Samstag, 14.09.2013

Soja Kosmodemjanskaja – Stalins Jungfrau von Orleans

Soja Kosmodemjanskaja vor der Hinrichtung: Das Bild wurde von Wehrmachtssoldaten gemacht.
André Ballin, Moskau. Im Winter 1941 hängen die Deutschen eine junge Partisanin, Soja Kosmodemjanskaja. Angst zeigt sie nicht. Nach ihrem Tod wird sie zur Ikone des Widerstands. Am 13. September wäre sie 90 Jahre alt geworden.
Es ist ein kalter Novembermorgen, als zwei junge Wehrmachtssoldaten im Dörfchen Petrischtschewo auf die Straße treten. Sie eskortieren eine noch jüngere, dürftig bekleidete Frau, Soja Kosmodemjanskaja, durch den Schnee. Über der Brust trägt sie ein Schild. „Brandstifterin“ ist darauf in deutscher und russischer Sprache zu lesen.

Geschlagen, misshandelt und gedemütigt soll die 18-Jährige am Galgen sterben. Doch das Mädchen verblüfft Besatzer und Dorfbewohner mit ihrem Mut. Sie wird zum Symbol des Widerstands – und zur ersten Heldin der Sowjetunion.

Wirren und Repressionen


Kosmodemjanskaja wurde 1923 im Gebiet Tambow geboren. Bürgerkrieg und die Repressionen der Stalinzeit verschonten die Familie nicht. Ihr Großvater, ein Geistlicher, wurde bereits 1918 von den Bolschewiki brutal ermordet und im Dorfteich ertränkt. 1929 musste die Familie vor Denunziationen nach Sibirien fliehen und konnte erst ein paar Jahre später nach Moskau zurückkehren, wo Kosmodemjanskajas Vater 1933 starb.

Dennoch wuchs die junge Soja wie ihre Altersgenossen im Geiste des Kommunismus heran. Mit 15 trat sie dem Komsomol bei und im Oktober 1941, kurz nach dem Angriff der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion, meldete sie sich als Freiwillige zum Dienst in einer Partisaneneinheit.

Taktik der verbrannten Erde


Als Kosmodemjanskaja zum Einsatz kam, stand die Wehrmacht kurz vor Moskau. Die Partisanen sollten laut Stalin „alle Orte im Hinterland der deutschen Truppen, 40 bis 60 Kilometer hinter der Front und 20 bis 30 Kilometer vom Weg entfernt zerstören und bis auf die Mauern niederbrennen“.

Kosmodemjanskaja wurde bereits bei ihrem ersten Einsatz gefasst. 20 Pferde kamen bei der Aktion der Partisanengruppe ums Leben. Ein Haus hatte sie angezündet, dann wurde sie erwischt. Das Verhör war brutal, etwa 200 Peitschenschläge bekam die glücklose Partisanin, die sich nur Tanja nannte und keine weiteren Auskünfte gab. Auch als sie halbnackt und barfuß stundenlang im Frost ausharren musste, blieb sie stumm.

Heldenmut am Galgen


Für Kosmodemjanskajas weitere Rezeption war aber vor allem ihre Rede am Galgen ausschlaggebend. Sie zeigte sich furchtlos und rückte nicht von ihren Überzeugungen ab.

Den Dorfbewohnern sprach sie Mut zu und drohte den Soldaten: „Alle könnt Ihr nicht hängen, wir sind 170 Millionen“, ihr Tod werde gerächt und die Sowjetunion werde sich nicht unterwerfen lassen, sagte sie, ehe der Schemel unter ihren Füßen weggestoßen wurde. Um ein Exempel zu statuieren, ließen die Faschisten sie einen Monat lang am Galgen hängen. Mehrfach vergingen sich Soldaten an der Leiche.

Postumer Ruhm


Ihr Mut aber hatte die Bauern von Petrischtschewo beeindruckt – und nicht nur sie. Ihre Geschichte, unter der Überschrift „Tanja“ Anfang 1942 in der Prawda veröffentlicht, löste im ganzen Land Bewunderung und zugleich eine Welle der Empörung gegenüber den Besatzern aus. Stalin erkannte schnell das propagandistische Potenzial ihres Märtyrertods. Er ließ Kosmodemjanskaja postum zur ersten Heldin der Sowjetunion erklären. Der Schlachtruf „Rache für Soja“ trug viel zur Motivation der sowjetischen Soldaten bei.

Der Sieg gegen Nazi-Deutschland ist bis heute ein wichtiger Strich im Selbstbild der Russen. In der militaristisch geprägten Sowjetunion kam dem Krieg eine entscheidende Rolle zu, Kriegshelden wurden dementsprechend verehrt.

Auch nach Kosmodemjanskaja wurden Straßen, Schulen und sogar ein Asteroid benannt, Filme über sie gedreht und Bücher geschrieben. Als militärische Heldin hat Kosmodemjanskaja dabei eigentlich nie getaugt – als Symbol für den unbedingten Freiheitswillen des Volkes ist sie aber auch heute noch aktuell.

(ab/epd/.rufo)