Sonntag, 25.05.2014

Ukraine: Die Wahl als Hoffnung auf ein Ende des Chaos

Brandspuren am Haus der Gewerkschaft, das am 2. Mai zur tödlichen Falle für Anti-Maidan-Anhänger wurde (Foto: Ballin/.rufo)
André Ballin, Odessa. In Donezk und Lugansk haben prorussische Kräfte die ukrainischen Präsidentenwahlen weitgehend verhindert. In den übrigen Landesteilen verlief die Abstimmung hingegen ruhig, auch in Odessa.
Racheakt? Ein verbrannter VW vor dem Wahllokal.
Vor dem Wahllokal 511304, einer Schule in Odessa 200 Meter vom Gewerkschaftshaus entfernt, steht ein ausgebrannter VW, unweit davon zwei weitere Autowracks. „Das sind meine Autos“, sagt Alexander, ein lokaler Unternehmer. Unbekannte haben die Fahrzeuge zehn Tage nach dem Blutbad am 2. Mai verbrannt, „vermutlich wegen der Lwiwer Nummernschulder darauf“, meint Alexander. Er brauchte die Autos für seinen Kleinhandel mit Textililien. „Jetzt weiß ich nicht, wovon ich leben soll“, sagt er. Entschädigung will ihm niemand zahlen.

Die Nummernschilder könnten den Ausschlag gegeben haben. Die Täter vermuteten wohl, der Besitzer stamme aus Lwiw.

Spannungen zwischen Ost und West


Alexanders Unglück illustriert die weiterhin großen Spannungen in Odessa. Unter den Umständen Geschäfte zu führen, ist schwer. „Ich will, dass so schnell wie möglich wieder Ruhe und Frieden in der Ukraine und in Odessa einziehen“, sagt Alexander und wirft seinen Stimmzettel ein.

Auch Unbeteiligte leiden unter dem Konflikt, auch wenn es in dem Fall nur Sachschaden ist.
Zumindest im Wahllokal bleibt es am Sonntag ruhig. „Bislang gibt es Gott sei Dank keine Skandale oder Provokationen“, sagt Viktor, Wahlbeobachter für einen Bürgermeisterkandidaten, denn in Odessa wird zeitgleich mit dem Präsidenten auch das Stadtoberhaupt neu gewählt. Vor den Tischen, wo die Bürger registriert werden, haben sich kleine Schlangen gebildet. „Bisher sind es etwa 100 Wähler pro Stunde“, sagt Viktor. Das entspräche einer Wahlbeteiligung von etwa 50 Prozent. Ein Mitglied der Wahlkommission spricht von einer regen Teilnahme.

Provokationen im Vorfeld


Eine gewisse Nervosität ist trotz der Sicherheitsmaßnahmen zu spüren. Vor dem Urnengang, der einige hundert Kilometer östlich in Donezk völlig boykottiert wird, hatte es auch in Odessa mehrere Provokationen gegeben. So tauchte ein angeblich von Ultras produziertes Video im Netz auf, wonach die Fußballfans mit Randalen drohten, sollte Julia Timoschenko die Wahlen gewinnen.

Wassili Bugaitschuk, Vorsitzender von Timoschenkos Parteijugend in Odessa hat daraufhin vor dem Stadion des Ortsvereins „Tschernomorez“ selbst ein paar vermummte Fans zusammengetrommelt, die eine Erklärung verlesen, wonach die Fanszene unpolitisch sei und nicht in den Wahlkampf gezogen werden wolle. Mittendrin in politischen Auseinandersetzungen waren sie bei den Unruhen am 2. Mai. Auch Bugaitschuk steht auf der Fahndungsliste der Anti-Maidan-Anhänger, die ihn der Organisation der Krawalle beschuldigen. „Ich war bei der Demo dabei“, räumt er ein, aber der Konflikt sei von der anderen Seite provoziert worden, sagt er.

Juden in Odessa haben keine Angst


„Für uns ist das, was passiert ist, eine große Tragödie“, sagt Eduard, ein 40-jähriger Programmierer. Er habe am nächsten Tag Blut gespendet für die Verletzten, dabei sei ihm egal gewesen, welcher Seite sie angehörten, betont er. Eduard gehört zur einst großen jüdischen Gemeinde der Stadt. Angst vor einem erstarkenden Nationalismus und Antisemitismus in der Ukraine hat er nicht. „Die Juden in Odessa haben die gleichen Probleme wie alle anderen auch.“

Das größte davon sei die politische und wirtschaftliche Instabilität und der drohende Zerfall des Landes. Eine Waffe für die Einheit der Ukraine in die Hand nehmen könne er nicht, „aber ich kann ein Kreuz machen bei den Wahlen, das ist mein Beitrag“.

Drohen nach Stichwahl neue Unruhen?


Er wolle Poroschenko wählen, sagt er. Der Milliardär sei nicht sein Lieblingskandidat,aber der annehmbarste unter den Anwärtern auf einen Sieg. „Zudem will ich Stichwahlen vermeiden, noch drei Wochen Unruhen können wir uns nicht leisten“, dann könne die Ukraine tatsächlich auseinanderbrechen, sagt er. Mit der These hatte auch Umfragefavorit Poroschenko im Wahlkampf gepunktet.

Neben dem Ergebnis wird auch Russlands Reaktion auf die Wahl mit Spannung erwartet, soll er doch Aufschluss über den Fortgang des Konflikts in der Ostukraine geben. Offiziell hat Moskau keine Wahlbeobachter entsandt. Der Duma-Abgeordnete Ilja Ponomarjow ist dennoch nach Odessa zur Lagebeurteilung gereist. „Einem abgeschlagenen Kopf tut es um die Haare nicht mehr leid“, kommentierte der Oppositionelle seinen Konfrontationskurs gegen die Kremllinie. Ponomarjow hatte als Einziger in der Duma gegen die Übernahme der Krim gestimmt.