Freitag, 12.07.2013

Jewgeni Jewtuschenko: Umstrittener Dichter wird 80

Jewgeni Jewtuschenko hat auch mit 80 Jahren noch viele Anhänger (Foto: echomsk.ru)
Moskau. Er kleidet sich gern bunt und rezitiert seine Werke vor großem Publikum: Für die einen ist Jewgeni Jewtuschenko ein Perestroika-Held, andere werfen ihm Konformismus vor. Am 18. Juli feiert der Dichter seinen 80. Geburtstag.
Nicht nur der Mensch Jewtuschenko löst seit Generationen Kontroversen aus, sondern allein schon sein Geburtsdatum. Eigentlich ist er schon 81 Jahre alt, aber in seinem Pass steht als Geburtsjahr 1933. Dieser kleine Schwindel war nötig, um bei den sowjetischen Behörden 1944 leichter die Genehmigung zum Umzug aus dem sibirischen Gebiet Irkutsk nach Moskau zu erlangen.

Die Liebe zur Dichtung hatte er von seinem Vater, dem deutschstämmigen Geologen Alexander Gangnus geerbt. Die Großmutter kümmerte sich darum, dass der kleine Jewgeni den Namen seiner Mutter bekam – ein in Zeiten der stalinschen Repressionen gängiges Mittel, um Verfolgungen zu entgehen.

Steile Karriere in der Sowjetunion


Jewtuschenkos Dichterkarriere begann früh und führte schnell steil nach oben. Den Anfang machte 1949 ausgerechnet ein Gedicht über Fußball, das die Zeitung „Sowjetski Sport“ abdruckte. Jewtuschenko hätte selbst Berufsfußballer werden können und ist dem runden Leder sein Leben lang treu geblieben. 2009 gab er sogar das Buch „Meine Futboliade“ heraus, eine Hommage an den sowjetischen Fußball und seine Akteure der 50er und 60er Jahre. Bis heute bedenkt er diverse aktuelle Ereignisse auf dem grünen Rasen mit dem einen oder anderen Gedicht.

Trotz abgebrochener Schulbildung durfte Jewtuschenko 1952 am Gorki-Literaturinstitut in Moskau ein Studium aufnehmen und wurde im selben Jahr trotz seiner Jugend Mitglied im sowjetischen Schriftstellerverband. In dieser äußerst linientreuen Veranstaltung eckte er immer mal wieder an, zeigte aber auch schon früh eine Kompromissbereitschaft, die ihm half, die Untiefen der restriktiven Sowjetregeln ohne große Verluste zu umschiffen.

Jewtuschenko ließ „Fetzen der eigenen Haut“


In seiner Autobiographie „Der Wolfspass“ hat er diesen Umstand später folgendermaßen erklärt: "Entweder der Dichter ging und druckte alles, was er wollte, im Westen (...), oder er blieb und schlängelte sich durch die Zensur wie durch einen Stacheldrahtzaun, in dem er Fetzen der eigenen Haut ließ."

Tatsächlich finden sich in Jewtuschenkos Oeuvre so widersprüchliche Dinge wie ein Trauergedicht zu Stalins Tod und Hymnen auf den sozialistischen Aufbau neben der Verteidigung von Solschenizyn und der Verurteilung der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 durch die Sowjetunion. Als einer der Wenigen hatte er zu Sowjetzeiten die Gelegenheit zu Auslandsreisen, weit bekannt ist zum Beispiel sein Treffen mit US-Präsident Richard Nixon 1972. Vor dessen Besuch in der Sowjetunion hatte Jewtuschenko sozusagen den diplomatischen Boden bereitet.

Poem Babi Jar macht Jewtuschenko bekannt


Die Rolle als Sowjetbotschafter kam nicht von ungefähr, nachdem Jewtuschenko mit seinem Poem „Babi Jar“ 1961 weltweite Bekanntheit erlangt hatte. Darin hatte er erstmals den Massenmord an den Kiewer Juden 1941 thematisiert. Das deutsche Verbrechen war in der latent bis offen antisemitisch gestimmten sowjetischen Gesellschaft bis dahin verschwiegen worden.

Jewtuschenko führte stets ein Leben zwischen Anpassung und Widerstand, wofür ihm der aus der Sowjetunion vertriebene Leningrader Nobelpreisträger Joseph Brodsky einst Doppelzüngigkeit vorwarf. Halb Dissident, halb Staatsdichter ist Jewtuschenko bis heute geblieben. Nach seiner engagierten Unterstützung von Michail Gorbatschows Glasnost und Perestroika kehrte er Russland Anfang der 1990er Jahre den Rücken und flüchtete vor dem nun blühenden „Literaturkommerz“ in die USA, wo er in Oklahoma Literaturvorlesungen begann, die er bis heute hält.

Große Anhängerschaft bis heute


Zuhause versammelt er noch immer stadiongroße Säle und fesselt sein Publikum mit seiner rednerischen Brillanz, wobei er stets in bunten Hemden und Jacketts auf die Bühne tritt. Diesen Spleen hat er einmal so erklärt: „Die schwarzen Steppjacken der Häftlinge und die khakifarbenen Uniformen der Soldaten in meiner Kindheit haben mir gereicht. Ja, ich liebe die Farbenpracht.“

Auch der Kreml liebt ihn immer noch. 2009 erhielt er den renommierten Staatspreis der Russischen Föderation für sein Lebenswerk. Die „New York Times“ hatte ihn schon in den 1980er Jahren zum „größten lebenden Dichter der Welt“ gekürt. Inwieweit das der Wahrheit entspricht, sei dahingestellt. Es zeigt aber nur zu deutlich, wie das Phänomen Jewtuschenko seit Jahrzehnten für Kontroversen sorgt.