Montag, 20.06.2011

Sowjet-Dissidentin Jelena Bonner in USA gestorben

Krankenschwester Jelena Bonner (yavlinski.ru)
Moskau/Brüssel. Die russische Bürgerrechtlerin Jelena Bonner, Witwe des Friedensnobelpreisträgers Andrej Sacharow, ist tot. Die frühere sowjetische Dissidentin sei nach langer Krankheit im Alter von 88 Jahren in Boston (USA) gestorben, teilte ihre Tochter am Sonntag mit.
Bis kurz vor ihrem Tod übte Bonner scharfe Kritik an der Situation in ihrer Heimat und an der Regierung von Ministerpräsident Wladimir Putin, dessen Rücktritt sie noch im März 2010 gemeinsam mit anderen Oppositionellen forderte.

Auch zu Sowjetzeiten war Bonner eine scharfe Kritikerin. Nach dem Zerfall des Ostblocks setzte sie sich immer wieder für Menschenrechte in ihrer Heimat ein. Aus Protest gegen den Krieg in Tschetschenien trat sie 1994 aus der Menschenrechts-Kommission des damaligen russischen Präsidenten Boris Jelzin aus.

Russische Menschenrechtler sprachen von einem großen Verlust. «Sie gab der Moskauer Helsinki-Gruppe nicht nur ein Gesicht», sagte die Aktivistin Ljudmila Alexejewa. Der Bürgerrechtler Lew Ponomarjow würdigte den Einsatz Bonners zu Sowjetzeiten «unter Gefahr von Leib und Leben».

EU-Parlamentspräsident Jerzy Buzek erklärte, Bonner habe gemeinsam mit Sacharow «den Menschen Mut gemacht, die verzweifelt nach Freiheit und Gerechtigkeit suchten». Das Europaparlament verleiht seit 1988 jährlich einen Sacharow-Preis für Gedankenfreiheit.

Die Küche von Andre Sacharow und Jelena Bonner war ein Epizentrum kritischen Denkens. (hro.org)
Bonner soll an der Seite ihres Ehemannes auf dem Wostrjakowskoje-Friedhof in Moskau beigesetzt werden.

Jelena Bonner kam 1923 in Turkestan in einer armenischen Familie zur Welt. Sie besuchte in Leningrad die Schule, das Institut für russische Literatur und dann nach dem Krieg die Medizinische Fakultät der Universität.

Im Zweiten Weltkrieg arbeite Jelena Bonner als freiwillige Krankenschwester in der Roten Armee und wurde verwundet. 1965 trat sie der KPdSU bei, 1972 wieder aus. Seit 1980 lebte sie mit ihrem Mann Andre Sacharow in der Verbannung in Gorki (heute wieder Nischni-Nowgorod))

Sacharow (1921-1989), Entwickler der sowjetischen Wasserstoffbombe, war 1975 «wegen seines Streben nach einer rechtsstaatlichen und offenen Gesellschaft» mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden. Weil Moskau ihm die Reise verbot, nahm Jelena Bonner damals die Ehrung in Oslo entgegen.

(rufo/dpa)