Von Karsten Packeiser, Kirow. Auf den ersten Blick sieht Alexander Perminow mit seinem großen silbernen Kreuz auf der Brust aus wie ein gewöhnlicher orthodoxer Priester. Wer jedoch genau hinschaut, entdeckt die braunen Cowboy-Stiefel, die unter seinem schwarzen Talar hervorragen. In Kirow, einer 500.000-Einwohner-Stadt auf halbem Weg zwischen Moskau und dem Ural, ist Vater Alexander inzwischen bekannt wie ein bunter Hund. Der Priester ist leidenschaftlicher Motorrad-Fan und leitet den einzigen orthodoxen Biker-Club Russlands.
„Alles begann eher zufällig“, erinnert sich der Geistliche. Als er vor zwei Jahren auf dem
Kirchhof an seiner Honda herumbastelte, lernte er zwei Männer aus der Nachbarschaft kennen,
die sein Hobby teilten. Wenig später entstand die Idee, einen Biker-Club zu gründen, bei dem es
um mehr gehen sollte, als einfach nur mit röhrenden Motoren durch die Gegend zu rasen.
Vater Alexander
Weil das erste Treffen am orthodoxen Christi-Verklärungsfest stattfand, gab sich der Club den Namen „Orden der Verklärung“. Zehn feste Mitglieder und mehrere Dutzend Anhänger gehören dem Verein zurzeit an. Für die Biker aus Vater Alexanders Orden gelten strenge Regeln, die in
der Szene bislang alles andere als mehrheitsfähig sind. Totenschädel auf den Lederjacken sind
ebenso verboten wie der Genuss hochprozentiger Spirituosen oder grobes Fluchen. Auch Tätowierungen sind verpönt.
„Ich habe den Leuten erklärt, dass jeder Mensch als Schöpfung Gottes so, wie er ist, schon gut
ist“, sagt der Pfarrer, „daran muss man nichts mehr ändern.“ Vor der Aufnahme in den Club
muss außerdem jeder Kandidat mindestens zehn Stunden lang ehrenamtlich beim Wiederaufbau
von Perminows Kirche mithelfen, Müllsäcke und Ziegelsteine schleppen oder Zement anrühren.
Diese Hilfe hat die baufällige Erlöser-Kirche im Stadtzentrum von Kirow bitter nötig. Die
kommunistischen Machthaber waren hier nach der Oktoberrevolution mit selbst für sowjetische
Verhältnisse ungeheuerlicher Brutalität gegen die orthodoxe Kirche vorgegangen. Die meisten
prächtigen Kathedralen und Klöster der alten Handelsstadt wurden in die Luft gesprengt. Die
Erlöser-Kirche wurde als Wohnheim für Kriegsflüchtlinge genutzt, ihre Zwiebeltürme wurden
abgerissen. Erst 1995 erhielt die orthodoxe Kirche das Gebäude zurück.
... und
„Ich hatte gar nicht die Aufgabe, die Leute in die Kirche zu zerren“, sagt Perminow. „Wir
streben danach, uns zu bessern, aber es geht nicht darum, so orthodox wie möglich zu werden.“
Bei den wöchentlichen Treffen im Gemeinderaum der Kirche, wo es nach dem Gottesdienst nach
Weihrauch riecht, drehen sich die Gespräche immer wieder nicht nur um Motorräder, sondern
auch um Gott und die Welt. Die Biker sind inzwischen alle getauft und haben angefangen zu
fasten. „Es gibt einige schwierige Jungs“, meint der Priester, aber selbst die würden inzwischen
zur Beichte kommen.
„Hier in der Stadt unternimmt sonst niemand etwas mit Jugendlichen“, sagt Anatolij, ein Student,
der mit seinem zwanzig Jahre alten tschechoslowakischen Cezet-Motorrad manchmal zu
den Treffen kommt. „Deswegen sitzen abends alle in den Hauseingängen rum und saufen. Hier
habe ich eine echte Stütze gefunden.“
Probleme mit der orthodoxen Geistlichkeit habe er nie gehabt, beteuert Perminow. Lediglich
ganz am Anfang, als er die ersten Interviewanfragen erhielt, habe er seinem Erzbischof den Sinn
des orthodoxen Biker-Clubs erklären müssen. Den Rummel um seine Person verstehe er nicht,
sagt Vater Alexander: „Wenn orthodoxe Würdenträger im Mercedes sitzen, wundert sich niemand.Was ist dabei, wenn ich in meiner Freizeit Motorrad fahre?“
Im Mai organisierte der Kirower Biker-Club erstmals ein großes Motorrad-Fest auf dem zentralen
Platz der Stadt. Rund um das riesige Lenindenkmal versammelten sich mehrere tausend
Schaulustige. In einer Kolonne fuhren über 150 teils von weit her angereiste Biker durch die
Stadt.
Vor dem Start der Kolonne zieht Vater Alexander noch einmal kurz den Talar über Jeans und
Lederweste und spritzt Weihwasser in die Menge. „Christus ist auferstanden!“, ruft der Priester
mit schallender Stimme. Eher zögerlich antworten die Rocker auf den traditionellen orthodoxen
Gruß: „Er ist wahrhaftig auferstanden.“ Als nach dem Ende der Show ein kleiner Junge auf die
zentrale Bühne steigt und den Priester schüchtern um ein Autogramm bittet, lehnt der ab. „Wenn
du zum Gottesdienst in meine Kirche kommst“, sagt Perminow, „bekommst du dort von mir auch
den Segen. Davon hast du viel mehr.“
(epd).
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