Mittwoch, 06.09.2006

Rollende Klinik: High-Tech-Medizin am Polarkreis

Der Sonderzug Chirurg Nikolai Pirogow startet in Workuta zu einer neuen Fahrt (Foto: Packeiser/.rufo)
Karsten Packeiser, Workuta. Wer in den verstreuten Siedlungen am unwirtlichsten Ende Europas krank wird, braucht für die Fahrt zum Arzt manchmal mehrere Tage. Die Eisenbahn bringt jetzt High-Tech-Medizin in die Tundra.
Nach Workuta führen keine Straßen. Eisige Winde vom Nordpol machen den beißenden Winterfrost zu einer noch größeren Qual. Im kurzen, kühlen Sommer stürzen sich hungrige kleine Mücken auf jeden Menschen. Die Bergarbeiterstadt hinter dem Polarkreis ist der Ausgangspunkt für eine dreiwöchige Fahrt der rollenden Poliklinik durch Nordrussland.

Videoschaltung ins Moskauer Herz-Zentrum


Auch eine Zahnärztin ist mit an Bord (Foto: Packeiser/.rufo)
Professor Wladimir Podsolkow, eine Koryphäe der russischen Herzchirurgie, ist auf Empfang gegangen. Per Videokonferenz hat er sich aus dem Moskauer Bakulew-Zentrum nach Workuta dazugeschaltet. Dort sitzen eine Mutter, ihr Kind und eine örtliche Kinderärztin im Sonderzug der Russischen Eisenbahn vor einer Kamera. „Da ist eine Operation notwendig“, befindet der Professor nach einem kurzen Blick auf die per Satellit übermittelten Röntgenbilder des Mädchens.

„Die Kosten für eine Videoschaltung sind bis zu hundert Mal niedriger als die Ausgaben für eine Reise zu einem erstklassigen Spezialisten nach Moskau“, rechnet Valeri Stoljar, der Leiter des Telemedizin-Projekts vor. Selbst von Fachärzten der Uniklinik Regensburg konnten sich Patienten in der tiefsten russischen Provinz bereits beraten lassen. Alle Eisenbahnmitarbeiter, Ehemalige und Angehörige einschlossen, werden grundsätzlich kostenlos behandelt, andere Patienten müssen eine moderate Gebühr zahlen.

Schlafwagen aus DDR-Produktion


Drei Wochen lang rollt der Sonderzug durch die dünn besiedelte Komi-Republik (Foto: Packeiser/.rufo)
Den acht bunt bemalten Eisenbahnwaggons auf einem Abstellgleis des Bahnhofs von Workuta ist ihr Alter auf den ersten Blick nicht anzusehen. Die Breitspur-Schlafwagen wurden noch aus der DDR geliefert, bevor sie vor zwei Jahren zu einer rollenden Poliklinik umgerüstet wurden. Das „Mobile Konsultations- und Diagnose-Zentrum ,Chirurg Nikolai Pirogow’“ – so der offizielle Name des Sonderzugs – ist innen mit modernster Technik ausgerüstet.

In den Abteilen sind neben dem Telemedizin-Studio eine Zahnarztpraix, Ultraschall- und Röntgengeräte sowie ein komplettes Labor installiert. „Das sind alles robuste Sonderanfertigungen“, erzählt Zugchef Jewgeni Pjatakow, „damit die Geräte bei der Fahrt nicht gleich kaputtgehen.“ Erst bei einer Temperatur von unter 50 Grad Frost muss der Zug seine Arbeit einstellen.

Nicht nur entlang der Transsib, sondern auch im dünn besiedelten europäischen Norden Russlands ist die Eisenbahn der Lebensstrang für viele dünn besiedelte Regionen, die nicht an das allgemeine Straßennetz angeschlossen sind. Ganze Siedlungen entlang der Schienentrassen dienen allein dem einen Zweck, den Eisenbahnverkehr aufrechtzuerhalten. So auch an der Petschora-Bahnlinie, über die Lokomotiven einst Waggons mit tausenden von Häftlingen in die Straflager von Workuta zogen und auf dem Rückweg die Kohle aus den Stollen der Gegend mitnahmen. Nicht nur Bahnstationen, sondern auch Häuser, Kindergärten, Schulen und Arztstationen standen noch bis vor einigen Jahren auf der Bilanz des Eisenbahnministeriums.

Gemeinschaftsgefühl wie im U-Boot


Mit der Umwandlung der Bahn in die Aktiengesellschaft RZD wurden die Kommunen für die medizinische Versorgung der Eisenbahner verantwortlich, ohne aber die dafür nötigen Mittel zu haben. „Manche Leute, die in unserem Zug untersucht wurden, hatten vorher fünf Jahre lang keinen Arzt gesehen“, berichtet die Krankenschwester Ljudmila Korowkina.

Bereits seit Anfang der 1990-er Jahre experimentiert die Eisenbahn in Sibirien, der Pazifikregion, dem Gebiet Archangelsk und der Autonomen Republik der Komi mit rollenden Polikliniken. Derzeit gibt es drei derartige Züge, deren bis zu dreiwöchige Fahrten über Monate im Voraus geplant werden. Während dieser Zeit leben im „Chirurg Nikolai Pirogow“ 23 Menschen auf engstem Raum nebeneinander. „Wir halten aber zusammen wie auf einem U-Boot“, so Krankenschwester Korowkina.

Aber nicht nur in gottverlassenen Weilern gibt es Bedarf für die Hilfe des 23-köpfigen Zugteams aus Fachärzten, Krankenschwestern und Laborantinnen. Selbst in Workuta, wo trotz massenhaften Fortzugs vieler Einwohner in den Süden bis heute etwa 100.000 Menschen leben, gibt es in den städtischen Kliniken keine so gute Ausrüstung wie im Sonderzug der Russischen Bahn. Inzwischen wächst auch im Ausland das Interesse an dem Projekt. Verhandlungen über die Einrichtung eines analogen Zugs für Südafrika sind angelaufen.

Bei Notfällen wird der „Chirurg Nikolai Pirogow“ aber auch in Zukunft niemandem helfen können. Dann steht in jedem Einzelfall die Frage, wie ein Kranker so schnell wie möglich in die nächste Klinik geschafft werden kann. „Einmal hatte mitten im Winter ein Mann in einem entlegenen Dorf einen Herzinfarkt“, erinnert sich ein Notarzt, „aber die Straße dorthin war verschneit und mit dem Auto unpassierbar.“ Der Mann überlebte dennoch: „Wir sind im Schneesturm zu Fuß zwei Kilometer zu seinem Haus gestapft und haben ihn auf einem Schlitten bis zum Krankenwagen gezogen.“

(epd)