Montag, 29.11.2004

Ukraine gespalten: Europäische Flurbereinigung?

Der Generalissimus schaut auf die Spätfolgen
Von Gisbert Mrozek, Moskau/Jalta. Hätte Stalin nicht vor 60 Jahren auf der Konferenz von Jalta durchgesetzt, dass das polnische Lemberg zum sowjetischen Lwow wird, dann hätte Putin heute keine Sorgen mit der ukrainischen Opposition. Und US-Strategen wie Zbigniew Brzezinski hätten keinen rechten Ansatz für ein geopolitisches Projekt, das Moskau und Europa zerstreitet, Russland schwächt und sogar zum Krieg auf dem europäischen Kontinent führen könnte.
Auf dem Spiel steht viel: Russland, so doziert der amerikanische Ex-Präsidentenberater Zbigniew Brzezinski, ist zusammen mit der Ukraine unbedingt eine Grossmacht, aber ohne die Ukraine kaum mehr als eine Mittelmacht.

Andererseits wäre Polen, wenn es im Raum des ehemaligen Litauisch-Polnischen Grossreiches zwischen Wilnius, Warschau und Winniza dominieren könnte, sogleich auch zur regionalen Führungsmacht in Mittel-Ost-Europa avanciert.

Die orangene Kastanien-Revolution (nach dem Drehbuch der Umstürze in Tiflis und Belgrad) sei denn auch ein „amerikanisch-polnisches“ Projekt, behauptet der Moskauer Politologe Sergej Markow, der die letzten Monate als Berater vor allem in Kiew verbrachte. Ihr Ziel sei es nicht nur, Russland zu schwächen, sondern auch Polen als amerikanischen Partner und Gegengewicht zu Deutschland und Frankreich zu stärken, um so die EU steuerbarer zu machen.

Diese Interpretation erlaubt es Sergej Markow immerhin, dem Scheitern der Beratertruppe der Stiftung für Effektive Politik (FEP) unter Gleb Pawlowski in Kiew wenigstens globale Dimensionen zu verleihen.

Ein Zerfall der Ukraine ist aus russischer Sicht vielleicht wünschenswert

Das strategische Ergebnis der ukrainischen Krise könnte allerdings auch ganz anders aussehen. Wenn die Ukraine kurz- oder langfristig zerbricht, weil sich der russisch-sprachige, orthodoxe Osten und Süden des Landes, in der die Mehrheit der Bevölkerung wohnt und die Masse der Wirtschaftskraft liegt, partout nicht von dem wirtschaftlich depressiven katholischen Westen regieren lassen will, dann wäre das Ergebnis aus russischer Sicht vielleicht sogar wünschenswert: der Südosten würde sich „natürlich“ an Russland anlehnen, gleichgültig ob die Ukraine zur Föderation oder zur Konföderation wird oder ganz zerbricht.

Bergbau, Metallindustrie und Maschinenbau, Scharzerde-Getreidekammer, Schwarzmeerküste und Tourismus und 25 Millionen Menschen wären eine sehr passable Arrondierung der Russischen Föderation. Zumal die russischen Oligarchen sowieso in den vergangenen Jahren wichtige ukrainische Grossbetriebe aufgekauft haben.

Die Bruchlinien würden entlang der grossen kulturhistorischen Grenzen verlaufen

Galizien war immer polnisch oder k.u.k. Und der Rest der Ukraine hat in der Geschichte sehr zum Ärger ukrainischer Nationalisten eigentlich nie lange als eigenständiger Staat existiert. Die Kiewer Rus war bis zum Tatareneinfall der Vorläufer des späteren Russland.

Der Osten der Ukraine (was auf russisch soviel heisst wie: „am Rande gelegen“, „Grenzland“ oder „Vorland“) ging später als „kleinrussisches Gouvernement“ ins Zarenreich ein. Der Süden und die Krim waren von den Türken und Tartaren besetzt, bis Peter der Grosse und Katharina die Grosse ans Schwarze Meer vorrückten.

Die Grenzen der Ukraine wurden im vergangenen Jahrhundert bereits fünf mal neu gezogen.

Zuerst kurzfristig von Reichswehrgeneral Hoffmann, der nach dem Frieden von Brest-Litowsk die Ukrainische Kornkammer für das hungernde Reich komplett besetzen liess.

Zum zweiten Mal, als die die Gebiete von Charkow und Donezk der neu geschaffenen Ukrainischen Sowjetrepublik zugeschlagen wurden.

Zum dritten Mal, als Stalin mit Hitler vereinbarte, dass die polnischen Gebiete um Lwow ihm gehören. Und das NKWD mit blutigem Durchgreifen gegen \\"bürgerliche und polnische Elemente\\" sehr schnell dafür sorgte, dass sich weder die Wlassow-Armee und die Bendera-Partisanen noch heute UNA/UNSO um mangelnden Zulauf beklagen könnten.

Zum vierten Mal, als Stalin sich seine zweifelhaften Errungenschaften auf der Konferenz von Jalta von Churchill und Roosevelt bestätigen liess. Dies sei wohl einer der grössten strategischen Fehler Stalins gewesen, so stellte der Moskauer Publizist Vitali Tretjakow in der vergangenen Woche auf einer Geschichts-Konferenz fest, die von der GUS-Konföderation der Journalistenverbände an historischem Ort im Levada-Palast in Jalta organisiert wurde.

Zum bisher letzten Mal wurden die Grenzen der Ukraine neu gezogen, als der russische Kur- und Konferenzort Jalta und die russische Krim von Chruschtschow als Flurbereinigungsmassnahme an die Ukraine verschenkt wurden.

Europäische Flurbereinigung ?

Es könnte durchaus sein, dass schon zum 60.Jahrestag der Konferenz von Jalta der historische Fehler Stalins der Korrektur entscheidend näher kommt. Im Rahmen gesamteuropäischer Flurbereinigungsmassnahmen, die gegebenenfalls wünschenswerterweise ebenso glimpflich abgewickelt werden sollten, wie Chruschtschows Schenkungsaktion.

Ärgerlich an allen geopolitischen und kulturhistorischen Spekulationen dieser Art ist allerdings, dass sie leicht zu einer Erklärung, Rechtfertigung und Generalabsolution für gescheiterte Experimente oder banale Machtpolitik werden können, die völlig ausser Acht lässt, dass anscheinend auf den Strassen von Kiew einige hunderttausende von Ukrainern in einer solchen Dynamik zusammenfinden, dass dies den Lauf der Geschichte trotz allem verändern könnte.
(gim/.rufo)