Von Gisbert Mrozek, Moskau.Die schwarz maskierte Frau mit Maschinenpistole stand plötzlich
breitbeinig auf der Bühne, als sei das ein Sondereinfall der
Musical-Regie. Landete doch sonst dort im Bühnenlicht jeden Abend
unter dem Beifall des Publikums ein echter Bomber. Das war die
Hauptattraktion im patriotisch-neurussischen Musical Nord-Ost. Bis die
Scheinwelt umkippte. Als die Frau die mehr als 800 Anwesenden zu
Geiseln erklärte, zwei- drei Dutzend Maskierte im Saal auftauchten und
Schüsse in die Decke feuerten, da war dem letzten klar, dass dies der
Anfang eines ganz anderen blutigen Dramas war, das zu einem Wendepunkt
für die Putin-Administration werden kann.
Nicht wegen der einen jungen Russin, die am Abend danach tot aus
Gebäude getragen wurde. Sie hatte mit der Hand mit den zertrümmerten
Fingern noch den Schuss abwehren wollen, der sie in die Brust traf,
wohl weil die Tschetschenen sie für eine Informantin des
Inlandsgeheimdienstes FSB gehalten hatten. Russland hat doch schon
Schlimmeres gesehen, sagt der junge Mann in der Menge der
Schaulustigen draussen: den Untergang der Kursk, die verheerenden
Überschwemmungen in diesem Jahr. Aber das waren Naturkatastrophen. Die
blutigen Massengeiselnahmen in den Krankenhäuser von Budjonnowsk 1995
und Kislar 1996 mit 800 und 2000 Geiseln. Aber das war noch weit weg.
Die Bombenexplosionen 1999 in Moskauer Wohnhäusern, die über 300
Todesopfer forderten und vom Kreml den Tschetschenen angelastet
wurden. Aber das war noch zu Jelzins Amtszeit. Das half dem
aufstrebenden Putin damals eher noch. Und hier wird er jetzt auf die
Probe gestellt.
Nein, das Problem ist nicht, dass da jetzt mitten in Moskau geschossen
wird. Dass die Tschetschenen aus der Musical-Halle mit Panzerfäusten
hinter zwei Frauen hinterherschiessen, die flüchten konnten. Dass sie
in der Nacht alle halbe Stunde rauskamen aus dem Saal mit ihren 500
oder 700 Geiseln und eine MP-Salve in den nieseligen grauen
Grosstadthimmel jagten. Das ist nicht weit zu hören. Das macht mir
keine Angst, denn ich bin Offizier a.D., sagt Wladimir Iwanowitsch aus
dem Plattenbau gegenüber der ehemaligen Kugellagerfabrik, in der jetzt
die Musical-Halle untergebracht ist. Wir haben uns an vieles gewöhnt
in den letzten Jahren.
In den Feldküchen, die rund um in den Hinterhöfen stehen, brodelt die
Kascha für die Innenministeriumstruppen, die sich offensichtlich auf
eine langandauernde Belagerung einrichten. Wladimir Putin gab bei der
Krisenstabssitzung im Kreml die Parole aus, das oberste Gut sei das
Leben der Geiseln. Und das bedeutet - kein Sturmangriff, sondern
Nervenkrieg. Im Lagezentrum brüten die besten FSB- und
Polizeipsychologen neue Verhandlunsgangebote aus. Des Kremls eleganter
PR-Manager Sergei Jastrschembski lenkt die Medien. Die
Sicherheitsdienstler und Sondertruppler haben soviele Antennen
aufgebaut, dass die Handys der Männer mit den wichtigen Gesichtern oft
keinen freien Kanal mehr finden. Vor den Fernseh-Kameras drängeln sich
die Duma-Abgeordneten um die besten Plätze. Rentnerinnen schenken Tee
an Journalisten und OMON-Männer aus. Sonderausgaben der Zeitungen
werden rumgereicht. Skins sammeln sich in der Nähe und beschliessen
bei Gelegenheit ein paar Kaukasier zu verprügeln, um die Nation zu
retten. Fast schon Anzeichen einer Offenen Gesellschaft im Stadium der
Krisenbewältigung.
Vielleicht findet sie eine Antwort auf die banale Frage der Putzfrau
Ludmilla: Wieso konnten eigentlich die Tschetschenen überhaupt mit
soviel Waffen und Sprengstoff mitten in Moskau auftauchen ? Warum hat
es keinen Verdacht erregt, dass auf der Restaurantbaustelle im
gleichen Gebäude wie das Musical-Theater Tschetschenen arbeiteten, die
zusammen mit den Zementsäcken und Werkzeugkisten alles mögliche ins
Haus bringen konnten. Tschetschenen als Bauarbeiter, sagt Ludmilla,
das hätte doch auffallen müssen.
Natürlich ist sie auch in Russland notorisch, die Beschränktheit der
staatlichen Sicherheit. Aber die Hauptfrage ist doch, wo kamen die
Tschetschenen her. Und was kann man tun, dass sie nicht mehr kommen.
Jedenfalls nicht mehr so. Putin steht vor der Wahl - De Gaulle oder
Stalin, philosophiert die Isvestia. Algerien abgeben, um die Nation zu
retten. Oder die Tschetschenen deportieren. Oder gibt es einen dritten
Weg ?
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