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Donnerstag, 24.10.2002

Putin vor der Wahl De Gaulle oder Stalin?

Von Gisbert Mrozek, Moskau.Die schwarz maskierte Frau mit Maschinenpistole stand plötzlich breitbeinig auf der Bühne, als sei das ein Sondereinfall der Musical-Regie. Landete doch sonst dort im Bühnenlicht jeden Abend unter dem Beifall des Publikums ein echter Bomber. Das war die Hauptattraktion im patriotisch-neurussischen Musical Nord-Ost. Bis die Scheinwelt umkippte. Als die Frau die mehr als 800 Anwesenden zu Geiseln erklärte, zwei- drei Dutzend Maskierte im Saal auftauchten und Schüsse in die Decke feuerten, da war dem letzten klar, dass dies der Anfang eines ganz anderen blutigen Dramas war, das zu einem Wendepunkt für die Putin-Administration werden kann.

Nicht wegen der einen jungen Russin, die am Abend danach tot aus Gebäude getragen wurde. Sie hatte mit der Hand mit den zertrümmerten Fingern noch den Schuss abwehren wollen, der sie in die Brust traf, wohl weil die Tschetschenen sie für eine Informantin des Inlandsgeheimdienstes FSB gehalten hatten. Russland hat doch schon Schlimmeres gesehen, sagt der junge Mann in der Menge der Schaulustigen draussen: den Untergang der Kursk, die verheerenden Überschwemmungen in diesem Jahr. Aber das waren Naturkatastrophen. Die blutigen Massengeiselnahmen in den Krankenhäuser von Budjonnowsk 1995 und Kislar 1996 mit 800 und 2000 Geiseln. Aber das war noch weit weg. Die Bombenexplosionen 1999 in Moskauer Wohnhäusern, die über 300 Todesopfer forderten und vom Kreml den Tschetschenen angelastet wurden. Aber das war noch zu Jelzins Amtszeit. Das half dem aufstrebenden Putin damals eher noch. Und hier wird er jetzt auf die Probe gestellt.

Nein, das Problem ist nicht, dass da jetzt mitten in Moskau geschossen wird. Dass die Tschetschenen aus der Musical-Halle mit Panzerfäusten hinter zwei Frauen hinterherschiessen, die flüchten konnten. Dass sie in der Nacht alle halbe Stunde rauskamen aus dem Saal mit ihren 500 oder 700 Geiseln und eine MP-Salve in den nieseligen grauen Grosstadthimmel jagten. Das ist nicht weit zu hören. Das macht mir keine Angst, denn ich bin Offizier a.D., sagt Wladimir Iwanowitsch aus dem Plattenbau gegenüber der ehemaligen Kugellagerfabrik, in der jetzt die Musical-Halle untergebracht ist. Wir haben uns an vieles gewöhnt in den letzten Jahren.

In den Feldküchen, die rund um in den Hinterhöfen stehen, brodelt die Kascha für die Innenministeriumstruppen, die sich offensichtlich auf eine langandauernde Belagerung einrichten. Wladimir Putin gab bei der Krisenstabssitzung im Kreml die Parole aus, das oberste Gut sei das Leben der Geiseln. Und das bedeutet - kein Sturmangriff, sondern Nervenkrieg. Im Lagezentrum brüten die besten FSB- und Polizeipsychologen neue Verhandlunsgangebote aus. Des Kremls eleganter PR-Manager Sergei Jastrschembski lenkt die Medien. Die Sicherheitsdienstler und Sondertruppler haben soviele Antennen aufgebaut, dass die Handys der Männer mit den wichtigen Gesichtern oft keinen freien Kanal mehr finden. Vor den Fernseh-Kameras drängeln sich die Duma-Abgeordneten um die besten Plätze. Rentnerinnen schenken Tee an Journalisten und OMON-Männer aus. Sonderausgaben der Zeitungen werden rumgereicht. Skins sammeln sich in der Nähe und beschliessen bei Gelegenheit ein paar Kaukasier zu verprügeln, um die Nation zu retten. Fast schon Anzeichen einer Offenen Gesellschaft im Stadium der Krisenbewältigung.

Vielleicht findet sie eine Antwort auf die banale Frage der Putzfrau Ludmilla: Wieso konnten eigentlich die Tschetschenen überhaupt mit soviel Waffen und Sprengstoff mitten in Moskau auftauchen ? Warum hat es keinen Verdacht erregt, dass auf der Restaurantbaustelle im gleichen Gebäude wie das Musical-Theater Tschetschenen arbeiteten, die zusammen mit den Zementsäcken und Werkzeugkisten alles mögliche ins Haus bringen konnten. Tschetschenen als Bauarbeiter, sagt Ludmilla, das hätte doch auffallen müssen.

Natürlich ist sie auch in Russland notorisch, die Beschränktheit der staatlichen Sicherheit. Aber die Hauptfrage ist doch, wo kamen die Tschetschenen her. Und was kann man tun, dass sie nicht mehr kommen. Jedenfalls nicht mehr so. Putin steht vor der Wahl - De Gaulle oder Stalin, philosophiert die Isvestia. Algerien abgeben, um die Nation zu retten. Oder die Tschetschenen deportieren. Oder gibt es einen dritten Weg ?

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