichte eines deutschen Handelshauses im russischen Fernen Osten (1864-1924)\", 320 S., 1996 (vergriffen). Eine Neuauflage ist in Vorbereitung. 2012 wird das ZDF im Rahmen der Sendereihe „Terra X“ eine Dokumentation über \"Kunst u. Albers\" zeigen.
e-mail an den Verfasser

Eine Schlittenreise quer durch Sibirien 1864


Gustav Albers hatte seinen Geschäftspartner und Landsmann Gustav Kunst erst kurz zuvor in Shanghai kennengelernt. Der Hamburger Kaufmann Kunst war im Winter zuvor per Schlittenpost quer durch Sibirien gereist und hatte gehört, dass die Russen in Wladiwostok oder dessen Nachbarschaft ihren ersten eisfreien Pazifikhafen einrichten wollten.

Kunst versprach sich davon gute Geschäfte, denn dieses tausende Kilometer vom Mutterland entfernte Gebiet war vollkommen auf den Warenimport angewiesen. Weiter im Norden, am Amur, dominierten bereits amerikanische, chinesische und deutsche Händler.

Die ersten zehn Jahre waren eine harte und gefährliche Zeit für die beiden Hamburger Junggesellen. Gustav Kunst brachte 1865 eine erste Warenfuhre zu den russischen Militärstützpunkten am Ussuri, quer durch die weglose, dschungelartige Taiga, in der es mehr Tiger und "Chunchusen" (chinesische Räuberbanden) gab als zivile Siedler.

Eine Gemischtwarenhandlung jenseits von Sibirien


Aber die Gewinnspannen waren verlockend hoch. Schon ein Jahr später ließ sich die Firma "Kunst & Albers" in Wladiwostok ein großes Holzhaus errichten, wo sie "Handwerkszeug, Zucker, Tee, Konserven, Lichte, amerikanische Streichhölzer, T-Cloth und feineres Leinen" verkauften. Viel Umsatz machten die deutschen Händler auch mit Munition, Waffen und Wodka.

Wildwest in Fernost


Wladiwostok sah aus und wuchs auch so schnell wie eine Pionierstadt im Wilden Westen. Jede Menge Schenken, in denen auf Leben und Tod gespielt und gesoffen wurde; Straßen, die nur zu Pferde passierbar waren; hinter den wenigen russischen Häusern eine Ansammlung armseliger Verschläge. Dort hausten chinesische und koreanische Tagelöhner, die im Hafen und auf den Baustellen schufteten.

1875 brachte Gustav Albers von seinem ersten Heimaturlaub seine Frau Elise mit. Gemeinsam mit der ersten in Hamburg eingekauften Warenladung traf auch Adolph Dattan in Wladiwostok ein. Der erst 21 Jahre alte Pfarrerssohn hatte in Naumburg eine Kaufmannslehre absolviert.

Der dritte Mann: Adolph Dattan aus Thüringen


Eigentlich hatte Adolph Dattan nach Südamerika auswandern wollen, doch in Hamburg hatte ihn Albers als Buchhalter engagiert. Der fleißige und ehrgeizige Thüringer übernahm im Laufe der Jahre die Leitung der Firma in Wladiwostok. Die beiden Gründer ließen sich wieder in Hamburg nieder, um Kredite und den Warennachschub für ihr Unternehmen am anderen Ende des euroasiatischen Kontinents zu organisieren.

Dattan, ein Kaufmann mit Leib und Seele, war der richtige Mann für diesen Posten. Das sah auch 1898 ein junger Berufskollege so, den es auf einer Weltreise nach Wladiwostok verschlagen hatte. Egon Kunhardt schrieb, es mache "einen missfälligen Eindruck, wenn zwei große, bärtige Kerle sich um den Hals fallen und auf den Mund küssen; so sehr ich Herrn Dattan bewundert habe, wenn er alle russischen Gebräuche zu den seinigen machte - diese Gewohnheit würde ich mir nie angeeignet haben ... Um keinen Preis der Welt würde ich einen General oder Admiral auf den Cigarrenmund geküsst haben, selbst nicht, um einen Auftrag von großer Bedeutung zu erhalten."

Wladiwostok - Transsib-Endpunkt auf internationalem Pflaster


Wladiwostok entwickelte sich zu einem kleinen, aber lebhaften Handelshafen, der zugleich Hauptstützpunkt der russischen Pazifikflotte war. 1891 begann hier der Bau der transsibirischen Eisenbahn.

Die Stadt, deren Besuch zu Sowjetzeiten für Ausländer verboten war, hatte damals internationales Flair. Neben Kunst & Albers hatte ein anderer Hamburger namens Langelütje sein Geschäft eröffnet. Dänische Telegraphisten, französische Bäcker und Gastronomen gehörten zum Alltag. Auf der nahen Halbinsel Pestschanny züchtete die Schweizer Familie Conrad Hirsche. Die rätoromanisch sprechenden Farmer verkauften den als Potenzmittel begehrten Bast nach China.

Kunst & Albers als Kaufhaus-Pioniere


Kunst & Albers hatte bereits 1884 in Wladiwostok ein stattliches Kaufhausgebäude "ganz aus Stein und Eisen" errichtet. Von den Ziegelsteinen abgesehen war das ganze Baumaterial von Hamburg aus um die halbe Welt verschifft worden. Die Schaufensterfront und die 18 Verkaufsabteilungen von Kunst & Albers verbreiteten dort schon mondänes Flair, als in Deutschland der spätere Warenhausmagnat Tietz ("Hertie") noch seinem "Garn-, Knopf, Posamentier-, Weiss- und Wollwarengeschäft" in Gera vorstand.

Nicht Deutschlands erstes, aber das erste deutsche Kaufhaus - es stand in Wladiwostok!

"Weithin sichtbar ragt der umfangreiche Bau an der Hauptstraße am Ufer empor. Weit in die Bucht hinaus leuchten zur Nachtzeit die Strahlen des elektrischen Lichts, welches hier zuerst in Sibirien verwendet wurde", schrieb ein Reisender kurz vor der Jahrhundertwende.

(zur Fortsetzung: Spionagevorwürfe gegen Kunst und Albers ab 1914)