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| Der Halbmond gilt als Symbol des Islam. Auf jeder Moschee in Russland ist er zu finden (Foto: Ballin/.rufo) | |
Donnerstag, 23.09.2010
Russische Moslems zwischen Tradition und Integration
André Ballin, Moskau. Nach den orthodoxen Christen stellen Moslems die zweitgrößte Bevölkerungsgruppe in Russland. Sie leben bereits seit Jahrhunderten im Land. Das Zusammenleben ist dabei nicht immer einfach.
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Der Marktplatz in Wladikawkas ähnelt einem Schlachtfeld. Ausgebrannte Autos, zersplitterte Fensterscheiben und jede Menge Blut. Es ist das Blut von Osseten, dem einzigen kaukasischen Volk Russlands, das mehrheitlich das Christentum angenommen hat. 19 Todesopfer hat der Anschlag gefordert, über 100 Menschen wurden verletzt.
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Terroristen verkörpern nicht den Islam Die Spur führt zu den üblichen Verdächtigen: Terroristen, die im Namen des Islam und der Freiheit Tschetscheniens Angst und Schrecken säen. Doch verkörpern die Täter wirklich den Islam?
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„Nein“, sagt Rawil Gainutdin, der Vorsitzende des Muftirats in Russland. „Wir alle, die muslimischen Geistlichen und die einfachen Gläubigen, wollen, dass Russland einig und ganz, stark und geachtet in der Welt sei.“ Der Mufti-Rat werde den Kampf gegen den Terrorismus mit aller Konsequenz führen, verspricht der tatarischstämmige Großmufti. Denn die Terroristen „sind Feinde unserer Religion und der ganzen Gesellschaft“, sagt er.
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20 Millionen Russen bekennen sich zum Islam Rund 20 Millionen Moslems gibt es in Russland. Sie leben überwiegend im Kaukasus, an der Wolga und im Ural. Kasan, die Hauptstadt Tatarstans, gilt mit ihrer berühmten Kul-Scharif-Moschee als die heimliche Hauptstadt des Islam in Russland und gleichzeitig als Musterbeispiel für das spannungsfreie Miteinander von orthodoxen Christen und Moslems in Russland.
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Auch in den russischen Metropolen Moskau und St. Petersburg ist infolge der Zuwanderung insbesondere aus den zentralasiatischen GUS-Republiken der Anteil der islamischen Bevölkerung gestiegen. Dort ist das Zusammenleben nicht immer problemlos.
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Fehlende Toleranz auf beiden Seiten So hatten die meisten Petersburger wenig Verständnis dafür, dass mehrere hundert Moslems kürzlich das Ende des Ramadans auf einem Hof in der Innenstadt mit einem über Lautsprecher dröhnenden Morgengebet feierten – um sechs Uhr in der Frühe.
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| Moschee in der russischen Teilrepublik Karatschai-Tscherkessien (Foto: Ballin/.rufo) | |
Toleranz fehlt vielerorts auch auf der anderen Seite. Ali Tschotschajew kann ein Lied davon singen: Der 33Jährige hat schwarze Haare, einen dunklen Teint und eine lange Nase, die seine Herkunft schon rein äußerlich verraten. Er stammt aus der Kaukasus-Republik Karatschai-Tscherkessien.
Wenig Geld, viele Vorbehalte Vor acht Jahren kam Ali nach Moskau. Eigentlich sollte er eine Doktorarbeit in Geographie schreiben. Aber das Geld reichte hinten und vorne nicht. So war Ali selten in der Uni und immer öfter auf dem Bau oder bei einem anderen Gelegenheitsjob.
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Es habe viele Vorbehalte gegen ihn, einen kaukasischen Moslem, gegeben, erinnert er sich. Die Bezahlung war schlecht, eine Anstellung fand er oft nur bei seinesgleichen. Auch die Miliz machte ihm immer wieder Scherereien. Die restriktive Registrierungspolitik in der russischen Hauptstadt macht Kaukasier zu leichten Erpressungsopfern der Beamten.
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Islamischer Glaube als Stütze Doch Ali hat nicht aufgegeben. Als er in der Krise seinen Job in Moskau verloren hat, ging er zu einer Baufirma im Kurort Gelendschik an der kaukasischen Schwarzmeerküste. Der Glaube habe ihm stets die Kraft dazu gegeben, weiter zu machen, ist er überzeugt.
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Dabei hat er erst als Erwachsener zum Islam gefunden. Bevor er den Glauben angenommen habe, habe er auch schon mal Wodka getrunken, geflucht und, er gesteht es nicht gern, auch Frauengeschichten gehabt. Inzwischen ist er verheiratet. Wodka und andere Frauen sind tabu. Der Islam schreibt es vor, sein Gefühl für moralisches Handeln aber auch.
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Ein ganz gewöhnlicher Moslem Als etwas Besonderes empfindet er sich nicht. Er sei ein ganz gewöhnlicher Moslem, meint er. Die meisten von ihnen seien friedlich und wünschen sich nichts sehnlicher als ein friedliches Miteinander in einem starken Russland. Sein größter Wunsch ist freilich viel kleiner. Er hofft auf einen Sohn, nachdem er schon zwei Töchter hat. Das sei eben Tradition im Kaukasus, erklärt er.
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So wie Ali denken und leben die meisten Moslems in Russland. Ihre Geistlichkeit steht in der Tradition des sowjetisch geprägten Islams, ist pragmatisch und auf Integration gerichtet. Anders als der islamische Fundamentalismus, der sich seit Mitte der 90er Jahre vom Süden her im Kaukasus und entlang der Wolga allmählich verbreitet hat. Seine stringent-einfache Radikalität gefällt manchen, aber nicht solchen Menschen, die wie Ali um einen Platz im Leben kämpfen.
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