Von David Nauer, Jalta/Zürich. In miefigen Moskauer Hinterhöfen, während dunkler sibirischer Winternächte, in Leningrads grauen Vorstädten – für den Sowjetbürger gab es immer einen Traum: Ferien auf der Krim. Die ukrainische Halbinsel im Schwarzen Meer ist heute noch ein Urlaubs-Mythos. Aber inzwischen einer, den man auch gut genießen kann, wenn man aus dem Westen kommt.
Langsam schleppt sich der klapprige Trolleybus die Passstraße hoch. Es ist heiß, alle paar hundert Meter steigen Grossmütter zu mit Körben voller Kirschen und Erdbeeren. Chruschtschow noch hat diese Trolleybuslinie erstellen lassen. „Es ist die längste der Welt“, sagt der alte Mann auf dem Nebensitz.
„Damals kamen sie aus der ganzen Union nach Jalta.“ Jalta – er spricht das Wort langsam aus, fast ehrfürchtig. Die Kleinstadt am Südufer der Halbinsel Krim ist nicht einfach ein Ort, sie ist in der Vorstellung vieler der Garten Eden. Eine Stunde nachdem der O-Bus den Bahnhofsplatz von Simferopol verlassen hat, ist die Passhöhe erreicht. Der Blick ist atemberaubend: Stahlblau glänzt das Meer, hellgrün schimmern die Weinberge, an denen der berühmte Krimsekt wächst – und dort unten hinter den Hügeln muss Jalta sein.
Dank des Kapitalismus gut essen
Das ist es also, das „St. Tropez des Schwarzen Meeres“. Als erstes steht ein abendlicher Korso a la russe auf dem Programm: Die Herren werfen sich in bequeme Trainingsanzüge, die Damen balancieren hoch auf Stöckelschuhen und los geht's an die Lenin-Uferpromenade. Dezent bröselt russische Popmusik aus Lautsprechern, die Sonne versinkt im Meer und auf der schmucken autofreien Promenade herrscht ist ein reges Auf und Ab.
Verliebte Paare Arm in Arm, eine Gruppe junger Haudegen mit dem Bier in der Hand, Kinder spielen am Strand und die Kellner stehen Spalier mit Speisekarten und einem freundlichen Lächeln. Kulinarische Weltmacht war die UdSSR nie, doch im Süden der Union wurde immer schon gut gekocht. Und seit der Kapitalismus (vor allem russisches) Geld an die ukrainischen Gestade spült, macht Essen hier richtig Spaß. Die Preise allerdings sind, mindestens im Zentrum von Jalta, gesalzen.
Wo der Zar Ferien machte
Zwar gehört die Krim seit fünfzig Jahren zur Ukraine. Die Geschichte der Halbinsel ist aber eng mit derjenigen Russlands verbunden. Katharina die Große entriss im 18. Jahrhundert dem türkischen Sultan das Gebiet und vertrieb dessen Statthalter, den tatarischen Khan. Die zum größten Teil muslimische Bevölkerung, entfernte Verwandte des legendären Dschingis Khan, blieb aber und bestellte auch unter russischer Krone die fruchtbare Erde ihrer Heimat.
Der Zarenpalast Livadia (foto: dan/rufo)
Im Krimkrieg von 1853-1856 versuchten Engländer, Franzosen und Türken dem Zaren seine südliche Perle zu entreißen. Zwar siegten die alliierten Armeen, doch fiel die Krim dann wieder unter die Kontrolle von St. Petersburg. In den darauf folgenden Jahrzehnten wurde es unter den Aristokraten und Künstlern der kalten russischen Hauptstadt populär, einige Monate im Jahr an den Südrand des Reiches zu fahren. Der weltberühmte Schriftsteller Anton Tschechow etwa lebte auf der Krim, und auch die Zarenfamilie baute sich in Livadia, drei Kilometer von Jalta entfernt, einen Palast.
Das einschneidenste Ereignis in der jüngeren Geschichte der Halbinsel hat Stalin zu verantworten: Wegen angeblicher Kollaboration mit dem Feind ließ er 1944 alle Krimtartaren (über 200.000 Menschen) nach Zentralasien deportieren und siedelte in den verlassenen Dörfern und Städten Russen an. Obwohl die Tartaren seit Anfang der 90er Jahre langsam in ihre historische Heimat zurückkehren, bleiben sie eine Minderheit. Ein Großteil der Bevölkerung ist heute russischsprachig, rund 25 Prozent der Einwohner bezeichnen sich als Ukrainer.
Ferienparadies für Arbeiter
In sowjetischer Zeit entwickelte sich die Krim – getreu einem entsprechenden Erlass Lenins „Über die Nutzung der Krim für die Erholung der Werktätigen“ – zur wichtigsten Feriendestination der UdSSR. Ganze Heerscharen von Arbeitern kamen in den Sommermonaten jeden Tag am Bahnhof von Simferopol an und wurden – ab den 60er Jahren mit dem Trolleybus – in die Sanatorien der Südküste gekarrt.
Seit der sowjetische Staat nicht mehr existiert ist der Strom von sonnenhungrigen Proletariern versiegt. Dennoch ist die Krim unter mittelständischen Russen und Ukrainern ein beliebtes Ferienziel geblieben.
Auch deutsche Touristen – vor allem aus Ostdeutschland – finden wieder öfter den Weg ans Schwarze Meer. In der Hochsaison von Juli bis August sind die Strände gerammelt voll. Und auch wenn eine möglichst tiefe Sonnenbräune für viele der „einheimischen“ Touristen das wichtigste Ziel des Krimaufenthalts ist, gibt es Interessanteres zu tun als am Strand zu liegen – zumal es sich auf dem Kies eher hart liegt.
Übersät mit Zeugnissen der Geschichte
Symbol für die Krim und meist besuchte Sehenswürdigkeit ist das wenige Kilometer von Jalta entfernte „Schwalbennest“, eine kitschige kleine Burg, die ihre Bekanntheit wohl vor allem der spektakulären Lage verdankt. Heute beherbergt die ehemalige Privat-Residenz des zaristischen Gouverneurs ein Restaurant.
Der Khanpalast (foto: dan/rufo)
Viel interessanter ist der im hügeligen Hinterland gelegene Palast des tatarischen Khans. Der osmanische Vasall baute sich eine idyllische Anlage mit Moschee, Wohnhäusern, Harem und allem, was ein orientalischer Herrscher zum Leben so braucht. In unmittelbarer Nachbarschaft liegt ein orthodoxes Kloster, das Mönche in den Fels gehauen haben. Die Krim ist zudem übersät mit Zeugen von Kulturen, die schon untergingen, als es die Russen noch nicht einmal gab.
In alter Zeit haben sich an der fruchtbaren Küste Skythen, Griechen, Römer und Byzantiner niedergelassen und sogar die Genueser bauten eine Burg. Während viele dieser Überreste eher für Archäologen interessant sind, gibt's von der genuesischen Festung Sudak oder der byzantinischen Stadt in der Nähe von Bachtschissaraj auch für Laien viel zu sehen.
Anreise und Unterkunft
Individualreisen in die Ukraine sind möglich, wenn auch ohne Russisch- oder Ukrainischkenntnisse beschwerlich. Eine gute Vorbereitung empfiehlt sich auf jeden Fall. EU-Bürger und Schweizer brauchen ein Visum für die Ukraine. Die Anreise erfolgt am besten mit dem Flugzeug via Kiew und weiter nach Simferopol. Wer Zeit hat, kann auch mit dem Zug kommen: Es gibt tägliche Verbindungen von Moskau und Kiew nach Simferopol. In Jalta ist es (außer in der Hochsaison Juli und August) einfach, eine günstige Privatunterkunft oder ein Hotel zu finden. Wer in einem sozialistischen Riesenbunker wohnen möchte, dem sei das Hotel Jalta empfohlen (DZ 60 Euro).
Erschöpft vom Kulturprogramm kann man sich in der traditionsreichen Kellnerei Massandra bei einem Glas Krimsekt entspannen oder durch die endlos weiten Wälder und Parks spazieren. Ein absolutes Muss selbst für müde Touristen ist eine Fahrt nach Livadia, wo der Palast steht, in dem die berühmte Konferenz von Jalta stattgefunden hat. Im Jahr 1945 bestimmten dort Stalin, Churchill und Roosevelt die Nachkriegsordnung in Europa. Der historische Ort ist von einem wundervollen Park umgeben.
Auch Tourismus-Tradition hat ihre Spuren hinterlassen
Ostblock-Nostalgiker und notorische Service-Nörgler kommen heute auf der Krim nicht mehr richtig auf ihre Kosten: Wer schlechtes Essen, unfreundliche Bedienung und eine heruntergekommene Infrastruktur erwartet, sucht vergeblich. Die lange touristische Tradition hat ihre positiven Spuren hinterlassen. Gemessen am günstigen Preis ist die Qualität der Dienstleistungen meist sehr gut. Haupthindernis ist und bleibt die Sprache. Wer kein Russisch kann, schlägt sich in Restaurants und Discotheken zwar durch, schwieriger wird es aber bei der Suche einer Unterkunft.
Ausländischen Gästen ohne Sprachkenntnisse empfiehlt es sich deshalb, in vorgebuchten Hotels abzusteigen. Wer etwas abenteuerlustig ist, kann aber auch privat eine gute und günstige Unterkunft finden. Die zahlreichen Sanatorien sind zwar theoretisch „einheimischen“ Gästen, die direkt von ihren Arbeitgebern hingeschickt werden, vorenthalten. Es ist aber durchaus möglich, sich vor Ort einige Tage „Wellness auf Sowjet-Art“ zu organisieren. Aber eben: Russisch muss man dazu können.
(dan/.rufo)
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