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Im eisigen Winter ist auch ein heißer Tee schon eine wertvolle Hilfe (foto: Kolesnikowa/rufo)
Im eisigen Winter ist auch ein heißer Tee schon eine wertvolle Hilfe (foto: Kolesnikowa/rufo)
Dienstag, 31.01.2006

Winter in Moskau: Wärme auf Rädern für Obdachlose

Karsten Packeiser, Moskau. Ein orthodoxes Helfer-Team ist oft letzte Rettung für Moskauer Obdachlose. Mit einem alten Kleinbus fährt es Nacht für Nacht die Bahnhöfe ab, wo die Behörden hart mit den Armen umspringen.

Der Betrunkene mit dem erblindeten Auge will nicht mitkommen. „Schaffst du es wirklich noch mit eigener Kraft nach Hause?“ fragt Ilja Kuskow zweifelnd nach. „Aber lass dir deine schöne Pelzmütze nicht klauen.“ Nach einem kurzen Blickwechsel setzen Kuskow und sein Kollege ihren Rundgang über den eisig kalten Bahnhofsvorplatz fort.

Ein bisschen Wärme und Arznei von der Kirche


Die beiden Männer mit den blauen Overalls und den aufgenähten Kreuzen gehören zu einem orthodoxen Hilfstrupp, der jede Nacht die großen Bahnhöfe Moskaus abfährt. In ihrem „Barmherzigkeits-Bus“ sammeln sie kranke und halb erfrorene Obdachlose ein, damit diese sich ein wenig aufwärmen und erste medizinische Hilfe erhalten können. In dringenden Fällen ruft die Besatzung des Busses den Notarzt. Das in der russischen Hauptstadt einmalige Projekt wurde im Jahr 2004 ins Leben gerufen und wird von der Sozialkommission der Orthodoxen Kirche finanziert.

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Kuskow war einmal Chemiker an der Moskauer Staatsuniversität. Sein Kollege Oleg Wyschinski arbeitete früher als Arzt in einem Rettungswagen. „Bis zur Midlife-Crisis“, wie er sagt. Alle Mitarbeiter kamen über ihre Kirche zu dem Projekt, weil sie auf der Suche nach einem Ort waren, an dem sie anderen Menschen helfen können.

„Ich weiß inzwischen, dass ich diese Arbeit mein Leben lang machen werde“, meint Kuskow. Sogar seine Ehefrau lernte er in der orthodoxen Hilfsbrigade kennen. Dass er seine Doktorarbeit wohl nie fertig schreiben werde, mache ihm inzwischen nichts mehr aus.

Das Einsatz-Fahrzeug, ein Uralt-Kleinbus der Marke PAZ, ist mit Thermoskannen und Medikamenten vollgestopft. An der Windschutzscheibe hängen Ikonen. Während der nächtlichen Fahrten tragen die Helfer Schutzmasken, denn viele ihrer Passagiere leiden an ansteckenden Krankheiten wie Tuberkulose.

Nur beim Rekord-Frost wurden die Obdachlosen nicht verjagt


Wie viele Obdachlose es in Moskau gibt, weiß niemand genau. Aus der ganzen ehemaligen Sowjetunion strömen noch immer Menschen in die Metropole. Für viele endet der Traum von einem bescheidenen Glück in der Hauptstadt schnell in tiefem Elend. Ohne ein funktionierendes soziales Netz sind sie sich selbst überlassen und der Willkür der Polizei ausgeliefert.

Vor dem Barmherzigkeits-Bus (foto: Kolesnikowa/rufo)
Vor dem Barmherzigkeits-Bus (foto: Kolesnikowa/rufo)
Nur, als in der vergangenen Woche die Temperaturen in Moskau nachts auf unter 30 Grad Frost sanken, zeigten sich die Behörden ungewöhnlich milde. Obdachlose durften ganz offiziell in Bahnhofswartesälen und U-Bahn-Stationen übernachten.

Alle ab in die letzte Elektritschka ...


Bei relativ warmen minus 15 Grad greift die Miliz inzwischen wieder hart durch. „Ich habe mich gestern mit meiner Tochter eine Stunde lang vor ihnen verstecken müssen“, erzählt eine Frau im grauen Wintermantel, als sie sich einen Plastikbecher heißen Tee aus dem „Barmherzigkeits-Bus“ geben lässt.

Um Mitternacht würden die Bahnhofs-Polizisten nun wieder alle Wohnungslosen mit Gewalt in den letzten Vorortzug zerren, der aus der Stadt hinausfährt, und die Waggontüren verrammeln, sagt sie.

Zu den Männern und Frauen aus dem Barmherzigkeits-Bus haben die meisten Obdachlosen dagegen Vertrauen. Kuskow und seine Mitarbeiter kennen viele seit langem persönlich, sie helfen mit Kleidung und Medikamenten, und auch dabei, Arbeit zu finden oder in die Heimatstadt zurückzukehren. „Leider habe ich heute keine Socken mehr auf Lager“, sagt einer der Helfer zu einem frierenden Mann. „Aber wenn du morgen wiederkommst, bringe ich bestimmt welche mit.“

(Karsten Packeiser/epd)


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