Schanibek Batenow (21) aus Kasachstan und Wladimir Tatarnikow (20) aus Weissrussland wollen evangelische Pastoren werden (Foto: Packeiser/.rufo)
Montag, 19.06.2006
Pastoren für Kirgisien und Kaliningrad
Karsten Packeiser, St. Petersburg. Im mittelasiatischen Kirgisien gibt es nur einen einzigen evangelischen Pastor mit theologischer Ausbildung. Dmitri Drygin hat sich vorgenommen, der zweite zu werden.
Gemeinsam mit 15 anderen jungen Männern und Frauen aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion studiert er derzeit am Theologischen Seminar in Nowosaratowka bei St. Petersburg.
Die Evangelisch-Lutherische Kirche Russlands und anderer Staaten (ELKRAS) ist die flächenmäßig größte evangelische Kirche der Welt. Ihre Gemeinden liegen über mehr als 10.000 Kilometer verstreut zwischen Kaliningrad, dem Pazifikhafen Wladiwostok, dem Polarkreis und dem heißen Mittelasien. Als sich die Kirche nach Jahrzehnten der Unterdrückung Anfang der 1990er Jahre wiedergründen konnte, wurde schon bald eines ihrer größten Probleme offensichtlich: Nur eine Hand voll meist hochbetagter Pastoren hatte den Terror der Sowjetzeit überlebt.
Rektor von Bremen wehrt sich gegen Vorteile, seine Einrichtung sei zu liberal (Foto: Packeiser/.rufo)
Lutherische Kirche mit bewegter Vergangenheit
In dem einstigen Russlanddeutschen-Dorf Nowosaratowka am rechten Ufer der Newa sollte das Nachwuchsproblem der ELKRAS gelöst werden. Die ehemalige lutherische Kirche der Siedlung wurde zurückgekauft und zur Bildungsstätte umgebaut. „Das Gebäude gehörte zuletzt einer Sowchose“, erzählt Godeke von Bremen, der Rektor des Seminars, „die hatte hier eine Traktorenwerkstatt eingerichtet.“ 1997 wurde der Lehrbetrieb in dem gründlich renovierten Bau aufgenommen.
Geradezu familiär ist das Verhältnis der Studenten zueinander, die alle in einem Wohnheim des Seminars leben. „Selbst in den Ferien schreiben wir uns ständig“, erzählen sie. Zu den Regeln im Seminar gehört auch, dass Studenten, die derzeit vier Dozenten und die übrigen Mitarbeiter jeden Tag gemeinsam zu Mittag essen und sich morgens und abends zu Andachten in der Kapelle treffen. „Manche Leute glauben, wir würden hier wie im Kloster leben“, sagt Larissa Kriger aus Kasachstan. Das sei aber völliger Blödsinn.
Lediglich während der Prüfungszeit ist nicht mehr viel von der relativ ungezwungenen Atmosphäre im Seminar zu spüren, denn aus reiner Gefälligkeit besteht nach der dreijährigen Ausbildung zum „Bachelor der Theologie“ niemand die Examen. „Wir bemühen uns, ein gewisses Niveau zu halten“, sagt Rektor von Bremen. Genau das fällt den Lehrkräften in Nowosaratowka allerdings alles andere als leicht. Zu groß sind die Unterschiede schon bei der Schulbildung ihrer aus allen Teilen der einstigen Sowjetunion zusammengewürfelten Studenten.
Russlanddeutsche Oma zeigt den Weg zum Glauben
Die wenigsten kommen aus einem bewusst evangelischen Elternhaus und beschäftigen sich erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit mit dem Christentum. „Mein Vater ist Atheist, meine Mutter Orthodox“, sagt Dmitri Drygin aus der kirgisischen Hauptstadt Bischkek. Die ersten Kontakte zur evangelischen Kirche knüpfte in vielen Fällen die russlanddeutsche Großmutter.
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Nicht alle Absolventen von Nowosaratowka finden im Anschluss eine Arbeit bei der ELKRAS, und ihr Bachelor-Diplom wird auch vom Staat nicht anerkannt. Daher können die Studenten nicht sicher sein, sich nach dem Abschluss ihren Lebensunterhalt finanzieren zu können. Ihre Familien sind daher nicht immer glücklich über die Berufswahl.
Kurioserweise wird die Ausbildung am Theologischen Seminar ausgerechnet in den eigenen Reihen angefochten. In vielen ELKRAS-Teilkirchen sei die Ansicht weit verbreitet, dass in Nowosaratowka „liberale Theologie gelehrt wird, die nicht nach Russland passt“ sagt Godeke von Bremen. Manche ELKRAS-Bischöfe wünschten sich vor allem fromme und erst in zweiter Linie gut gebildete Pastoren. In einigen ELKRAS-Teilkirchen wird zudem die Frauenordination bis heute grundsätzlich abgelehnt.
Der Rektor des Seminars kämpft gegen die innerkirchlichen Vorurteile gegen seine vermeintlich zu westlich-liberale Einrichtung. „Lutherischer als ich kann man gar nicht sein“, versichert er. Gleichzeitig wolle er aber auch einige Grundüberzeugungen vermitteln, die unter Russlands Lutheranern noch nicht allgemein akzeptiert seien. „Man darf Christen nicht in richtige und falsche einteilen“, sagt von Bremen. Außerdem sei es eine Sache, die Bibel als Gottes Wort zu akzeptieren, aber eine andere, „auch noch das letzte Komma in der russischen Übersetzung“ als unfehlbar zu betrachten. Dieses Gepäck würde er seinen Studenten gerne mit auf den Weg geben.
(epd)
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