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Die Atomanlage von Majak wird auch heute noch genutzt (Foto: flexcom.ru)
Die Atomanlage von Majak wird auch heute noch genutzt (Foto: flexcom.ru)
Montag, 17.09.2007

Wie Weltuntergang: 50 Jahre Atomunfall von Majak

André Ballin, Moskau. Tschernobyl kennt heute jeder. Doch vor 50 Jahren gab es schon einmal ein verheerendes Atom-Unglück in der Sowjetunion, das kaum bekannt ist. Die Katastrophe von Majak wurde bis 1989 verheimlicht.

Es ist der 29. September 1957. Der Herbst beginnt und doch ist der Sonntag in Osjorsk, etwa 100 Kilometer nordwestlich der Ural-Metropole Tscheljabinsk, sonnig und warm. Männer und Frauen genießen den freien Tag vor der nächsten harten Woche, Kinder baden im Fluss.

Ein lauter Knall zerstört die scheinbare Idylle. „Nach der Explosion erhob sich eine einen Kilometer hohe Säule von Rauch und Staub, der Staub flimmerte orange-rot und setzte sich auf Häusern und Menschen ab“, erinnert sich ein Augenzeuge. Die Menschen ahnen noch nicht, dass es einer der schlimmsten Atomunfälle des 20. Jahrhunderts ist.

Majak von Stalin für Bau der Atombombe gegründet



Das Chemiekombinat „Majak“ mit seiner Trabantenstadt Osjorsk war in den 40er Jahren auf Befehl Stalins im Ural errichtet worden, um waffenfähiges Plutonium zu gewinnen. Das Ziel wurde bereits 1949 erreicht, als die Sowjetunion ihre erste Atombombe zündete.

Bedenkenlos wurden in der gesamten Zeit radioaktive Abfälle in den Fluss eingeleitet. Die Bevölkerung wusste davon nichts. Da es wenige Brunnen gab, nutzten die meisten Bauern den Fluss nicht nur als Viehtränke, sondern auch als Trinkwasser. Schon dabei müssen sich viele Menschen radioaktiv verseucht haben.

Funke bringt 80 Tonnen Atommüll zur Explosion


Die Abwässer mit der höchsten Radioaktivität lagerten allerdings in unterirdischen Betontanks. Die stark reaktiven Teilchen erzeugten enorme Energiemengen. Die Tanks mussten daher ständig gekühlt werden.

Als ein Kühlsystem ausfiel, war die Katastrophe nur noch eine Frage der Zeit. Ein überspringender Funke löste dann die Explosion aus. 80 Tonnen Atommüll wurden mit einem Schlag freigesetzt.

Halb soviel Strahlung wie in Tschernobyl


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„Etwa 20 Millionen Curie, halb soviel wie bei der Katastrophe von Tschernobyl, wurden ausgestoßen“, erklärt der Atomexperte Wladimir Kusnezow. Eine radioaktive Wolke trieb eine regelrechte Schneise der Verseuchung mehrere Hundert Kilometer in den Ural.

Die Beseitigung der Unglücksschäden setzte erst zehn Stunden später ein. Die örtliche Verwaltung wartete auf ein Signal aus Moskau. Die Folgen waren katastrophal. Eine Fläche so groß wie Mecklenburg-Vorpommern wurde verseucht.

„Wie beim Weltuntergang“ – Kindersterben nach der Apokalypse


Schon mehrere Monate nach dem Unglück wurde die Ärztin Nina Afonina in das Gebiet beordert. „Die Menschen in der verseuchten Zone wurden zusehends schwächer und starben, vor allem Kinder gingen ein“, erinnert sich Afonina in einem Interview mit der Wochenzeitschrift AiF. Viele der kleinen Opfer konnten bereits nicht mehr aufstehen, sie hatten ihre Haare verloren und siechten dahin.

„Ich weiß jetzt, wie der Weltuntergang aussieht“, erzählt Afonina. „Es sind Dutzende blutende und sterbende Kinder, denen du kein bisschen helfen kannst.“ Auch an der Ärztin sind die Monate im Ural nicht spurlos vorbeigegangen. Die krebskranke Frau ist inzwischen an einen Rollstuhl gefesselt.

Strenge Geheimhaltung vergrößert die Zahl der Opfer


Die Behörden hielten unterdessen die Ursache der Seuche weiterhin geheim. Zwar wurde den Anwohnern die Benutzung des Flusswassers untersagt, aber nicht erklärt, warum. In Ermangelung einer Alternative setzten sich viele Bewohner über das Verbot hinweg und erkrankten.

Innerhalb der nächsten Jahre mussten 10.000 Menschen evakuiert werden, 217 Ortschaften starben aus. Das gesamte Ausmaß des Unglücks ist bis heute nicht bekannt.

Erste Informationen 20 Jahre später – im Westen


Erst 20 Jahre danach tauchten die ersten Informationen darüber im Westen auf. Der aus der Sowjetunion ausgewiesene Biologe Schores Medwedjew machte sie in seinem Buch „Nuclear Disaster in the Urals“ publik und stieß auf Unglauben und Ablehnung. Erst 1989 gab die UdSSR zu, dass es den Unfall überhaupt gegeben hatte.

Langzeitfolgen wirken bis heute


„Bis heute sterben Menschen in dem Gebiet an den Langzeitfolgen“, erzählt Kusnetzow. Bis heute auch wird Majak von der russischen Atomwirtschaft genutzt. Hier wird Atombrennstoff vor allem für militärische Zwecke hergestellt und Atommüll verarbeitet.

Doch hat Russland aus dem Majak-Unfall gelernt? Kusnetzow ist skeptisch. Das letzte föderale Sicherheits-programm sei 2006 ausgelaufen. „Finanziert hat der Staat das Programm nur zu zwölf Prozent“, berichtet er. Viele Kontrollen sind daher ausgefallen.

(ab/epd/.rufo/Moskau)


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