Mittwoch, 01.12.2004

Russen haben keine Mehrheit in Ostukraine

Das Denkmal des ukrainischen Dichters Taras Schewtschenko ist für viele der Prototyp des Ukrainers (Foto: Ballin/.rufo)
Von Alexej Dubatow, Moskau. In den abtrennungswilligen südostukrainsichen Gebieten Donezk, Dnjepropetrowsk, Charkow, Lugansk, Saporoschje, Nikolajew und Cherson stellen Ukrainer gut die Hälfte der Bevölkerung. Die Russen kommen auf ein Drittel. Dann folgen Bulgaren, Weißrussen etc. Den haushohen Sieg des russlandfreundlichen Premiers Janukowitsch in dieser Region hat also nicht die fünfte Kolonne aus Moskau gesichert.
Man kann sich noch so lange am Kopf kratzen. Die Zahlen sind echt. Sie wurden bei der Volkszählung im Dezember 2001 ermittelt. Selbst wenn alle Russen in der Ostukraine für den pro-russischen Regierungskandidaten Viktor Janukowitsch gestimmt hätten, wäre er nie auf 85 und stellenweise sogar „auf über 100“ Prozent der Wählerstimmen gekommen.

Der „fünfte Punkt“ lässt grüßen

\'Bevölkerungsverteilung
Bei der Volkszählung ging man von der Selbstidentifizierung der Befragten aus. In der alten, unguten Sowjetzeit konnte der berühmt-berüchtigte „fünfte Punkt“ (des Personal-Fragebogens) Probleme bis hin zum Berufsverbot bedeuten.

So ließen sich viele Juden und die weitaus meisten Deutschen als Russen eintragen. Das sitzt bei vielen in den Knochen, nur hat sich die Situation nach der Wende ins Gegenteil verkehrt. Russen kaufen sich Geburtsurkunden, wo sie als „Jude“ figurieren, um damit auszuwandern. Und in den neuen Nationalstaaten fühlt man sich als Russe auch nicht unbedingt wohl.

Wie in der „Blechtrommel“

Im Südosten des Landes sprechen viele Russen mit Vorliebe ukrainisch, während sich nicht wenige Ukrainer als Russen empfinden. Markante Beispiele wären Altpräsident Leonid Kutschma und sein Vorgänger Leonid Krawtschuk, dessen Ukrainisch immer wieder Stoff für Witze lieferte.

Kutschma begann erst richtig Ukrainisch zu lernen, nachdem er 1992 zum Präsidenten gewählt worden war. Vergleiche hinken, man fühlt sich aber an die Situation aus Günther Grass` „Die Blechtrommel“ erinnert. Übrigens stammen die beiden Galionsfiguren der Opposition, Julia Timoschenko und Viktor Juschtschenko, von der russischen Grenze im Osten.

Krim und Odessa scheren aus

Anders ist es auf der Krim, wo bis auf eine Handvoll Ukrainer fast nur Russen leben. Die zweitstärkste Gruppe stellen krimtatarische Heimkehrer. Sie sind weniger für die pro-westliche Ukraine, als gegen die Russen, die sie von der Halbinsel zuerst um 1780 und dann 1944 vertrieben, und zwar beim zweiten Mal total.

Odessa, wo immer noch knapp die Hälfte der Stadtbevölkerung jüdisch ist, gehörte mit seinem unnachahmlich drolligen russischen Dialekt innerlich nie zur Ukraine. Wie einst Prag im deutschen Sprachraum brachte Odessa eine beachtliche russische Literatur hervor.

Weniger Geographie, als Mentalität

Ostukrainische Gebiete sind das, was man früher „Kleinrussland“ nannte. Die Westukraine war von der Mittelukraine bis 1939 durch die alte k.u.k.-Grenze getrennt.

Es ist keine Frage der Geographie, sondern die der Mentalität. Reiche Moskowiter schwören beim Bau ihrer Datschas auf Gastarbeiter aus der Westukraine. Die „sapadjanski“ Ukrainer aus dem Westen seien anständig, fleißig und trinken nie in der Arbeitszeit, heißt es. Aus dem Osten kommende „Chochly“ seien dagegen faul und versoffen, kurz: „wie die Unseren“. Heißt in den Edel-Datschen-Siedlungen rund um Moskau. (adu/.rufo)