Alexander Terechow: Potjomkinsche Dörfer für den Goldenen Ring
Von Ines Lasch. Alexander Terechow muss keine potjomkinschen Dörfer errichten. Er liest sie tagtäglich von der Straße auf und spinnt daraus pralle Grotesken. Angeblich ist er kein Verfechter bestimmter politischer Ansichten. Nach der Lektüre seines Romans „Rattenjagd“ drängt sich allerdings der Eindruck auf, Terechow kokettiert mit seiner „unpolitischen Haltung“. Zudem verfasste und unterschrieb er 2001 einen Brief mehrerer Schriftsteller an Wladimir Putin, in dem die Autoren die Verhaftung des linksbolschewistischen Schriftstellers Eduard Limonow scharf verurteilen und eindeutig als Schwäche der herrschenden Macht gegenüber Dichtern und Denkern definieren.
„Ich denke, dass der einfache Spießbürger, umso mehr der Journalist, der seiner Bestimmung nach borniert und ignorant zu sein hat – überhaupt keine politischen Ansichten haben kann – es gibt nur ein einziges politisches Mischmasch. Zu einem konkreten Fall kann ich schon sagen, was ich denke … Aber so – allgemein habe ich, wie alle, keine politischen Ansichten.“
Alexander Terechow wurde 1966 in Nowomoskowsk bei Tula geboren und studierte Journalistik an der Moskauer Universität. Er ist bis heute Chefredakteur und Herausgeber mehrerer Zeitschriften. In seinen Artikeln und Aufsätzen nimmt er nach wie vor und sehr wohl die russische Bürokratie samt Provinzfürsten aufs Korn, befasst sich mit dem Einfluss der russischen Kirche auf die Gesellschaft und hinterfragt, warum Sekten in Russland auf äußerst fruchtbaren Boden fallen.
Ende der 1980er Jahre begann er Erzählungen zu schreiben, damals war er noch Redakteur der Zeitschriften „Ogonjok“ und „Sowerschenno skretno“ („Streng geheim“). Seit 1997 ist Terechow stellvertretender Chefredakteur des Journals „Ljudi“ („Leute“) und seit 1998 Chefredakteur der Zeitung „Nastojaschtscheje Wremja“ („Die Gegenwart“). Er gibt auch die Internetzeitung Public.RU heraus.
Seine Erzählungen und Romane sind unter anderem in den Literaturzeitschriften „Snamja“ und „Soglasie“ sowie in den Verlagen Prawda, EKSMO, Terra und Glas erschienen. Im Roman „Babajew. Erinnerungen eines ehemaligen Studenten der Moskauer Universität“ lässt er seine Studentenzeit in den Anfangsjahren der Perestrojka Revue passieren.
Die erste Ausgabe der „Rattenjagd“, erschien in Russland 1995 bei „Sowerschenno sekretno“. Ein russischer Provinzfürst will seine verkommene Kleinstadt im Kreis Tambow mit dem bäuerlichen Namen Jagoda („Beere“) partout in den Goldenen Ring um Moskau aufnehmen, der allerdings viele hundert Kilometer entfernt. Ebenso wie die Don-Quelle, die man für Scharen erträumter Touristen noch schnell verlegen will. Die liegt in Wahrheit auch ganz woanders. Moskau hat grünes Licht gegeben: Das Kaff wird mit Unterstützung des örtlichen Deputierten in Moskau extra umbenannt in „Swetlojar“, zu Deutsch etwa „lichtes Steilufer“. Was macht das schon – Russland ist schließlich die Heimat der Elefanten, nichts ist unmöglich.
Alles kleine Fische im Vergleich zum schwierigsten Akt: Die geplante Eröffnung der Donquelle fällt zusammen mit der – erdachten – Tausendjahrfeier des Ortes und – du liebe Güte! – dem Besuch des UNO-Generalsekretärs aus gegebenem Anlass. Das Hotel „Don“, in dem der hohe Gast absteigen soll, ist eine 24-stöckige marode Ruine, in dem die Ratten von der Decke des Festsaales fallen. Der Bau muss innerhalb eines Monats von Ratten befreit werden. Man krempelt die Ärmel hoch und holt sich Hilfe von „Spezialisten“ aus der Hauptstadt. Zu kurz kommen soll bei dem Deal keiner, zu gut funktioniert der Pawlowsche Reflex: Schlagwörter wie „wirtschaftlicher Aufschwung“ und „Perle des Tourismus“ klingen in den Ohren der verschworenen Beteiligten einzig wie bare Münze, endlich mal wahres Business eben. Gogol lässt grüßen und Soschtschenko würde platzen vor Stolz über seinen sprachlichen Enkel Terechow. (isla/.RUFO)
Sicherheitsabstand sieht anders aus. Aber wenn an der Peter-Pauls-Festung in St. Petersburg der Rundflug-Helikopter startet und landet, sind Zuschauer immer ganz nah dabei. Sobald sie allerdings der Rotorwind samt Staubwolke erfasst, haben die Neugierigen wieder etwas Nützliches fürs Leben gelernt. (Topfoto: Deeg/.rufo)