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Anatoli Tschubais: Für viele Russen gilt er von vornherein als schuldig (Foto: Djatschkow/.rufo)
Anatoli Tschubais: Für viele Russen gilt er von vornherein als schuldig (Foto: Djatschkow/.rufo)
Montag, 05.10.2009
Aktualisiert 05.10.2009 17:22

Kraftwerksunglück: "An allem ist Tschubais schuld"

Moskau. 75 Tote forderte die Havarie im größten Wasserkraftwerk Russlands. Laut Bericht der technischen Aufsichtsbehörde gibt es mehrere Gründe für die absehbare Katastrophe – und eine Reihe von Schuldigen, darunter auch Tschubais.

„An allem ist Tschubais schuld“ – der Ausspruch von Ex-Präsident Boris Jelzin verfolgt den ehemaligen Vize-Premier und Chefprivatisierer der russischen Wirtschaft bis heute. Nun hat ein Bericht der technischen Aufsichtsbehörde RosTechNadsor den Vorwurf erneuert. Denn Anatoli Tschubais wird als einer der Schuldigen bei der Katastrophe im Wasserkraftwerk Sajano-Schuschinskoje genannt.

Die Reparaturarbeiten an dem grössten Wasserkraftwerk Russlands sollen die russische Volkswirtschaft fast eine Milliarde Euro kosten - und einige Beamte Kopf und Kragen.

Lange Vorgeschichte der Katastrophe


Als am 17. August die Turbine Nr.2 sich aus ihrem Fundament losriss und durch einen Wasserdruck von 20.000 Tonnen explosionsartig in die Höhe geschleudert wurde, als Wasser den ganzen Maschinenraum überschwemmte und das Kraftwerk außer Gefecht setzte, war dies kein plötzlicher Unglücksfall, sondern eine lange vorauszusehende Katastrophe. Seit Monaten hatten die Anzeigen des Kraftwerks vor einer Überlastung der Maschinen gewarnt. Geachtet hatte niemand darauf.

Das Wasserkraftwerk Sajano-Schuschinskoje am Oberlauf des Jennissej ist seit 1978 in Betrieb. Es war eines der großen sibirischen Bauprojekte des Komsomol in der Breschnew-Ära, so wie die BAM (Baikal-Amur-Magistrale).

Schon 1979 und dann 1985 und 1988 kam es zu ersten Unfällen, weil zu hoher Druck die Wassersammler zerstörte. Ende der 80er Jahre bildeten sich Risse in der Stauwerksmauer, die mit Hilfe einer französischen Firma gedichtet werden sollten.

Wegen zu starker Vibrationen waren bei über 10% der Fundamentsbolzen die Schraubenmuttern abgefallen


Die zehn Hydroaggregate wurden in den Jahren 1978 – 1985 in das Kraftwerk eingebaut. Die Betriebsdauer einer solchen Turbine liegt bei 30 Jahren – die Turbine, die schließlich zum Unfall führte, hatte ein Alter von 29 Jahren und 10 Monaten. Kurz nach der Inbetriebnahme hatte es bereits starke Probleme mit Vibrationen der Turbine gegeben. Zwar gab es 2005 eine Generalüberholung des Kraftwerkes und Anfang 2009 eine kleine Sanierung.

Bei Russland-Aktuell
• Petersburg baut Turbinen für Sajano-Schuschenskoje (02.10.2009)
• Gibt es eine dritte Privatisierungswelle in Russland? (23.09.2009)
• Zerstörtes Wasserkraftwerk liefert ab April wieder Strom (17.09.2009)
• 900 technogene Katastrophen auch ohne Industriesabotage (24.08.2009)
• 50 Menschen vermisst, Sintflut in Sibirien blieb aus (17.08.2009)
Doch die Unglücksturbine erreichte selbst nach der Wartung häufig Vibrationswerte, die weit über der eigentlich zulässigen Grenze lagen. Laut RosTechNadsor stiegen die Vibrationen in bestimmten Drehzahlbereichen auf das Vierfache des zulässigen Wertes. Geachtet hatte niemand darauf.

Da die Turbine aber nicht im Grundlastbereich mit zulässigen, permanenten Drehzahlen eingesetzt wurde, sondern häufig hoch- und runtergefahren wurde, war sie sehr starken Belastungen ausgesetzt, sagt RosTechNadsor. So waren die Schraubenmuttern von sechs der 45 Befestigungsbolzen am Fundament der Turbine, die man wiedergefunden hat, durch die ständigen Vibrationen bereits abgefallen. Auch darauf achtete niemand. Die verbleibenden Bolzen konnten schliesslich am 17.August die Belastung nicht mehr aushalten.

Der Chefingenieur des Kraftwerks Andrej Mitrofanow hätte laut RosTechNadsor die Turbine eigentlich längst stilllegen müssen. Doch er ist nicht der einzige auf der Liste der Schuldigen, die die Aufsichtsbehörde aufzählt. 25 Personen stehen insgesamt darauf.

Inbetriebnahme ohne Sicherheitsauflagen


Darunter ist auch Anatoli Tschubais. Im Jahr 2000 hat er als Chef des nationalen Stromversorgers RAO EES Rossii unterschrieben, dass dass Kraftwerk betriebsbereit sei – „ohne die nötige Sicherheitseinschätzung“, wie RosTechNadsor nun feststellt. Im Gegenteil heisst es in der von Tschubais unterschriebenen Verordnung, Schäden an den Turbinen seien nur "teilweise behoben" worden. Die Anlagen müssten "ausgewechselt" werden - was allerdings nie geschah.

Tschubais selbst verwahrt sich gegen die Vorwürfe. Er sei zwar verantwortlich für die Inbetriebnahme trotz der Sicherheitsmängel. Es sei aber unmöglich gewesen, das Kraftwerk nicht abzunehmen damals, denn das hätte bedeutet, für ganz Sibirien den Strom abzuschalten, erklärt er.

Ist der Ruf erst ruiniert…


„Ein Gericht muss feststellen, wer schuld ist“, erklärt der Chef von RosTechNadsor, Nikolai Kutjin. Seine Behörde liste nur die Namen auf, die im Vorfeld des Unglücks eine Rolle für dessen Zustandekommen gespielt haben. Die juristische Würdigung sei nicht seine Sache.

Neben Tschubais stehen übrigens auch Ex-Energieminister Igor Jussufow und der derzeitige Vize-Energieminister Wjatscheslaw Sinjugin auf der Liste.

Die Chance, dass Tschubais wegen dieser Unterschrift auf der Anklagebank landet, ist gering. Immerhin hielt das Wasserkraftwerk noch neun Jahre durch, ehe es platzte. Seinen Ruf als „Schuldiger“ beim russischen Volk hat er ohnehin sicher.



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